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Aus: Ausgabe vom 05.08.2022, Seite 5 / Inland
Demographischer Wandel

»Rentenlücke« für Millionen

Statistik: Immer mehr Erwerbstätige erreichen gesetzliches Alter für Ruhestand – und verarmen bei Teuerungswelle
Von Bernd Müller
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Perspektive für später: Flaschensammeln zur Aufbesserung des schmalen Salärs (Berlin, 24.2.2020)

Der demographische Wandel macht sich in Deutschland immer stärker bemerkbar. Bis 2036 erreichen rund 12,9 Millionen Erwerbstätige das gesetzliche Rentenalter, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag mit. Das entspricht knapp 30 Prozent der aktuell erwerbsfähigen Personen.

Viele Altersruheständler setzen sich inzwischen mit der Frage auseinander, ob sie im Alter noch ihren Lebensstandard halten können. Das Handelsblatt schrieb am Mittwoch, dass sich inzwischen jeder vierte Deutsche mit den Folgen der Inflation beschäftigt. Dauerhaft steigende Preise spielen für das Leben im Alter eine große Rolle: Mit der Zeit entwerten sie auch üppige Renten.

Frauen besonders betroffen

Der Versicherungskonzern Allianz stellt seit 2020 ein Tool zur Verfügung, um dies zu veranschaulichen. Der »Rentenkompass« zeigt unter anderem an, wie hoch die Rente einmal sein müsste, damit sie der Kaufkraft von heute entsprechen würde. Um den Verlust an Kaufkraft ausrechnen zu können, braucht man den »Rentenkompass« aber nicht; einfache Kenntnisse in Mathematik dürften reichen. Für die Allianz hat er den Vorteil, dass der Konzern mit ihm an viele persönliche Daten gelangt und maßgeschneiderte Angebote für eine private Altersvorsorge offerieren kann.

Die Lage ist: Je mehr Zeit man noch bis zur Rente hat und je höher die Inflation ist, desto größer wird die Diskrepanz. Angenommen, man möchte in 15 Jahren in Rente gehen, und man möchte dann eine monatliche Rente beziehen, die der heutigen Kaufkraft von 2.160 Euro entspricht: Bei einer durchschnittlichen Inflation von zwei Prozent müsste die Rente im Jahr 2037 bei rund 2.900 Euro liegen. Bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von vier Prozent wäre eine Rente in Höhe von 3.890 Euro notwendig.

Wird die Inflation berücksichtigt, scheint Altersarmut unvermeidlich zu sein, vor allem für Frauen. Im Jahr 2020 erhielten 83 Prozent von ihnen eine monatliche Rente von unter 1.200 Euro ausgezahlt; im Schnitt betrug die Rente 800 Euro im Monat. Sofern sie im Jahr 2037 noch leben sollten, bräuchten sie bei einer Inflation von zwei Prozent eine Durchschnittsrente von mindestens 1.120 Euro, damit sie der heutigen Kaufkraft entspricht. Bei einer durchschnittlichen Inflation von vier Prozent bräuchten sie dann schon mehr als 1.558 Euro monatliche Rente.

Kein Geld zum Sparen

Bei Männern lag die Durchschnittsrente im Jahr 2020 bei 1.227 Euro im Monat. Bei denselben Grundannahmen bräuchten sie im Jahr 2037 dann eine durchschnittliche Rente von 1.718 Euro im Monat; bei vier Prozent Inflation entsprechend 2.390 Euro.

Der Ruf nach einem Mehr an privater Vorsorge scheint vor diesem Hintergrund schlüssig, doch geht er an den sozialen Realitäten vorbei: Wer kein Geld zum Sparen hat, kann damit nicht vorsorgen – und vieles deutet darauf hin, dass die Menschen nicht sparen können. So heißt es nun im Handelsblatt, die Sparkassen in Baden-Württemberg hätten vergangene Woche mitgeteilt, dass ihre Kunden kaum noch Geld zum Sparen übrig hätten. »Die Hälfte unserer Kundinnen und Kunden braucht ihre kompletten Einnahmen für die Deckung der monatlichen Ausgaben«, wurde Sparkassen-Präsident Peter Schneider zitiert.

Viele Menschen steuern damit auf eine »Rentenlücke« zu, mit anderen Worten: auf die Altersarmut. Und es wird immer deutlicher, dass die gesetzliche Rentenversicherung reformiert werden muss. Ein Vorschlag wäre: die Höhe der Renten mit der Inflation mitwachsen lassen.

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin ( 5. August 2022 um 11:04 Uhr)
    Wir fassen zusammen: Die Hauptgründe für die erschreckend zunehmende Altersarmut in einem der reichsten Länder der Welt sind also a) die längere Lebenserwartung, b) das Geschlecht, c) eine zu geringe Quote an »privater Vorsorge«, d) vielleicht auch noch ein zu niedriges Flaschenpfand? Keine Rolle scheinen dabei offensichtlich zu spielen 1. die Arbeitseinkommen, 2. die Vermögensverteilung, 3. das gesetzliche Rentensystem, 4. das Wirtschaftssystem insgesamt. Und so eine, die durchschnittliche Intelligenz eines ehemaligen Volksschülers grundtief beleidigende Ergo-Drückerverkaufsrhetorik wird dann auch noch in einer sich links-kritisch nennenden Tageszeitung gänzlich unhinterfragt verbreitet!
  • Leserbrief von Holger K. aus Hessen ( 4. August 2022 um 21:24 Uhr)
    Die Renten zu dynamisieren, sie an die Inflationsrate anzupassen, wäre ein richtiger Schritt in die richtige Richtung. Dann sollte es auch so wie früher sein, nämlich die Anrechnung der Arbeitslosenzeit gleichfalls als Rentenanwartschaftszeit. Darüberhinaus muss unbedingt eine Grundrente eingeführt werden, von der es sich leben lässt. Österreich macht es dem deutschen »Wertestaat« vor, was zeigt, dass es geht. Da hier aber nur Wertpapiere als Werte zählen, ist mit all den notwendigen Änderungen nicht zu rechnen. So bleibt all den Gedeckelten hierzulande nix weiter übrig, als den einen Zeigefinger an den anderen zu reiben und laut auszurufen: »Ätsch Putin, nun kriegste mal gezeigt, wo der Hammer hängt.« Wer diese jämmerliche Schadenfreude denn doch nicht genießen möchte, gibt dann wenigstens Putin die Schuld an dieser Misere oder romantisiert ganz einfach Armut als eine tugendhafte Sache zum Wohle der Umwelt und zur Charakterpflege. Es kann sich also jeder was rauspicken, entsprechend seinem Naturell. Wer sich indes so nicht abspeisen lassen will, muss sich als erbärmlicher Putin-Versteher abstempeln lassen, ein wahrer Drecksack mithin.

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