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Aus: Ausgabe vom 09.08.2022, Seite 1 / Titel
Neue Regierung übernimmt

Bogotá in Feierlaune

Kolumbien: Präsident Petro und Vize Márquez legen Amtseid ab. Staatschef verspricht Frieden und Gerechtigkeit
Von Frederic Schnatterer
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Anhängerinnen und Anhänger der künftigen Regierung im Parque de los Periodistas in Bogotá am Sonntag

Volksfeststimmung in Bogotá. Statt der üblichen, ausgewählten Gästen vorbehaltenen Zeremonie haben am Sonntag (Ortszeit) Tausende die Amtsübernahme von Gustavo Petro in der kolumbianischen Hauptstadt gefeiert. Auf der zentralen Plaza de Bolívar fanden sich neben Anhängern des künftigen Präsidenten sowie seiner Vize Francia Márquez mehrere Staats- und Regierungschefs anderer Länder sowie »Ehrengäste« aus dem Volk, darunter eine Straßenverkäuferin und ein Fischer, ein. In der ganzen Stadt sowie in vielen Teilen des Landes wurden die Feierlichkeiten live übertragen.

Die Inszenierung war perfekt. Die aus armen Verhältnissen stammende Márquez, die erste schwarze Vizepräsidentin Kolumbiens, erweiterte ihren Amtseid durch das Versprechen, für »die Kolumbianerinnen und Kolumbianer zu arbeiten, die historisch ausgeschlossen wurden« – »bis die Würde zur Gewohnheit wird«. Petro ließ das Schwert des Freiheitskämpfers Simón Bolívar auf den nach dem Nationalhelden benannten Platz bringen, nachdem die scheidende Rechtsregierung die Herausgabe zuvor verweigert hatte. Dazu erklärte der Präsident: »Das Schwert sollte nie wieder vergraben, nie wieder zurückgehalten werden.« Erst »wenn es in diesem Land Gerechtigkeit gibt«, solle es wieder in die Scheide gesteckt werden. Petro war in den 1980er Jahren Mitglied der Guerillaorganisation »M-19«, die Bolívars Schwert gestohlen und nach ihrer Demobilisierung wieder zurückgegeben hatte.

In seiner ersten Rede als Präsident kündigte Petro an, seine Regierung wolle »der Gewalt in unserem Land ein Ende setzen«. Zentral dafür sei die Umsetzung des 2016 mit der Guerillaorganisation FARC-EP geschlossenen Friedensabkommen, das von der Vorgängerregierung unter Iván Duque torpediert worden war. Zudem forderte er »alle bewaffneten Gruppen auf, ihre Waffen in der nebligen Vergangenheit niederzulegen«. Die noch aktive Guerilla ELN hat bereits angekündigt, für Verhandlungen bereitzustehen.

Zu seinem Friedensansatz gehöre auch eine Abkehr vom »Krieg gegen die Drogen«, der die Staaten im Verbund mit den USA dazu gebracht habe, Verbrechen zu begehen. In den vergangenen 40 Jahren sei »eine Million Lateinamerikaner« getötet worden, 70.000 US-Amerikaner seien »jedes Jahr an einer Überdosis« gestorben, warb Petro für Konsumprävention in den Industrieländern. Neben einem Ausbau von Sozialprogrammen und einem verbesserten Zugang zu Bildungs- und Gesundheitssystem plant der Sozialdemokrat eine Abkehr von der auf Ausbeutung natürlicher Rohstoffe wie Erdöl und -gas basierenden Wirtschaft. Am Sonntag rief er zudem die »internationale Gemeinschaft« dazu auf, mittels eines Fonds zum Schutz des Regenwaldes die »Lunge des Planeten« zu schützen.

Für Lateinamerika bedeutet der Amtsantritt des ersten linken Präsidenten in der Geschichte Kolumbiens eine Stärkung des progressiven Blocks. Die neue Regierung hat zudem angekündigt, die diplomatischen Beziehungen zum Nachbarland Venezuela wiederaufzunehmen. Bereits Ende Juli reiste der designierte Außenminister Kolumbiens, Álvaro Leyva, für ein Arbeitstreffen in den venezolanischen Bundesstaat Táchira, um über die Öffnung der gemeinsamen Grenze zu sprechen. Am Sonntag gratulierte der venezolanische Staatschef Nicolás Maduro dem kolumbianischen Präsidenten zur Amtseinführung und äußerte die Hoffnung, »die Brüderlichkeit auf der Grundlage von Respekt und Liebe zwischen den Völkern wiederherzustellen«.

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