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Aus: Ausgabe vom 13.08.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Energiepolitik

Grünes Fracking, schwarze AKW

Exökopartei findet Klimaschutz nicht mehr so wichtig, Union will mal wieder Reaktorlaufzeiten verlängern
Von Wolfgang Pomrehn
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»Mindestens so klimaschädlich wie Kohle«: »Ende Gelände«-Demo gegen LNG-Terminal in Brunsbüttel (31.7.2021)

Die energiepolitische Debatte in Deutschland hat in den vergangenen Monaten bizarre Wendungen genommen. Die Grünen unterstützen nun den Import von sogenanntem Frackinggas aus den USA und wollen dafür Flüssiggas- oder LNG-Terminals bauen lassen. Die Förderung des mit viel Wasser, allerlei Chemikalien und Sand aus kleinen Gesteinsporen im Untergrund herausgepressten Gases ist nicht nur wegen der Gefährdung von Trinkwasserreservoirs hochriskant, sondern auch wegen der dabei freigesetzten Treibhausgase in Form von Methan. Anders als konventionelles Erdgas ist es wegen dieser Emissionen mindestens so klimaschädlich wie Kohle.

Der Widerstand gegen ihre LNG-Pläne ist den Grünen so unangenehm, dass die Polizei der von ihnen und der SPD regierten Hansestadt Hamburg versuchte, ein Protestcamp von Ende Gelände, Fridays for Future, Lateinamerika-Solidaritätsgruppen und zahlreichen anderen Organisationen zu unterbinden. Vergeblich. Vor Gericht hatte das Verbot keinen Bestand. Am vergangenen Dienstag wurde es eröffnet, am Mittwoch abend gab es eine große Demonstration, und noch bis zum 15. August soll im Volkspark Altona unter dem Motto »System Change« (Systemwandel) über Energiepolitik, Kolonialismus, die verheerenden Auswirkungen des Kohleabbaus in Kolumbien und vieles mehr diskutiert werden.

Ähnlich bizarr wie die neue Begeisterung der Grünen für klimaschädliches Frackinggas und arabische Despoten – unvergessen der Diener des grünen Wirtschaftsministers vor dem Emir von Katar – ist der Versuch der politischen Rechten, der Atomkraft neues Leben einzuhauchen. Eigentlich sollen in den drei letzten deutschen Atomkraftwerken (»Emsland A« in Niedersachsen, »Neckarwestheim 2« in Baden-Württemberg und »Isar 2« in Bayern) spätestens Ende 2022 die Lichter ausgehen. So steht es seit 2011 im Atomgesetz. Normalerweise werden die Anlagen alle zehn Jahre auf Herz und Nieren überprüft, doch zuletzt geschah dies 2009. Auf den letzten Sicherheitscheck wurde wegen der baldigen Stillegung verzichtet.

Das hält nun die Unionsparteien nicht davon ab, lauthals nach Verlängerung der Laufzeiten zu rufen. Anfang August besuchte gar der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz gemeinsam mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder das AKW »Isar 2« und verkündete am Anschluss, er habe gerade »eines der modernsten Kernkraftwerke der Welt besichtigt«.

Dazu muss man wissen, dass »Isar 2« im April 1988 in Betrieb ging. Baubeginn war 1982, die Pläne stammen aus den 1970er Jahren. Wenn dies eines der modernsten Anlagen der Welt sein soll, spricht das nicht unbedingt für »Isar 2«, sondern eher gegen die anderen AKW. In Bayern ist jedenfalls seit nunmehr drei Jahren eine gründliche Sicherheitsüberprüfung überfällig, für die die Anlagen im übrigen für mehrere Wochen abgeschaltet werden müssten, in denen sie dann keinen Strom liefern können.

Nach einem Gesprächsprotokoll, das die Süddeutsche Zeitung kürzlich veröffentlichte, haben die Betreiber dem Wirtschaftsministerium signalisiert, dass ein Weiterbetrieb nur möglich ist, wenn Abstriche an der Sicherheit gemacht und die Überprüfungen »weniger tief«, also nicht so gründlich, durchgeführt werden. Das dürfte insbesondere in Neckarwestheim ein Problem sein. Dort werden seit 2017 regelmäßig im Rahmen der jährlichen Revision Risse an Rohren gefunden. Zuletzt entdeckte man im vergangenen Juni 35 neue Risse an Heizrohren im Dampferzeuger, heißt es im Stuttgarter Umweltministerium. Dies sei aber eine geringe Zahl, und keiner der in diesem oder in früheren Jahren gefundenen Risse sei vollständig durch ein Rohr gegangen.

Das ist auch besser so, denn durch die Heizrohre läuft das hochgradig radioaktiv belastete Wasser des Primärkreislaufs. In den Dampferzeugern geben sie die Energie an den Sekundärkreislauf ab. Würden sie brechen, würden die im Wasser enthaltenen radioaktiven Spaltprodukte freigesetzt.

Umweltministerin Thekla Walker (Bündnis 90/Die Grünen) findet das nicht weiter dramatisch und genehmigte das Wiederanfahren des Reaktors Anfang Juli. Die Union möchte offensichtlich dieses russische Roulette gerne noch ein paar Monate oder gar länger ausdehnen.

Hintergrund: Energieversorgung

In Deutschland wurden nach den Zahlen des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme 2021 491,8 Milliarden Kilowattstunden Strom ins öffentliche Netz eingespeist. Davon wurden netto (Export minus Import) 19,3 Milliarden ins Ausland verkauft, und zwar für gut zwei Milliarden Euro. Das sind immerhin etwas über zehn Cent pro Kilowattstunde, also deutlich mehr als die Gestehungskosten in alten, abgeschriebenen Kohle- oder Atomkraftwerken, deutlich mehr auch als die Einspeisevergütung für Windstrom. Davon, dass Deutschland seinen Strom im Ausland verschleudern müsste, wie von Gegnern der Energiewende des öfteren behauptet, kann also keine Rede sein.

Nicht aller Strom, den Kraftwerke produzieren, wird auch ins öffentliche Netz eingespeist. Die Anlagen haben nämlich einen zum Teil hohen Eigenverbrauch. Deshalb wird zwischen Brutto- und Nettoerzeugung unterschieden. Oben wurde die Nettoerzeugung angegeben. Bei Atomkraftwerken beträgt der Eigenbedarf 5,5 Prozent der Bruttostromerzeugung, bei Steinkohle 8,3, bei Braunkohle 7,7 und in Gaskraftwerken 3,4 Prozent der Bruttostromproduktion.

Der 2021 netto ins Netz eingespeiste Strom verteilte sich wie folgt: Atomkraft 13,3 Prozent, Laufwasser 3,6, Braunkohle 20,3, Steinkohle 9,5, Erdgas 10,5, Wind 22,7, Solar 9,9 und Biomasse 8,5 Prozent. Ein kleiner Rest entfällt auf Müll, Öl und andere Erzeugungsarten. Insgesamt haben die erneuerbaren Energieträger 2021 45,7 Prozent zur Nettostromerzeugung für das öffentliche Netz beigetragen. Wegen eines außerordentlich windarmen Jahres war es erstmalig ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr. Bedenkt man allerdings, dass Deutschland im größeren Umfang Strom exportiert, liegt der Beitrag von Sonne, Wind und Co. zur Inlandsversorgung inzwischen bei 47,3 Prozent.

Zusätzlich zur ausschließlichen Erzeugung für das öffentliche Netz gibt es in Industrie und Bergbau zahlreiche Kraftwerke, die im wesentlichen der Selbstversorgung dienen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes trugen sie 2019 – neuere Zahlen liegen nicht vor – 13,8 Prozent zur bundesweiten Bruttostromerzeugung bei. Das waren 53,4 Milliarden Kilowattstunden. Die Hälfte davon wurde mit Erdgas erzeugt, weitere 19,3 Prozent mit anderen Gasen. Stein- und Braunkohle trugen zusammen nur noch 11,6 Prozent bei, ihr Anteil ist in diesem Sektor im letzten Jahrzehnt deutlich zurückgegangen.

Alle Kraftwerke zusammen sowie bestimmte Industrieprozesse wie die in der chemischen Industrie übliche Gewinnung von Wasserstoff aus Erdgas hatten nach Angaben des Umweltbundesamtes 2021 einen Anteil von 56 Prozent am Zustandekommen der deutschen Treibhausgasemissionen. (wop)

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  • Leserbrief von Holger K. aus Hessen (12. August 2022 um 23:20 Uhr)
    Nachdem sich die Grünen vom Pazifismus verabschiedet haben, ist nun als Nächstes der Umweltschutz an der Reihe, der heimlich still und leise mehr oder minder entsorgt wird. Das wird gewiss nicht mit einem Schlag geschehen, wohl aber sukzessive. Was bleibt dann von den sogenannten Grünen als Programm noch übrig? Nun, sie verkommt zu einer reinen Kriegspartei, eine des Feminismus und der Regenbogensexualität.

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