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Aus: Ausgabe vom 06.08.2022, Seite 10 / Feuilleton
Politische Theologie

»Ja, ich las die Weißenseer Blätter«

Der umstrittensten Untergrundpublikation der DDR ein Ständchen zum 40
Von Dieter Kraft
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»Nur in der Erwartung des Spiritus Dei verzweifeln wir nicht an der Ratio mundi, zu der auch der ›Weltgeist mit Namen Karl Marx‹ gehören mag.« – Hanfried Müller (Darstellung des Heiligen Geistes im Portal des Berliner Doms)

Vor 40 Jahren erschien das erste Heft der Weißenseer Blätter (WBl). Ab 1982 vom evangelischen Theologieprofessor Hanfried Müller im Auftrag des »Weißenseer Arbeitskreises« (Kirchliche Bruderschaft in Berlin-Brandenburg) herausgegeben, wurden die WBl bereits nach dem ersten Heft zur wohl umstrittensten Publikation, die je in der DDR erschien. »Das lag an vielem«, wie es in einem Nachruf im Ossietzky 2006 hieß, »an dem außergewöhnlich breiten Spektrum der Beiträge zu Theologie und Kirche, Politik und Gesellschaft, aber nicht zuletzt auch an der DDR selbst. Allein schon durch ihre Aufmachung konnten die WBl eher für ein handverfertigtes ›Samisdat‹ gehalten werden; und tatsächlich erschienen sie auch im Selbstverlag. Und vor allem: Sie waren tatsächlich nicht in dem Sinne ›systemkonform‹, dass sie für ein Organ lavierender Kirchenleitungspolitik gehalten werden konnten oder für einen publizistischen Multiplikator politbürokratischer Staatsraison. Denn gegen den mehr oder weniger kaschierten kirchlichen Antikommunismus opponierten die WBl ebenso entschieden wie gegen jenen parteipolitischen Opportunismus, der schließlich als offener Revisionismus faktisch zum Verbündeten der Konterrevolution von 1989 wurde.«

Argwohn auf allen Seiten

So wurden die WBl denn auch auf allen Seiten mit großem Argwohn aufgenommen. Aber: Sie wurden gelesen – auch in der Kirchenleitung und natürlich auch in staatlichen Dienststellen und selbst in der US-amerikanischen Botschaft. Die Kirchenleitungen spekulierten, ob ihnen der Staat auf diesem neuen Wege wohl etwas mitteilen wolle; der Staat mutmaßte, ob die WBl letztlich doch nur aus provozierenden Sektierern bestand; und der Referent in der US-Botschaft musste herausbekommen, ob das eine oder das andere oder gar beides zutreffen würde und für die Einschätzung nicht nur der DDR-Kirchenpolitik Bedeutung haben könnte. Später wurde auch kolportiert, dass ihn ein Kirchenjurist über die besonders diffizilen Zusammenhänge aufklären musste, die ein Mann aus Massachusetts selbst auf den zweiten Blick nicht erkennen konnte.

So war es denn auch ganz stimmig, dass das Büro des Staatssekretärs für Kirchenfragen gern eine Druckgenehmigung erteilt hätte, mit der die WBl paralysiert worden oder auch ganz verschwunden wären. Das aber konnte verhindert werden, denn eine Imprimatur galt lediglich für regelmäßig erscheinende Publikationen. Die WBl aber erschienen zunächst bewusst unregelmäßig und wurden bis 1989 jährlich vier- bis siebenmal ausgeliefert. Insgesamt erschienen von 1982 bis 2006 117 Hefte.

Der Kreis der Autorinnen und Autoren bestand zunächst vornehmlich aus Mitgliedern und Freunden des »Weißenseer Arbeitskreises«, doch er weitete sich bald. Mitglieder der DDR-CDU hatten es allerdings schwer, denn von ihrer Partei wurde ihnen ausdrücklich untersagt, in den WBl zu schreiben. Nicht jeder hielt sich allerdings an diese Order. Eine andere Order galt den SED-Genossen. Die SED konnte ihren Mitgliedern zwar nicht ausdrücklich verbieten, die WBl zu lesen, aber man wollte schon wissen, wer sie las …

In der 2005 herausgegebenen Festschrift zum 80. Geburtstag von Hanfried Müller erzählt Gisela Steineckert die obskure Geschichte von jener deutsch-deutschen Tagung, die Michail Gorbatschows Deutschland-Berater Nikolai Portugalow 1989 in Bonn angesetzt hatte. Auch sie hätte dazu eine Einladung erhalten – persönlich überbracht von einer Frau aus dem Kulturministerium, die ihr bedeutet habe, dass es gar nicht so einfach gewesen sei, sie in die DDR-Delegation aufzunehmen, denn: Sie würde ja die Weißenseer Blätter lesen.

»Ja, ich las die Weißenseer Blätter«, so lautet denn auch der Titel dieses fabelhaften Festschriftbeitrags, der sich geradezu zu einer Liebeserklärung entfaltet. Hatte Gisela Steineckert die WBl bis zu der Bonner Tagung eher selektiv und mit entsprechenden Empfehlungen ihres Mannes gelesen, so änderte sich das nun: »Wir kehrten nach Berlin zurück, alles nahm seinen geschichtlichen Lauf, und ich las die genannten Blätter. Ohne Hinweis und diesmal von der ersten Seite an. Ich entdeckte Rosemarie Müller-Streisand und verliebte mich in sie, in ihre Sprache, ihre Argumente, ihre Logik, ihre Unabweisbarkeit. Manchmal rief ich laut ›Juhu‹, lachte, las zweimal und näherte mich spröden Sachverhalten wie an ihrer Hand.« »So eine klare Sprache. So ein ›Weg mit allem Ballast‹. Je mehr ich mich in die Publizistik von Rosemarie Streisand und Hanfried Müller vertiefte, um so deutlicher wurde mir die geistige Unabhängigkeit dieser beiden verschworenen Persönlichkeiten.«

Die Weißenseer Blätter: eine Anleitung zu widerständigem Denken. Im Unterschied zu vielen Publikationen war es für die WBl selbstverständlich, dass sie auch nach 1989 ihren kategorischen Widerspruch nicht einstellten, sondern nun in besonderer Weise gegen die Resignation der Linken ankämpften. »Wider die Resignation der Linken«, so auch der Titel eines 1994 herausgegebenen Nachdrucks der WBl aus den Jahren 1982 bis 1992 – »Stimmen gegen Antikommunismus, Konterrevolution und Annexion«. In seinem Geleitwort schreibt Heinz Kamnitzer: »Die Herausgeber der Hefte, die hier eine Auslese vorlegen, gehören zu meiner politischen Familie. Doch sie weigern sich hartnäckig, ihre Waffen zu strecken. Sind sie widerborstig von Natur aus und wollen von ihrem Fortschrittsglauben nicht lassen? … Oder sollte es sich um verbissene Jünger einer Zunft handeln, die in Jahrhunderten und Jahrtausenden denkt?« Und Hanfried Müller antwortet in dem Vorwort des Herausgebers: »Nur in der Erwartung des Spiritus Dei verzweifeln wir nicht an der Ratio mundi, zu der auch der ›Weltgeist mit Namen Karl Marx‹ gehören mag.«

Gute Nachricht

Waren es bis 1992 noch vorwiegend Theologen, die in den WBl schrieben – zum Teil mit zahlreichen Beiträgen wie Dieter Frielinghaus, Christian Stappenbeck, Horsta Krum und Renate Schönfeld –, hatte sich bis 2006 der Autorenkreis erheblich erweitert. Marxistische Philosophen, Gesellschaftswissenschaftler und Historiker verdichteten die Themenlage der WBl in einer Weise, die Peter Hacks in seinen Pasiphaë-Anekdoten zu der Bemerkung veranlasste: »Der Theologe Hanfried Müller rettete vermöge seiner Zeitschrift Weißenseer Blätter die Kenntnis der Marxschen Theorie über die gedankenlose, die schreckliche Zeit der Konterrevolution hinweg.«

Wie groß und wie umfangreich die Resonanz auf die WBl schließlich geworden ist, dokumentiert die bereits erwähnte Müller-Festschrift von 2005 »Aus Kirche und Welt«. 74 Beiträge auf 572 Seiten, und statt eines Bischofs entbietet den ersten Gruß der DDR-Staatsratsvorsitzende a. D. Egon Krenz. Ein faszinierendes Kompendium auch der Bündnispolitik. Und dass es in der Kirche recht eigentlich um die Welt geht, das war für Hanfried Müller stets eine tragende theologische Maxime. Nicht alle in der Kirche haben das verstanden, manchmal auch nur recht wenige. Aber in den Weißenseer Blättern fand diese Maxime ein einzigartiges Format.

Klaus Steiniger verdanken wir die Nachricht, dass Hanfried Müller über verschlungene Pfade sogar ein Nachfolgeorgan für seine Blätter initiiert haben soll: den Rotfuchs. Jedenfalls spricht Steiniger in der Festschrift von Hanfried Müller als »dem Rotfuchs-Paten« und als seinem »eigentlichen Erfinder«. Mit dieser schönen Nachricht kann ein Text zu 40 Jahre WBl getrost schließen, denn es geht ja weiter.

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