Dein Abo für den heißen Herbst!
Gegründet 1947 Donnerstag, 6. Oktober 2022, Nr. 232
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Dein Abo für den heißen Herbst! Dein Abo für den heißen Herbst!
Dein Abo für den heißen Herbst!
Aus: Ausgabe vom 04.08.2022, Seite 5 / Inland
Einzelhandel

Geschäftiges Treiben

Biomarktketten: Unternehmen schieben Filialen hin und her. Belegschaft bleibt auf der Strecke – wie in Hamburg-Eimsbüttel
Von Gerrit Hoekman
imago0095520795h.jpg
Eröffnung feierlicher als Schließung: Ehemalige Beschäftigte eines Bioladens in Hamburg-Eimsbüttel warten auf Lohn und Abfindung (Hamburg, 20.1.2007)

Als in den 1970ern die ersten Bioläden in der BRD eröffneten, saß die Eigentümerin oder der Eigentümer noch selbst an der Kasse. Nur ganz wenige hatten mehr als ein Geschäft. Heute dominieren große Ketten mit Dutzenden Standorten die Branche. Sie kaufen Konkurrenten auf und schieben untereinander Filialen hin und her. In Hamburg ging das zu Lasten der Belegschaft.

Ende Mai schloss im Stadtteil Eimsbüttel ein Biomarkt in der Osterstraße. Die Belegschaft erfuhr nach eigenen Angaben erst kurz vor dem Aus davon. Ein Handwerker, der im Ladenlokal zu tun hatte, habe es zufällig ausgeplaudert. »Wann geht es denn los mit dem Abriss?« habe der Mann gefragt, erzählte eine Verkäuferin Anfang vergangener Woche beim WDR in der »Lokalzeit Münsterland«.

Einige Beschäftigte klagen nun vor Gericht auf eine Abfindung und ausstehendes Gehalt. »Ich warte immer noch auf meinen Junilohn«, sagte ein Beschäftigter, der wegen des schwebenden Verfahrens seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, am Mittwoch gegenüber jW. Ob er jemals Geld sehen wird, entscheidet der Insolvenzverwalter.

Der Jobverlust für die Belegschaft in Eimsbüttel ist gewissermaßen ein Kollateralschaden eines Geschäfts zwischen der Superbiomarkt AG aus Münster und dem Konkurrenten Basic AG aus München. Die Basic AG will sich anscheinend auf Süddeutschland und Österreich konzentrieren. Deshalb bot sie Anfang 2021 sechs Biomärkte in Nordrhein-Westfalen und den einen in Eimsbüttel zur Übernahme an. Die Superbiomarkt AG aus Münster griff zu. Sie unterhält mehr als 30 Märkte in NRW und im niedersächsischen Osnabrück.

»Uns war von vornherein klar, dass dieser Markt in Hamburg nicht zu der Superbiomarkt AG passt, da er unter anderem zu weit von unseren anderen Märkten entfernt war«, antwortete Firmengründer und CEO Michael Radau am Sonnabend schriftlich auf eine jW-Anfrage. »Ohne die Schließung in Eimsbüttel wäre der Deal mit Basic geplatzt«, vermutet der Beschäftigte gegenüber jW.

»Der Markt sollte nur für eine kurze Zeit übernommen und dann an die Bio Company SE weitergegeben werden, da es sich bei Hamburg um deren Stammgebiet handelt. Dies war Betriebsrat und Beschäftigten von Anfang an bewusst und wurde so kommuniziert«, erklärt Radau in seiner Stellungnahme. Die Bio Company mit Sitz in Berlin-Friedenau unterhält mehr als 60 Supermärkten in Berlin, Dresden, Hamburg und Brandenburg.

Der Deal mit der Bio Company kam aber am Ende nicht zustande. Der Mietvertrag in Hamburg wäre Ende des Jahres ausgelaufen. Der Vermieter habe an der Stelle einen Neubau geplant mit einer deutlich höheren Miete: 70 Euro pro Quadratmeter anstelle der bisherigen 17 Euro. »Daraufhin ist die Bio Company von dem Projekt zurückgetreten«, schreibt Radau. Und danach sei der Betriebsrat umgehend informiert worden.

»Der Markt in Hamburg war nie eine Filiale der Superbiomarkt AG in Münster«, betont Radau. Das ist formal richtig. Die Superbiomarkt Expansions GmbH übernahm Eimsbüttel. Am 3. Juni wurde laut Handelsregister aus der Superbiomarkt Expansions GmbH die »HH Osterstraße GmbH«. Am 8. Juni bestellte das Amtsgericht Münster laut Handelsregister einen Insolvenzverwalter. Am 15. Juli wurde das Insolvenzverfahren eingeleitet und die HH Osterstraße GmbH aufgelöst.

Die GmbH erwirtschaftete laut Radau 2021 einen Verlust von 450.000 Euro. »Als nach der Marktschließung klar war, dass die GmbH mit Forderungen durch den Betriebsrat in Höhe von insgesamt rund 200.000 Euro konfrontiert war, gab es leider keine andere Möglichkeit als Insolvenz anzumelden, da die GmbH diesen Betrag nicht hatte«, schiebt Radau der Belegschaft eine Teilschuld zu.

Der unternehmerische Kniff, die Filiale in Eimsbüttel auszulagern und nicht wie alle anderen unter die Fittiche der kapitalkräftigeren Superbiommarkt AG zu nehmen, zahlt sich also aus. Eine GmbH mit einem Stammkapital von nur 25.000 Euro ist eben deutlich schneller pleite als eine AG mit einem Grundkapital von rund 2,5 Millionen Euro. Die Forderungen des Betriebsrats wären vermutlich für die AG ebenfalls leichter zu stemmen.

»Das ist ein großer Unternehmer in der Biobranche. Von dem hätte ich schon erwartet, dass er sich nicht einfach der Verantwortung entzieht«, zeigte sich Betriebsrat Hakan Durmaz in dem Bericht der »Lokalzeit Münsterland« enttäuscht.

Dein Abo für den heißen Herbst!

in Zeiten der sozialen Verwerfungen braucht es ein Korrektiv, das die Propaganda der Herrschenden in Wirtschaft und Politik aufzeigt. Deshalb: jetzt das jW-Abo abschließen!

Ähnliche:

  • Nach Aufruhr Auflauf der Polizei bei Versuch, Discounterriesen b...
    16.04.2022

    Manager als Saboteure

    Aldi Süd NRW: Führungspersonal verhindert durch Tumult Wahl zum Vorstand für Betriebsratswahl. Arbeitsgericht soll Gremium nun einsetzen

Regio: