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Aus: Ausgabe vom 12.08.2022, Seite 12 / Thema
Ausbeuten und plündern

»Wir brachten Zivilisation«

Volkswagen am Amazonas. Wie der Automobilkonzern mit Brasiliens Militärjunta kooperierte und Mitarbeiter drangsalierte
Von Michael Kohler
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Im Bunde mit der Junta. Der Werkschutz von VW do Brasil ließ Kollegen überwachen und ausspionieren, fertigte schwarze Listen an, verhaftete Mitarbeiter und lieferte sie an den Geheimdienst aus (VW-Werk in Brasilien um 1976)

Auf dem Foto aus den 1970er Jahren sitzt ein Mann leicht nach vorne gebeugt auf seinem Pferd, die Zügel lässig, aber sicher in der linken Hand, im Hintergrund eine Herde ausgemergelter Zeburinder.¹ Er trägt eine schwere Lederhose mit reichem Besatz, ein strahlend weißes, körperenges Hemd mit buntem Halstuch, über der riesigen Sonnenbrille einen schwarzen Cowboyhut und am linken Handgelenk eine fette Uhr. Durch die Sonnenbrille schaut er entschlossen in die Kamera. Gesichtsausdruck, Körperhaltung und das auffallend luxuriöse Outfit verraten: Ich bin der Boss, und ich genieße das. Der Name des Mannes ist Friedrich Brügger. Er war von 1974 bis 1986 Chef der »VW-Farm«, einer riesigen Rinderfarm, die der VW-Konzern im brasilianischen Urwald auf einem Gelände von rund 140.000 Hektar – halb so groß wie das Saarland – errichtet hatte.

1983 erhebt ein brasilianischer Padre schwere Vorwürfe gegen Brügger und den VW-Konzern wegen der Zustände auf der »Fazenda Rio Cristalino«. Es geht um etwa 1.000 Leiharbeiter, die für die VW-Farm den Urwald rodeten. Der Padre spricht von Menschenhandel, Schuldknechtschaft, Sklaverei, katastrophalen und entwürdigenden Wohnverhältnissen und schwerster fortgesetzter, auch tödlicher Gewalt gegen die Arbeiter und deren Angehörige. 39 Jahre später, im Mai 2022, erhält der VW-Vorstand in Wolfsburg eine Vorladung zu einer diese Vorgänge betreffenden Anhörung in der Hauptstadt Brasilia.

Bei der Aufarbeitung der Geschehnisse geht es jedoch nicht nur um die entwürdigenden Arbeits- und Lebensverhältnisse und die Verantwortung, die dem weltweit umsatzstärksten Autokonzern hierfür zukommt. Es geht um viel, viel mehr. Die Geschichte der VW-Ranch markiert nach Ansicht des Umwelthistorikers Antoine Acker² von Beginn an die »Tragödie der globalen Entwicklung«. Im bevölkerungsreichsten Land Lateinamerikas scheiterten mit diesem Pilotprojekt deutsche nachfrage- und technologieorientierte Entwicklungskonzepte, die sich als Alternative zu neoliberaler Politik betrachteten und vorgaben, soziale Ungleichheiten abzubauen. Die VW-Farm wurde zu einem historischen Zündfunken der Globalisierungskritik. Sie wurde weltweit zu einem Lehrstück über die Zusammenhänge zwischen der Zerstörung der Natur und der Ausbeutung von Menschen und Tieren, über die für beide Seiten gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Diktaturen und westlichen Konzernen und über die Missachtung der Interessen und Rechte indigener Menschen.

Der Wirtschaftsplan der Militärregierung hatte zum Kern, durch eine »Eroberung des Amazonas« die wirtschaftliche Entwicklung des gesamten Landes zu beschleunigen. Der Ehrgeiz von VW aber ging weiter. Wolfgang Sauer, der damalige VW-Chef in Brasilien: »Wir waren nicht nur Rinderproduzenten, wir brachten Zivilisation.« Tatsächlich dachten viele, am Konzept der VW-Farm könne die »Dritte Welt« genesen. Die Idee war, durch ein modernes Unternehmen mit guten Löhnen und Sozialleistungen, vor allem aber mit modernen Technologien die »armen Länder« in moderne Exportwirtschaften umzuwandeln und damit auch den Hunger zu besiegen.

Ein Padre gegen VW

Christian Russau kennt die Geschichte der VW-Farm von Anfang an – als Redakteur der Lateinamerika Nachrichten, Vorstandsmitglied des Dachverbands der kritischen Aktionärinnen und Aktionäre und als Autor des Buches »Abstauben in Brasilien – Deutsche Konzerne im Zwielicht«.³ Er fasst zusammen⁴: Der erwähnte Padre Ricardo Rezende ist bereits 1978 für die katholische Landespastorale (CPT) tätig und hörte damals »viele Geschichten über die VW-Farm«. Erst 1983 gelingt es ihm jedoch, die Vorgänge zur Anzeige zu bringen. Er hat drei junge Männer kennengelernt, die gerade von der Farm geflohen waren, indem sie gegenüber ihren Aufsehern behauptet hatten, dass sie zum Militärdienst müssten.

Aufgrund ihrer Aussagen kann der Padre eine Delegation von Abgeordneten des Bundesstaates São Paulo versammeln, in dem VW do Brasil seinen Hauptsitz hat. Er darf nun mit Wissen des VW-Vorstandes die Fazenda aufsuchen, um den Vorwürfen nachzugehen. Dort angekommen trifft er zunächst auf einen Mann, der – vermutlich durch einen Malariaanfall – starkes Fieber hat und Rezende bittet, ihn von dort wegzubringen. Der Padre spricht mit dem Chef Friedrich Brügger, der aber die Beherrschung verliert und ihn sowie den Arbeiter anschreit. Später will er dies wiedergutmachen und schenkt dem Padre eine Schnitzerei aus Brasilholz. Rezende aber nimmt das Geschenk nicht an, da die Bäume streng geschützt sind und nicht gefällt werden dürfen. Er will statt dessen den Mann sprechen, der ihn um Hilfe bat, was einen erneuten Wutausbruch Brüggers auslöst. Trotzdem gelingt es Rezende, den Arbeiter zu sprechen, er schickt ihn zum Bischof seiner Heimatstadt, der dem Padre dann Bescheid geben solle, ob alles gut gegangen sei.

Rezende hört aber nie wieder etwas von dem Arbeiter, und wirft sich später vor, mit der Situation leichtgläubig umgegangen zu sein und den Mann nicht begleitet zu haben. Er sammelt nun Zeugenaussagen zur Sklavenarbeit bei VW, die jedoch von der brasilianischen Presse nicht veröffentlicht werden. Mit Ausnahme einer kurzen Meldung in der konservativen Tageszeitung O Globo, die nach Deutschland zur Brasilien-Initiative Freiburg gelangt. Auch von hier aus erreicht die Meldung zunächst nicht die Mainstreammedien, wird aber von damals sehr aktiven »Dritte-Welt-Gruppen« verbreitet und erzielt in der Folge internationale Aufmerksamkeit. Dies wird dann wiederum in Brasilien zum Thema, das aber auch bald wieder versandet.

»Kein Fortschritt ohne Härten«

2017 wird der Faden von einem Rechercheteam von NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung wieder aufgenommen. Zunächst geht es aber nicht um die Vorgänge auf der Rinderfarm, sondern um die Zusammenarbeit von VW do Brasil mit der Militärdiktatur in den Jahren 1964 bis 1985. Bereits 2015 hatten ehemalige Mitarbeiter Ordner mit 500 Seiten Unterlagen übergeben, die Menschenrechtsverletzungen von seiten des Unternehmens belegten. Der Werkschutz von VW hatte die Kollegen überwachen und ausspionieren lassen, schwarze Listen angefertigt und an den Geheimdienst übergeben, Mitarbeiter verhaftet, gefoltert und an den Geheimdienst ausgeliefert, ihm sogar einen Folterraum auf dem Werksgelände eingerichtet. Einige wurden monatelang gefoltert, einige verschwanden. Mehrere Hundert Arbeiterinnen und Arbeiter waren betroffen. Insgesamt verschwanden in ganz Brasilien während der Militärdiktatur etwa 1.000 Personen, etwa 100.000 wurden aus politischen Gründen inhaftiert und etwa 50.000 gefoltert. Der seit 2019 amtierende rechtsextreme Präsident Bolsonaro verherrlicht noch heute offen die Militärdiktatur und sagt, sie hätte das Land nicht von 1.000, sondern von 30.000 Personen »säubern« sollen. Mehr als 50 Prozent der in Brasilien verkauften Fahrzeuge kommen vom VW-Konzern, und VW do Brasil ist der größte Steuerzahler des Landes. Unterstützt wird Bolsonaro nicht nur von führenden Vertretern von Mercedes-Benz und der Deutschen Bank, sondern auch von VW, z. B. von Vorstandsmitglied Andreas Renschler oder von Roberto Cortes, Präsident der deutsch-brasilianischen Industrie- und Handelskammer und seit 20 Jahren CEO von VWCO, der brasilianischen Bus- und Lkw-Marke von VW.

Das Material, das die ehemaligen VW-Mitarbeiter 2015 übergeben, belegt auch, dass der Vorstand in Wolfsburg von der engen Kollaboration Kenntnis gehabt haben musste. In Brasilien selbst war sie sowieso kein Geheimnis. Bereits am 16. Februar 1973 zitierte die Süddeutsche Zeitung den damaligen Chef von VW do Brasil Werner Paul Schmidt mit den Worten: »Sicher foltern Polizei und Militär Gefangene, um wichtige Informationen zu erlangen, sicher wird beim Politisch-Subversiven oft gar kein Gerichtsverfahren mehr gemacht, sondern gleich geschossen. Aber eine objektive Berichterstattung müsste jedesmal dazufügen, dass es ohne Härte eben nicht vorwärtsgeht. Und es geht vorwärts.« Die Militärherrschaft wurde zum goldenen Zeitalter für VW do Brasil, das sich zum größten Privatunternehmen Lateinamerikas entwickelte. Deshalb hinderten in jenen Tagen derlei zynisch-brutale Äußerungen noch niemanden daran, in die Weltspitze des Konzerns aufzusteigen. Werner Paul Schmidt wurde VW-Finanzvorstand.

Aufarbeiten oder aussitzen?

Unterstützung erhalten die ehemaligen VW-Mitarbeiter bei ihrer Aktion 2015 von allen brasilianischen Gewerkschaftsdachverbänden, von Juristen, Menschenrechtsaktivisten sowie von der brasilianischen Bundesstaatsanwaltschaft. Die unter Präsident Lula (2003–13) eingesetzte nationale Wahrheitskommission zur Aufklärung von Verbrechen unter der Militärdiktatur hatte ermittelt, dass VW sowohl logistische und finanzielle Ressourcen als auch seinen Sicherheitsapparat dafür eingesetzt hatte, um sich an der staatlichen Repression angeblich subversiver Mitarbeiter zu beteiligen.

Das Thema erhält nun öffentliche Aufmerksamkeit, die es dem VW-Konzern erschwert, die Vorwürfe weiterhin totzuschweigen und auszusitzen. Der VW-Chefhistoriker Manfred Grieger wird damit beauftragt, die Unternehmensgeschichte in Brasilien aufzuarbeiten. Wenig später wird ihm jedoch der Auftrag wieder entzogen. Grieger hatte in den 1990er Jahren zusammen mit Hans Mommsen die Geschichte von VW während der Nazizeit aufgearbeitet. Mehr als 15.000 Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge hatten unter mörderischen Bedingungen für VW arbeiten müssen. Die Pionierstudie hatte zunächst das Image des Konzerns verbessert. 2016 jedoch bezeichnet Grieger eine Aufarbeitung der Geschichte des Audi-Vorläufers Auto-Union als handwerklich mangelhaft und verharmlosend. Audi ist inzwischen eine VW-Tochter. Die Konzernspitze will ihn an die Leine legen, Vermutungen werden laut, dass er sich auch durch seine Arbeiten zu Brasilien unbeliebt gemacht habe. Grieger sieht seine Unabhängigkeit gefährdet und verlässt das Unternehmen. Sowohl der Betriebsrat als auch viele Wissenschaftler kritisieren das Verhalten der Konzernspitze scharf.

Das Unternehmen beauftragt nun den Historiker Christopher Kopper und veröffentlicht dessen Gutachten im Dezember 2017. Kurz vorher hatte der Gutachter der brasilianischen Bundesstaatsanwaltschaft, der ehemalige Polizeikommissar Mingardi, seine Beurteilung publiziert. In beiden Gutachten werden Fälle der Kollaboration mit der Militärdiktatur von VW do Brasil bestätigt. Mingardi benennt darüber hinaus »die aktive Repression der eigenen Mitarbeiter«. In Wolfsburg sieht man jedoch die Kollaboration nur bei »einzelnen Mitarbeitern des Werkschutzes«. Es lägen keine Beweise vor für ein »institutionelles Handeln des Unternehmens«. Der Historiker Christopher Kopper widerspricht vehement: »Ich habe ja Beweise gefunden, dass der Werkschutz mit der Geheimpolizei zusammenarbeitete. Und dass der Personalvorstand und mit Sicherheit auch der Vorstandsvorsitzende von VW Brasilien darüber jederzeit informiert war.« Die »Tagesschau« kommentiert: »VW betreibt augenscheinlich Geschichtsklitterung. Rückenwind dafür erhält der Konzern durch das neue politische Klima unter dem rechtsextremen Präsidenten Bolsonaro. Ein selbst erklärter Freund der Militärdiktatoren und der Folterer.«⁵

Die 2015 eingereichte Sammelklage ehemaliger VW-Mitarbeiter endet 2020 in einem Vergleich. VW bezahlt etwa 5,5 Millionen Euro, zum größten Teil an den Opferverband von ehemaligen Mitarbeitern und deren Hinterbliebenen, der mehr als 60 Personen vertritt. VW kann dadurch einer gerichtlichen Auseinandersetzung entgehen. Mit den Zahlungen ist aber immer noch keine Übernahme der Verantwortung verbunden. Obwohl Christopher Kopper es nachdrücklich als erwiesen bezeichnet, dass der Konzernvorstand jederzeit informiert war, bleibt dieser bei der Version vom »Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter«.

VW und der Militärputsch

Bis heute offen ist die Frage einer Mitverantwortung dafür, dass die Militärs 1964 überhaupt erfolgreich putschen konnten. Der von den USA unterstützte Staatsstreich hatte die Regierung unter Präsident João Goulart beseitigt, die seit 1961 im Amt war. Goulart, noch heute besser bekannt unter seinem Spitznamen Jango, war 1953, dem Jahr, in dem VW seine Aktivitäten in Brasilien aufnahm, bereits Minister für Arbeit, Industrie und Handel gewesen. Als solcher hatte er den Mindestlohn verdoppelt, was nach Protesten der Wirtschaft zu seiner Entlassung geführt hatte. Als Präsident geriet er 1962 in Konflikt mit internationalen Konzernen, weil er Importerlaubnisse erschwerte und speziell VW dazu zwang, seinen Import von Fahrzeugen aus Deutschland ganz einzustellen. Er entwickelte Umverteilungspläne, förderte die Alphabetisierung Erwachsener und deren politische Bildung, führte das Wahlrecht auch für Analphabeten ein und ging an die konkrete Planung einer Bodenreform. Seine linke Wirtschaftspolitik erboste in- und ausländische Wirtschaftskreise, besonders aber die USA. Der größte brasilianische Industrieverband FIESP (Federacão das Indústrias do Estado de São Paulo), der heute 130.000 Unternehmen vertritt, unterstützte damals mit verschiedenen Mitteln den Militärputsch. VW do Brasil war ein wichtiges Mitglied dieses Verbandes.

Nach dem Putsch musste Goulart nach Uruguay, dann nach Argentinien fliehen. Dort starb er 1976, vermutlich infolge eines Mordanschlags der Operation Condor, der von den USA unterstützten Kooperation der Geheimdienste der Länder Argentinien, Chile, Paraguay, Uruguay, Bolivien und Brasilien, deren Ziel darin bestand, weltweit linke politische und oppositionelle Kräfte zu verfolgen und zu töten.

Späte Gerechtigkeit?

VWs Farmexperiment wiederum wurde nicht aufgrund mangelnder Rentabilität eingestellt, sondern, wie Antoine Acker aufzeigt, wegen der weltweiten gesellschaftlichen Diskussion über Erderwärmung, Umweltzerstörung und Missachtung der Rechte und Interessen indigener Menschen sah sich der Konzern gezwungen, es zu beenden. Langsam geraten nun die oben bereits erwähnte Zwangsarbeit und die menschenunwürdigen Unterbringungen in den Blick. Das VW-Führungspersonal vor Ort hatte sich ausgesprochen luxuriös eingerichtet. Die direkt bei VW angestellten Arbeiter waren noch relativ gut bezahlt. Unten aber, bei den etwa 1.000 Leiharbeitern, herrschten katastrophale Arbeits- und Lebensbedingungen: Schuldknechtschaft, mörderische Arbeits- und Wohnbedingungen und systematisch eingesetzte körperliche Gewalt, um auch kranke Arbeiter zur Arbeit zu zwingen.

Padre Rezende ist inzwischen in Brasilien zu einer bekannten Persönlichkeit geworden. Er ist Soziologieprofessor an der Universität von Rio de Janeiro und koordiniert die Forschungen zu Zwangsarbeit und sklavereiähnlicher Arbeit in Brasilien. Die Stadt Rio de Janeiro hat ihn hierfür zum Ehrenbürger ernannt. Ermutigt durch die Forschungen von Manfred Grieger und Christopher Kopper und den sich anbahnenden Vergleich, übergab er 2019 seine Anfang der 1980er Jahre gesammelten Unterlagen zur VW-Farm der Staatsanwaltschaft. Diese beschließt eine erneute Untersuchung, die im Mai 2022 abgeschlossen war und zur Vorladung des VW-Vorstandes zu einer Anhörung am 14. Juni führte. Die Ermittler der Staatsanwaltschaft stellen an diesem Tag heraus, sie seien auf die »schlimmsten Umstände« gestoßen, »die den Staatsanwälten im Bereich moderner Sklaverei je zur Kenntnis gelangt sind«.

Dank der Untersuchungen des Historikers Christopher Kopper kennt VW bereits seit fünf Jahren die Inhalte der Vorwürfe, schweigt aber trotzdem bei der Anhörung und beantragt eine Frist bis zum 27. September. Dann wolle man sich schriftlich zu den Vorwürfen äußern. Kopper kommentiert: »VW sollte anerkennen, dass diese Arbeitskräfte misshandelt wurden und dass sie entschädigt werden sollten.« Die entsprechenden Beträge könne VW »aus der Portokasse« zahlen. Die Wirtschaftsblätter informieren zusammen mit den Berichten über die Anhörung darüber, dass der Aktienkurs von VW gestiegen ist.

Das wirtschaftliche Entwicklungsprogramm der Militärdiktatur, an dem sich VW in den 1970er und 80er Jahren beteiligen wollte, hat auch ohne die VW-Farm gewisse Erfolge erzielt. Die damit verbundene immense Umweltzerstörung und die katastrophalen Folgen für die Erderwärmung sind bekannt. Ein Grundgedanke war es damals, mithilfe einer industrialisierten Landwirtschaft aus Brasilien eine Exportnation zu machen. Tatsächlich betrug der Handelsbilanzüberschuss 2020 fast 43 Milliarden US-Dollar. Das Land exportierte Güter im Wert von 209 Milliarden Dollar⁶, darunter Sojabohnen für 29 Milliarden, Zucker für neun Milliarden und Rindfleisch für sieben Milliarden Dollar. 2021 stiegen die Exporte (überwiegend preisbedingt) nochmal um 34 Prozent an.

Brasilien gilt als Kornkammer Lateinamerikas und könnte etwa eine Milliarde Menschen ernähren. Aber: In dem Land, das Lebensmittel in die ganze Welt exportiert, breitet sich der Hunger aus. Für die Hälfte der Bevölkerung, das sind etwa 100 Millionen Menschen, ist die Ernährungssicherheit nicht gewährleistet. Praktisch bedeutet das zunächst, dass die Qualität des Essens abnimmt, weil bestimmte Nahrungsmittel nicht mehr bezahlt werden können. Die Folge ist eine Ausbreitung der Mangelernährung, vor allem bei Kindern. Die Zahl der Menschen, die direkt an Hunger leiden, die also akut unterernährt sind, stieg in Brasilien von 20 Millionen im Dezember 2021 auf derzeit (Stand April 2022) 33,1 Millionen Menschen an.

Anmerkungen

1 https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/videos/brasilien-zwangsarbeit-102.html
2 Antoine Acker: Volkswagen in the Amazon – The Tragedy of Global Development in Modern Brazil. University Printing House. Cambridge 2017
3 Christian Russau: Abstauben in Brasilien – Deutsche Konzerne im Zwielicht. Hamburg 2016
4 VW und Kollaboration mit der Militärdiktatur: Offener Brief der Ex-Mitarbeiter von VW do Brasil an Volkswagen — Kooperation Brasilien e.V. (kooperation-brasilien.org)
5 Militärdiktatur in Brasilien: VW betreibt Geschichtsklitterung; tagesschau.de
6 Brasilien – Export von Gütern bis 2021; Statista

Michael Kohler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 27. Mai 2022 über die Kuseler Polizistenmorde und das Milieu der Wilderer.

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