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Aus: Ausgabe vom 11.08.2022, Seite 10 / Feuilleton
Metal

Futter für die Ratten

Melodien zur Misanthropie: Power-Duo Mantar öffnet sich auf »Pain Is Forever and This Is the End« neuen Einflüssen
Von Rouven Ahl
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Welthass und Spaß dabei: Mantar

Seit seiner der Gründung 2012 gab es beim Bremer Sludge-Duo Mantar immer ordentlich eines auf die Fresse. Auch bei ihrem vierten Album »Pain is Forever and this is the End« sahen Sänger und Gitarrist Hanno Klänhardt und Schlagzeuger Erinc Sakarya, keinen Grund, an dem Erfolgsrezept etwas zu ändern. Ihre Musik ist weiterhin düster und brutal, ein bleierner Mix aus Sludge, Punk, Doom und Elementen des Black Metal. Es geht nicht um die Sonnenseite des Lebens.

Von anderen Bands der entschleunigten Metal-Spielarten unterscheidet Mantar der fast ungrimmige Spaß, den Klänhardt und Sakarya an Welthass und Misanthropie haben. »Hang ’Em Low (So the Rats Can Get ’Em)« ist nicht nur einer der Songtitel des Jahres, sondern kann mit seinem eingängigen Refrain für Mantar-Verhältnisse fast schon als Party-Song durchgehen. Ob man bei dieser Party wirklich dabei sein möchte, steht auf einem anderen Blatt.

Die frühen Alben der Band lebten hauptsächlich von ihrer unmittelbaren Rohheit, man habe »nur kloppen und keine Rücksicht auf Normen legen wollte«, sagte Klänhardt dem Musikmagazin Visions. Daran hat sich auf »Pain is Forever …« einiges geändert, das Songwriting ist deutlich variabler geworden.

Nicht falsch verstehen: Gitarren­soli oder anderer überflüssiger Schnickschnack haben bei Mantar weiterhin keinen Platz, Klänhardts Gekeife klingt immer noch so, als hätten ihm Gestalten von Hieronymus Bosch Gesangsunterricht erteilt, und das Schlagzeugspiel von Sakarya knüppelt weiterhin tonnenschwere Riffs nach vorn. Doch die Songs sind eingängiger geworden. »Grim Reaping« wirkt geradezu rock’n’rollig, und auch der Refrain von »Horder« bleibt im Ohr. »Piss Ritual« hingegen hat gewisse Ähnlichkeiten mit dem Nirvana-Song »Breed«. Der unüberhörbare Grunge-Einfluss kommt nicht von ungefähr. Im Sommer 2020 veröffentlichten Mantar die EP »Grungetown Hooligans II«, auf der sie u. a. Songs von Sonic Youth, Mudhoney und The Jesus Lizard interpretierten. Davon ist einiges hängengeblieben, ohne dass der eigene Trademark-Sound darunter gelitten hätte.

Der hatte schließlich dafür gesorgt, dass das dritte Album »The Modern Art of Setting Ablaze« (2018) hoch in den deutschen Charts einstieg und Mantar mittlerweile auf den Bühnen aller großen Metal-Festivals standen. Weniger »authentisch«, um ein etwas überstrapaziertes Wort zu gebrauchen, sind sie dennoch nicht. Die Power ihres Sounds macht noch immer schwer begreiflich, dass hier nur zwei Musiker zu Werke gehen – die offenkundig nicht bei dem stehen bleiben möchte, was schon mal gut lief. Denn das eigentliche Highlight des neuen Albums ist das abschließende »Odysseus«: Ein eher Mantar-untypisches Stück, bei dem Klänhardt und Sakarya Raum für ruhige Momente lassen, in denen sich die bedrohliche Atmosphäre verdichtet, wie man es aus guten Horrorfilmen kennt. Hinzu kommt ein schaurig-schönes Gitarrenmotiv und ein erhabenes Ende. »Odysseus« zeigt, dass Mantar bei allem ewigwährenden Schmerz noch Augen fürs Schöne haben.

Mantar: »Pain Is Forever and This Is the End« (Metal Blade)

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