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Aus: Ausgabe vom 05.08.2022, Seite 11 / Feuilleton
Festival

Kühe in Halbtrauer

Grinsen im Gesicht: Zu Besuch beim Metal-Open-Air »Burning Q«
Von Frank Schäfer
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Röhren statt reden: Neulich an der Frittenbude

In ein paar Stunden geht es los. Tammi fügt Jabbel vorsichtshalber der Signal-Gruppe hinzu. »Moin«, schreibt Jabbel zum Einstand. »Kaum ist er in der Gruppe, fängt er auch schon an zu nerven«, antwortet Tammi. Richtig so. Es geht in den Norden, vom 29. bis zum 30. Juli. Hier gilt Sprache als etwas, das besser nicht wäre.

Der logistische Sinn unserer Quasselgruppe ist der Besuch des kleinen, aber astreinen Metal-Open-Airs »Burning Q«. Q steht für Kuh, denn gleich nebenan übt ein idyllisch stinkender Milchviehbetrieb sein Heimrecht aus. Das heißt, der Chef fährt zu den unmöglichsten Zeiten Gülle aus, und die vom stundenlangen Krach verängstigten oder motivierten schwarzbunten Angestellten geben alles zurück, was man ihnen tagsüber angetan hat. Sie growlen sich durch die Nacht wie George »­Corpsegrinder« Fisher höchstselbst.

Rührende Szenen

Ein paar hundert Meter weiter, gegenüber vom Festivaleingang, liegt das Vereinsheim vom SV Arminia Freißenbüttel, der Ort, an dem die Metalheads ihre Minimalbedürfnisse an Kultur befriedigen. Hier gibt es Kaffee, Duschen und Porzelanklos, wo man interessante Menschen trifft. Um mir am Morgen nach einem zermürbenden Festivaltag etwas Wasser ins Gesicht zu spritzen, suche ich die Lokalität auf und sehe staubige Schuhspitzen aus beiden Kabinen herausluken. Ein Fanfarenstoß, durch die Untiefen des Gedärms mit ordentlich Resonanz ausgestattet, dringt durch die linke Tür. Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort hätte er Attilas Heer in eine siegreiche Schlacht gegen die römischen Legionen geführt. »Respekt«, kommentiert das die rechte Kabine. »Grmmhhh«, antwortet der Hunne links in Kriegersprache. Purer, unverschnittener Besitzerstolz.

Stolz können auch die Veranstalter sein angesichts dieses hochkarätigen Billings. Am Festivalfreitag wird geknüppelt ohne Wenn und Aber. Space Chaser und die schnellen Spanier Angelus Apatrida machen das souverän, da fliegen die Späne, da wird der Song in ganz kleine Teilchen zerhäckselt, und die Thrashgemeinde hat keine Fragen mehr. Aber bei Eradicator hat es fast noch mehr Spaß gemacht, und wir fragen uns ernstlich, warum uns das so vorkommt. Vielleicht weil sie heute die ersten waren? Weil sie diese zweieinhalb Harmonien mehr im Programm haben, die hängenbleiben? Oder vielleicht weil sie an diesem Nachmittag noch ein Ideechen mehr Lust am Bauklötzchenturmumwerfen zeigen. Jedenfalls kommt es bei ihnen zur ersten und einzigen Wall of Death auf diesem Festival. Zwei wildfremde, aber vollfette Bartträger stellen sich gegenüber, fixieren sich, zählen bis drei und springen dann mit den Bäuchen zuerst aufeinander los. Danach drehen sie sich zur Bühne und kümmern sich wieder um ihre eigenen Sachen. Keine Ahnung, warum, aber die Szene rührt mich.

Endseeker haben sich ebenfalls der Methode »Kaputt, kaputt, Hauptsache kaputt« verschrieben und wissen, was Death Metal zu Death Metal macht. Sänger Lennart Osterhus besitzt den durchgeknallten Charme von Kurgan, dem Endgegner vom »Highlander«. Nur seine Manieren sind besser, nämlich tadellos. Und die bleiben auch so, als ihn ein paar Besucher an der Frittenbude treffen und, durchaus schon ein paar Atü auf dem Kessel, über Gebühr zuqualstern. »War geil!« – »Danke!«

Der zweite Tag hat mit den Kindergartenmetallern Victorius vor allem was für den Nachwuchs zu bieten. Da stampfen mächtige Dinosaurier durch die Lyrics, schwingen Space-Ninjas ihre Laserkatanas, und die Band trägt goldene Rüstungen. Und am Ende der Show möchte die ganze Vorschulklasse im Backstage-Bällebad abgeholt werden. Aber da liegen wir schon im Zelt und schlafen vor für die Großen.

Da schweigt die Kuh

Für Motorowl zum Beispiel, deren Auftritt lange in der Schwebe ist, vermutlich weil noch ein negativer Coronatest aussteht, die dann aber voll da sind. Eine bessere Werbung für die gute Vintage-Sache als diese fünfzig Minuten kann man sich nicht vorstellen. »Wir sind Motorowl, und wir machen Rock«, sagt Sänger Max Hemmann. Er braucht keine großen Worte, weil ihre feine Melange aus Psychedelic, Doom und Seventies-Hard Rock das Reden übernimmt. Das Auditorium weiß das zu schätzen, geht danach geschlossen hinüber zum Merch-Stand und kauft ihn leer.

Und damit kommen wir auch schon zum Höhepunkt des Festivals – Dead Lord. Es passiert nämlich einmal mehr das, was ich immer beobachte, wenn Thrash-, Death- und sonstige Extreme-Metal-Hoschis, die Härtesten der Harten also, mit Dead Lord in Berührung kommen. Ihnen geht schlicht das Herz auf. Der letzte Miesmurz hat auf einmal ein Grinsen im Gesicht, wenn die Twin-Guitars zu ihren anmutigen Formationsflügen abheben und Hakim Krim noch einmal alle Rockposen bedient und zugleich ironisch ins Leere laufen lässt. Klar, ohne Thin Lizzy gäbe es diese Band nicht, aber wenn man so anfängt, kann man gleich die ganze Musikgeschichte dichtmachen.

»Da müssen sich die Black Star Riders aber verdammt warm anziehen, wenn die Truppe in der Stadt ist«, meint meine Nachbarin. »Oder im Dorf«, nicke ich. Und später am Zeltplatz erzählt man sich, dass sogar die Kühe für eine Stunde ihre Gebölke eingestellt hätten, um in feierlicher Ehrfurcht dem Schönklang zu lauschen. Well done, Burning Q, wir kommen wieder.

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