Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Dienstag, 27. September 2022, Nr. 225
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 13.08.2022, Seite 5 / Inland
Tarifverträge warten auf Umsetzung

Unter Druck

Klinikum Vivantes: Über Zustände in Rettungsstellen soll nicht gesprochen werden. Personalflucht bei Töchtern
Von Susanne Knütter
Notaufnahme_73740604(1).jpg
Überlastete Notaufnahmen und Rettungsdienste sind nicht nur ein Problem des Berliner Krankenhauskonzerns Vivantes

Die Wartezeiten in Berliner Notaufnahmen betragen derzeit sechs bis 48 Stunden. Die Vivantes-Rettungsstellen seien fast täglich über den Senat bei der Feuerwehrleitstelle abgemeldet, erklärte der Betriebsrat des Berliner Krankenhauskonzerns Vivantes am Freitag. Das heißt: Rettungswagen mit Notfallpatienten werden dann teilweise nicht mehr angenommen. »Der Versorgungsauftrag für die Bevölkerung Berlins ist somit nicht gewährleistet.«

Wer die gefährlichen Zustände anspricht, muss mit Repressalien rechnen. Nach jW-Informationen mehren sich die Indizien, dass Beschäftigte von Vivantes, die auf die prekäre Situation hinweisen, seitens der Geschäftsführung unter Druck gesetzt werden. In der Pressemitteilung gibt der Betriebsrat den Kollegen Rückendeckung. »Trotz festgelegter schichtgenauer Besetzungsvorgaben durch den neuen Tarifvertrag Entlastung« sei die »personelle Besetzung aktuell so schlecht wie noch nie«. Teilweise seien nur drei von 13 Pflegekräften im Dienst. Der Betriebsrat sieht sich daher gezwungen, Dienstpläne zum Schutz der Patienten und Kollegen abzulehnen. Infolge »massiver Überstunden« und »nicht genommener Pausen« lägen der Interessenvertretung etliche Gefährdungsanzeigen von Kollegen vor.

Im Tarifvertrag »Pro Personal Vivantes«, der im vergangenen Jahr mit wochenlangen Arbeitsniederlegungen erkämpft worden ist, sind auch Mindestpersonalbesetzungen und Entlastungsregelungen für die zentralen Notaufnahmen festgehalten. Nach Angaben der Vivantes-Geschäftsführung seien außerdem einzelne Regelungen speziell für die Rettungsstellen vereinbart worden. Seit Inkrafttreten des Tarifvertrags am 1. Januar dieses Jahres hätte das Management »mit dem Betriebsrat eine große Zahl von zum Teil komplizierten Detailfragen verhandelt« und viele »bereits geklärt«, teilte der Leiter der Konzernkommunikation, Christoph Lang, gegenüber jW mit. So werde der Tarifvertrag »Punkt für Punkt« umgesetzt und »die minutengenaue Belastungsmessung« auch in den Notaufnahmen durchgeführt. Schon vorher habe es pauschalen Freizeitausgleich für die betroffenen Berufsgruppen und Zuschläge für freiwilliges »Einspringen aus dem Frei« gegeben.

Anstatt für Entlastung zu sorgen »honoriert Vivantes die Belastung«, sagte Josephine Thyrêt, Vorsitzende des Betriebsrates der Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH, am Freitag gegenüber jW. Der Tarifvertrag sei eine gute Grundlage für eine Entlastung des Personals. Aus Sicht der Betriebsrätin fehle aber der Wille zur Umsetzung. Die Geschäftsführung verweist auf den Fachkräftemangel. Thyrêt reicht das als Erklärung nicht aus. Der Personalmangel sei zwar enorm. Wenn aber keine neuen Beschäftigten gewonnen werden können, müsse man sich fragen, »ob die Anreize ausreichen«. Darüber hinaus gebe es keine Leasingstrategie. Es mangele nicht nur an Neueinstellungen. Es würden auch keine Leihkräfte geholt.

Ein grundsätzliches Problem: Die Rettungsstellen sind der »unlukrativste Ort« im Krankenhaus. Pflegestellen auf den Stationen werden vom Bund gegenfinanziert, im »Funktionsdienst« Notaufnahme hingegen nicht. Für den ambulanten Notfallpatienten gebe es eine Pauschale von etwa 40 bis 80 Euro, so Thyrêt.

Die Not in den Rettungsstellen wird durch den Personalmangel in anderen Bereichen noch verschärft. Wie Verdi am Freitag mitteilte, erreichten die Gewerkschaft zahlreiche Hilferufe von Beschäftigten der Vivantes-Tochterunternehmen. Insbesondere bei den Reinigungskräften, aber auch in der Zentralsterilisation habe sich der Personalmangel in den letzten Wochen drastisch zugespitzt, heißt es in einer Erklärung. Von Personalflucht und sehr hohem Krankenstand ist die Rede. Deshalb könnten Stationen nicht mehr im gleichen Umfang gereinigt werden. Operationen müssten verschoben werden, weil das nötige OP-Besteck nicht rechtzeitig sterilisiert werden kann.

Und auch im Falle der Tochtergesellschaften, das machte Verdi in der Erklärung deutlich, spielt der Frust über die unzureichende Umsetzung der im letzten Jahr durchgesetzten Tarifverträge eine große Rolle. Hier gibt es seit Monaten eine Auseinandersetzung über die korrekte Eingruppierung der Beschäftigten. Die aktuell vorgenommene Eingruppierung durch die Geschäftsführung ist für viele Beschäftigte zu schlecht, so dass in anderen Unternehmen für die gleiche Tätigkeit besser bezahlt wird. Dazu gab es in den letzten Wochen Verhandlungen zur Anpassung der Eingruppierungsregelungen im neuen Tarifvertrag. »Das letzte Angebot der Vivantes-Geschäftsführung sieht vor, neu eingestellte Beschäftigte schlechter zu bezahlen als die Bestandsbeschäftigten«, erklärte Gisela Neunhöffer, die für Verdi die Verhandlungen mit dem Konzern maßgeblich führt.

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

  • Leserbrief von Joachim Seider aus Berlin (15. August 2022 um 12:33 Uhr)
    Auch die Situation bei Vivantes (wie im deutschen Gesundheitswesen überhaupt) beweist nachdrücklich: Das Profitmotiv kann organisieren, aber auch desorganisieren. Kapital kann in hoher Geschwindigkeit aufbauen, es kann aber auch in höchstem Tempo zerstörend wirken. Es wird nicht reichen, dem mit der zahnlosen Forderung begegnen zu wollen, die Politik möge das Gesundheitswesen aus dem Bereich der Kapitalverwertung herausnehmen. Das Kapital, in dessen Interesse die Politik zu handeln hat, wird diesen Bereich nie wieder hergeben. Denn die Profite, die sich aus Krankheit, Not und Leid herausschlagen lassen, sind viel zu hoch, um künftig freiwillig auf sie zu verzichten.

Ähnliche:

  • Protest gegen den Klinikkonzern Vivantes in Berlin (o. D.)
    28.04.2022

    Plus vereinbart, Minus gezahlt

    Protestkundgebung in Berlin: Kommunaler Krankenhauskonzern Vivantes hintergeht Beschäftigte bei Umsetzung des Tarifvertrags
  • Hündin Bini nutzt Spezialsprechstunde für adipöse Hunde und Katz...
    04.05.2021

    Präsidiales Unrecht

    Tierklinik FU Berlin: Verdi-Betriebsgruppe kündigt Aktionen gegen Lohndumping durch Unileitung an
  • 15.09.2016

    Warnstreik bei Median

    Der Gesundheitskonzern zerschlug die meisten der bei ihm ­geltenden Tarifverträge. Jetzt will er seinem Servicepersonal Lohnsteigerungen vorenthalten.

Regio: