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Aus: Ausgabe vom 05.08.2022, Seite 6 / Ausland
Flüchtlingsaufnahme

Chaos auf dem Dorf

Niederlande: Aufnahmezentrum für Asylsuchende in Ter Apel überfüllt. NGO zieht gegen Staat vor Gericht
Von Gerrit Hoekman
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Asylsuchende schlafen in Ter Apel auf dem Rasen vor dem restlos überfüllten Aufnahmezentrum (18.7.2022)

Die humanitäre Situation Asylsuchender in den Niederlanden ist katastrophal. Die Zentralstelle für die Aufnahme von Asylsuchenden (AZC) in Ter Apel, wo sich alle Flüchtlinge melden müssen, ist restlos überfüllt. In den vergangenen Wochen schliefen bis zu 300 Menschen unter freiem Himmel auf dem Rasen vor dem Gebäude. Die NGO »Vluchtelingen Werk Nederland« (Flüchtlingsarbeit Niederlande) zieht nun gegen den Staat vor Gericht.

Unfähigkeit und Rassismus

»Vluchtelingen Werk« will eine einstweilige Verfügung erreichen, die Gemeinden verpflichtet, mehr reguläre Aufnahmezentren zu schaffen. »Wenn man das nach dem normalen Verfahren macht, wird das erst im nächsten Jahr geregelt. Während diese Menschen jetzt in Ter Apel auf dem Rasen liegen«, sagte der Sprecher der NGO, Martijn van der Linden, am Montag beim Regionalsender RTV Noord. »Die Art und Weise, wie die Menschen derzeit aufgenommen werden, ist unmenschlich«, so van der Linden weiter. Im Magazin HP De Tijd hieß es am Donnerstag, die Situation in Ter Apel sei »das Ergebnis von Unwillen, Unfähigkeit und Rassismus«.

Wer in den Niederlanden Asyl sucht, kommt an Ter Apel nicht vorbei. In dem Dorf in der Provinz Groningen an der Grenze zu Niedersachsen muss der Antrag gestellt werden. Aufenthaltsgenehmigungen, die ablaufen, sind hier ebenfalls zu verlängern. Also machen sich regelmäßig Asylsuchende aus allen Ecken des Landes auf den Weg nach Ter Apel. Die Reise ist umständlich, denn das Dorf besitzt keinen Bahnhof. Die nächste Haltestelle befindet sich in Emmen, rund 20 Kilometer entfernt. Von dort fahren Busse zum Aufnahmezentrum.

Seit Wochen platzt Ter Apel aus allen Nähten. Die rund 2.000 Plätze reichen schon lange nicht mehr aus. Menschen übernachten im Wartesaal auf Stühlen oder eben draußen im Gras. Aus Angst, sich am nächsten Tag wieder ganz hinten in die Warteschlange einreihen zu müssen, lehnen es viele von ihnen ab, in eine Notunterkunft gebracht zu werden. Laut Medienberichten sollen sich manche Flüchtlinge bereits 15mal erfolglos vor dem Zentrum angestellt haben.

»Der Mangel an Personal und Aufnahmestellen führt dazu, dass Asylbewerber kreuz und quer durch das Land geschleppt werden, während sie manchmal noch nicht einmal registriert worden sind«, kritisierte die Tageszeitung Het Parool am Mittwoch. In Maastricht setzten sich am Montag rund 40 Asylsuchende mit ihren Habseligkeiten aus Protest auf den Bürgersteig vor dem Gebäude der Provinzregierung von Limburg. Sie seien zunächst von Ter Apel ins 280 Kilometer entfernte Budel bei Eindhoven gebracht worden, zitierte die Tageszeitung De Limburger einen syrischen Flüchtling. Von dort aus sei es wieder Richtung Norden nach Utrecht gegangen, 120 Kilometer. Danach zurück in den äußersten Süden nach Maastricht, 180 Kilometer. Dort übernachteten sie nun in einem feuchten Raum auf Feldbetten. Ein Vertreter der Provinz Limburg versprach ihnen immerhin Stockbetten mit Matratzen, berichtete der Sender RTV Maastricht.

Akuter Personalmangel

Schuld an der Krise ist unter anderem der akute Personalmangel. Ein Drittel der in den Notaufnahmen Beschäftigten ist krankgeschrieben, viele andere haben aufgrund der enormen Arbeitsbelastung bereits gekündigt. Landesweit sind ohnehin 1.000 Stellen unbesetzt, aber kaum jemand bewirbt sich. Außerdem liegt die Priorität laut Het Parool derzeit bei Flüchtlingen aus der Ukraine. 72.000 sind laut der staatlichen Internetseite Rijksoverheid.nl seit Beginn des Krieges in die Niederlande gekommen. 55.000 von ihnen benötigen ein Bett in einer Unterkunft und haben es auch erhalten. Hinzu kommt ein weiteres Problem: die Wohnungsnot in den Niederlanden. Als Folge finden bereits anerkannte Flüchtlinge keine Wohnungen und müssen weiter in den regulären Unterkünften leben. Dort besetzen sie Plätze, die eigentlich für die Neuankömmlinge gedacht sind.

Derzeit schläft niemand mehr auf dem Rasen in Ter Apel. Unklar ist jedoch, wie lange das so bleibt. »Es ist sehr spannend, ob wir für die kommenden Nächte genügend Aufnahmeorte organisieren können. Es ist einfach sehr eng in der ganzen Kette im Moment«, zitierte Het Parool eine Sprecherin des AZC Ter Apel.

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