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Aus: Ausgabe vom 05.08.2022, Seite 8 / Inland
Umgang mit der deutschen Geschichte

»Für jeden zerstörten Baum pflanzen wir zwei, drei neue«

Nach Angriffen in KZ-Gedenkstätte: Initiativen werden weiterhin an Naziverbrechen erinnern. Ein Gespräch mit Rikola-Gunnar Lüttgenau
Interview: Henning von Stoltzenberg
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Blick auf das Todesmarschdenkmal Dolle in Sachsen-Anhalt

An diesem Wochenende endet ein Sommercamp der Freiwilligenorganisation Service Civil International, SCI, in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Das Motto: »Sichtbar machen«. Worum genau ging es dabei?

Auch in diesem Jahr soll der Umriss einer ehemaligen Baracke durch das Verlegen von weißem Anhydritgestein kenntlich gemacht werden. Dieses Mal handelt es sich um eine Baracke aus dem sogenannten Häftlingskrankenbau. In dieser schlecht ausgestatteten Krankenstation mussten Häftlingsärzte versuchen, die Arbeitskraft kranker und entkräfteter Häftlinge wiederherzustellen. Viele starben dort.

Nach dem Krieg wurden die Baracken des ehemaligen Lagers Dora durch Bewohnerinnen und Bewohner des Umlands abgetragen und das Material als Baustoff genutzt. Die benachbarte Stadt Nordhausen war am 3. und 4. April 1945 heftig bombardiert worden. Deshalb sind auf dem einstigen oberirdischen Lagergelände nur zwei Gebäude erhalten geblieben: das Krematorium und die Feuerwache. Die Kenntlichmachung der Barackenumrisse durch Teilnehmende des Camps ermöglicht es Besucherinnen und Besuchern, einen besseren Eindruck von der Topographie des ehemaligen Lagers zu bekommen.

Zuletzt hat es innerhalb weniger Tage mehrere Angriffe auf Erinnerungsbäume des KZ Buchenwald gegeben. Was ist dabei beschädigt worden?

Zunächst muss man wissen, dass sich seit mehr als zehn Jahren verschiedene Initiativen mit den Orten auseinandersetzen, die zwar nicht im engeren Sinne zum Häftlingslager gehörten, aber den gesellschaftlichen Kontext beleuchten, die die Verbrechen erst ermöglichten. Die Initiative »1.000 Buchen« widmet sich den Todesmärschen am Kriegsende, als Tausende entkräftete KZ-Häftlinge auf sinnlose Wege geschickt wurden. Entlang der Routen pflanzte die Initiative zahlreiche Bäume, die einzelnen Gefangenen oder Gruppen als Zeichen der Erinnerung und der Hoffnung gewidmet wurden. Nun sind etwa zehn davon gezielt zerstört und abgesägt worden. Gerade für die Angehörigen der Häftlinge, die einen Baum zur Erinnerung an ihren Vater oder Großvater gespendet hatten, ist diese Erfahrung sehr schmerzhaft.

Die wiederholten Angriffe sprechen dafür, dass die Täter sich recht sicher fühlen. Wie reagieren die Behörden auf die Vorfälle?

Die Erinnerungsbäume wurden an drei verschiedenen Orten zerstört. Die ersten beiden liegen eher abgelegen. Ein dritter Baum stand jedoch mitten in der Stadt. Die Gleichzeitigkeit der Handlungen sowie das Fortführen der Zerstörungen nach den ersten Medienberichten zeigen, dass hier zielgerichtet agiert wurde. Die Auslobung von immerhin 10.000 Euro für Hinweise zum Geschehen gibt ein wenig Hoffnung, dass die Sache aufgeklärt wird. Zugleich legen die Initiativen gemeinsam mit der Polizei eine Art Register aller Erinnerungsbäume und -zeichen an. Damit sollen Hinweise schneller zugeordnet und Ermittlungen schneller ausgelöst werden können. Klar ist aber auch, dass es unmöglich ist, jeden Baum mit einer Videokamera zu überwachen.

Gab es früher schon solche Angriffe?

Die Erinnerung an die Konzentrationslager war in Deutschland immer umstritten. Mitten in Weimar fiel in den 1950er Jahren ein hölzernes Denkmal für die Buchenwalder Häftlinge einem Brandanschlag zum Opfer. In den 1990er Jahren gab es in der Gedenkstätte zum Teil sehr provokative Auftritte, zum Beispiel durch den NSU. In der Szene lernte man aber schnell, dass so etwas rasches polizeiliches Handeln und juristische Konsequenzen nach sich zieht. Danach bestanden die Zerstörungen zumeist in eingeritzten Hakenkreuzen auf Schildern oder ähnlichem.

Wer sich zurück in einen ethnisch homogenisierten Nationalstaat phantasiert, für den ist die Verhinderung der Erinnerung an die Folgen dieses rassistischen Konzeptes Teil seines Kulturkampfes. Leider müssen wir diesen Kampf aufnehmen. Konkret heißt das, dass wir für jeden zerstörten Baum zwei, drei neue pflanzen werden.

Rikola-Gunnar Lüttgenau ist Sprecher der KZ-Gedenkstätte Buchenwald

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