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Aus: Ausgabe vom 13.08.2022, Seite 7 / Kapital & Arbeit
Energieversorgung

Zurück zur Kohle

Der Wirtschaftskrieg des Westens gegen Russland treibt Energiepreise und CO2-Ausstoß in die Höhe
Von Knut Mellenthin
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Rotterdam: Hafenkapazität in EU reicht derzeit kaum aus, die benötigten höheren Mengen an Kohle umzuschlagen

Seit Donnerstag ist die Einfuhr von Kohle aus Russland in die Europäische Union verboten. Bis dahin durften gemäß dem Boykottbeschluss des EU-Rats vom 8. April noch die vorher geschlossenen Lieferverträge abgewickelt werden. Das Verbot war Teil des fünften Schubs der Sanktionen, mit denen die westliche Allianz Russland seiner Exporteinkünfte berauben und wirtschaftlich in die Knie zwingen will. Internationale Experten sind sich allerdings einig, dass dieses Ziel bisher verfehlt wurde. Wie bei Erdgas und Öl wirkt auch der Boykott gegen russische Kohle enorm preistreibend. Das rohstoffreiche Land kann auf andere Märkte ausweichen und dank enorm gestiegener Marktpreise insgesamt höhere Einnahmen erzielen als vor der westlichen Wirtschaftsaggression.

Zum vollen Inkrafttreten des EU-Kohleboykotts um Mitternacht zwischen Mittwoch und Donnerstag zitierten die staatstreuen deutschen Medien eine beruhigende Stellungnahme des Vorstandsvorsitzenden des Vereins der Kohlenimporteure, Alexander Bethe: Mit Lieferengpässen in Europa sei nicht zu rechnen, da ausreichend Alternativkohle auf dem Weltmarkt verfügbar sei. Das hatte Bethe auch schon am 28. Juni in einer Pressemitteilung geschrieben. Dort wurde allerdings eingeräumt, dass die wichtigsten Seehäfen Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen »voll ausgelastet« seien und »am Limit« liefen und dass es außerdem auch Probleme bei der Binnenlogistik, dem Weitertransport der Kohle von den Seehäfen zu den Kraftwerken per Schiff oder Bahn, gebe. Ursache dieser Probleme ist offenbar nicht der Wechsel von russischen zu anderen Lieferanten, sondern der seit letztem Jahr verstärkte Einsatz von Kohle aufgrund der steigenden Gaspreise.

Tatsächlich ist »Alternativkohle« auf dem Weltmarkt verfügbar. Die größten Anbieter neben Russland sind Australien mit 35,7 Prozent der 2021 weltweit gehandelten Kohle, Indonesien (21,6 Prozent), die USA (7,9 Prozent), Südafrika (4,9 Prozent), Kanada (4,9 Prozent) und Kolumbien (3,6 Prozent). Auf Russland, das seine Kundschaft nun wegen der westlichen Boykottmaßnahmen völlig neu sortieren muss, entfielen im Vorjahr 14,3 Prozent. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass der internationale Kohlehandel schon von 2020 auf 2021 um fast 50 Prozent zunahm. Dass trotzdem noch Kohle »verfügbar« sei, wie der zitierte Vorstandsvorsitzende Bethe versichert, ist allerdings nichtssagend: Wenn man entsprechend zahlt, kriegt man selbstverständlich fast alles. Wichtiger Fakt ist, dass sich die Kohlepreise seit Januar verdoppelt und gegenüber Anfang 2021 nahezu verdreifacht haben.

Im Fall der EU geht es nicht nur um die Ersetzung der Kohleimporte aus Russland durch andere Lieferländer, sondern auch und vor allem um den Umstieg von russischem Erdöl und -Gas auf den verstärkten Einsatz von Kohle, hauptsächlich zur Stromerzeugung, die schon praktisch abgemeldet schien. Die EU verbrauchte 2020 rund zwei Drittel weniger Kohle als 30 Jahre zuvor. Noch stärker sank die Gesamtmenge, die im Gebiet der Union gefördert wurde. 45 Prozent der Kohle, die 2021 von den Ländern der EU verbraucht wurde, kam aus Russland.

Zu den Schäden, die mit der massiv, hastig und anarchisch angestrebten »Unabhängigkeit von Moskau« verbunden sind, gehören die Rückkehr zur Kohle, die Verlängerung der geplanten Laufzeiten bestehender und der Bau neuer Kohlekraftwerke. Diese Entwicklung findet voraussichtlich nicht nur für eine kurze Übergangszeit statt, sondern wird mehrere Jahre lang die europäische und die globale »Klimabilanz« noch weiter verschlechtern. Das wird von den Staaten der westlichen Allianz offenbar ebenso willig in Kauf genommen wie die Explosion der Energiepreise, weil alle »Nebenaspekte« dem strategischen Moment einer globalen Konfrontation mit Russland und China untergeordnet werden.

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