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Aus: Ausgabe vom 03.08.2022, Seite 6 / Ausland
Minderheiten in der Türkei

Angriff auf Aleviten

Türkei: Mehrere Attacken auf Minderheit. Staatliche Beteiligung nicht ausgeschlossen
Von Emre Şahin
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Alevitinnen und Aleviten beim Gottesdienst in einer Istanbuler Gemeinde (11.8.2021)

Ausgerechnet am ersten Tag der von Alevitinnen und Aleviten begangenen Fastenzeit hat es in der türkischen Hauptstadt Ankara mehrere Angriffe auf die religiöse Minderheit gegeben. Am Sonntag protestierten weltweit Aleviten gegen die Gewalt, die sich tags zuvor ereignet hatte. In Istanbul trotzten Tausende einem Demonstrationsverbot. In Berlin riefen verschiedene Organisationen zur Kundgebung vor dem türkischen Generalkonsulat auf und verurteilten die Anschläge, die als »geplant und organisiert« bezeichnet wurden.

Am Sonnabend wurden fünf verschiedene alevitische Einrichtungen parallel angegriffen. Auf im Internet kursierenden Videoaufnahmen eines Gebetshauses ist zu erkennen, wie der Angreifer Stühle auf Menschen wirft, die gerade einen Gottesdienst abhielten. Bei einer weiteren Einrichtung klopfte der Angreifer an die Tür und fragte eine Mitarbeiterin, ob sie Alevitin sei, ehe er auf sie einstach. In beiden Fällen flüchteten die Täter, die Opfer wurden verletzt ins Krankenhaus eingeliefert.

Dass Politiker bei derlei Anschlägen von Einzeltätern sprechen, ist kein ausschließlich deutsches Phänomen, wie der türkische Innenminister Süleyman Soylu bewies. Am Sonntag gab er die Festnahme des 24jährigen Ahmet Ozan K. bekannt, der »allein« für die verschiedenen Angriffe verantwortlich gewesen sein soll. Erst am Montag wurde die Festnahme eines weiteren Verdächtigen erklärt. In einer ersten Befragung verhöhnte Ahmet Ozan K. die Opfer zunächst, und erklärte, die »Illuminati« hätten die Aleviten angegriffen. Später gab er die Tat zu, die ihm »von einer göttlichen Macht befohlen« und definitiv nicht auf Anweisung einer Person durchgeführt worden sei.

Zweifel an seinen Aussagen sind durchaus berechtigt: Vergangenes Jahr ermordete ein »Einzeltäter«, der türkische Faschist Onur Gencer, der eine militärische Ausbildung in den türkisch besetzten Gebieten Syriens erhalten hatte, in Izmir das HDP-Mitglied Deniz Poyraz. Der Prozess läuft, dürfte aber ähnlich schnell und ohne Aufklärung enden, wie im Mordfall des armenischen Journalisten Hrant Dink in Istanbul 2007, der ebenfalls von einem Faschisten erschossen worden war. Die linke prokurdische HDP erklärte am Sonntag, die Regierung versuche, die Angriffe zu vertuschen und die Hintermänner zu schützen.

Eine staatliche Beteiligung ist möglich – auch, weil es in der knapp 100jährigen Geschichte der türkischen Republik zahlreiche staatlich betriebene Massaker an Alevitinnen und Aleviten gab, unter anderem in Dersim, Sivas, Maras und Gazi. Ankara verfolgt seit Jahrzehnten eine aggressive Assimilationspolitik gegenüber der nichtmuslimischen und zu einem Großteil kurdischen Minderheit. Als oftmals Linke sind sie der im Land dominierenden Rechten verhasst. Die alevitische Hochburg Dersim etwa wird als einzige Stadt des Landes von einem Kommunisten regiert. Gegenüber jW verwies auch Dilan Kilic, Bundesvorstandsmitglied der Alevitischen Gemeinde Deutschlands, am Dienstag auf einen bewusst herbeigeführten Chaoszustand: »Die Regierung steckt in der Krise und erhofft sich vor den Wahlen im nächsten Jahr durch die Polarisierung Stimmen.«

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