Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Mittwoch, 28. September 2022, Nr. 226
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 01.08.2022, Seite 2 / Inland
Klimaschutzbewegung

»Grüne bedienen Interessen von RWE und Co.«

BRD soll künftig dank neuer Terminals mit Flüssigerdgas beliefert werden. Protestcamp in Hamburg angekündigt. Ein Gespräch mit Charly Dietz
Interview: Gitta Düperthal
imago0158803065h.jpg
Die Bundesregierung plant den Bau eines LNG-Terminals am Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven

Aus Protest gegen den Neubau von Flüssigerdgasterminals in Hamburg wird vom 9. bis 15. August ein Camp verschiedener linker Gruppen im Stadtpark errichtet. Mit dabei sind unter anderem »Ende Gelände«, der BUND und »RWE & Co. enteignen«. Was stört Sie an den Terminals?

Seit dem Ukraine-Krieg ist die Energieversorgung in Deutschland ein großes Thema. Anstatt den sofortigen Gasausstieg einzuleiten, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu reduzieren und erneuerbare Energiequellen zu fördern – wie Sonnenkollektoren, Wärmepumpen oder Windkrafträder –, setzt die Bundesregierung auf eine andere Lösung: neue LNG-Terminals. Dabei geht dieser Schritt mit hohen Methanemissionen einher und verschlimmert so die Klimakrise.

Darüber hinaus kritisieren wir den damit verbundenen Neokolonialismus. Das nach Deutschland gelieferte Gas kommt vorwiegend aus Ländern des globalen Südens. Unter dessen Herstellung leiden indigene Völker, deren Umwelt und Lebensgrundlagen dabei zerstört werden, insbesondere auch in den USA, wo Gas durch Fracking gefördert wird. Es kommt zur Vertreibung, viele werden durch extreme Hitze oder Starkregen infolge des Klimawandels zur Flucht gezwungen, schließlich kommt es auch noch zu Menschenrechtsverletzungen bei Aktivistinnen und Aktivisten, die sich gegen diese Entwicklung wehren. Dagegen protestieren wir.

Ihre Kritik an der Ampelregierung zielt insbesondere auf Bündnis 90/Die Grünen, die Sie als »sogenannte grüne Partei« bezeichnen. Worauf wollen Sie damit hinaus?

Wer auf den Bau von LNG-Terminals setzt, so wie die Grünen es tun, der bedient die Interessen von von Unternehmen wie RWE und Co. Denen geht es nicht um eine Übergangstechnologie für die nächsten zwei Jahre. Diese Konzerne wollen diese Infrastruktur für die nächsten 20 Jahre nutzen, erst dann amortisieren sich deren Investitionen. Was wir statt dessen brauchen, ist ein grundlegender Systemwechsel. Wir dürfen nicht weiter von der extremen Ausbeutung anderer Länder profitieren. Da reicht es nicht aus, anstatt fossiler Energieträger künftig auf die erneuerbaren zu setzen. Wir müssen auch unser Konsumverhalten ändern.

Wirtschaftsminister Robert Habeck behauptet, die Deutschen könnten ohne Flüssigerdgas möglicherweise nicht über einen kalten Herbst und Winter kommen. Das glauben Sie dem Grünen-Politiker nicht?

Nein. Mit solchen Aussagen wird die Angst geschürt, dass Menschen in Privathaushalten im Winter frieren müssen. Dabei ist es doch eine gesellschaftliche Entscheidung, wo konkret die Gaszufuhr reduziert wird. Angesichts der Klimaprobleme könnte es positive Effekte haben, die Wirtschaftsleistung etwa bei der Plastikproduktion zu drosseln. Die Industrie kann sich besser umstellen als private Haushalte. Zudem könnte Gas innerhalb Europas besser umverteilt werden.

Zurück nach Hamburg: Was soll bei Ihrem Klimacamp geschehen?

Wir erwarten Tausende Aktivistinnen und Aktivisten, auch aus anderen Ländern. Wir werden in Workshops diskutieren, es wird Aktionen zivilen Ungehorsams geben.

Immer wieder taucht »Ende Gelände« in Verfassungsschutzberichten im Zusammenhang mit sogenanntem Linksextremismus auf. Könnte das Menschen einschüchtern, die sich an Ihren Aktionen beteiligen wollen?

Wenn der Verfassungsschutz die Klimagerechtigkeitsbewegung als linksextrem einstuft, zeigt das einmal mehr, wie zweifelhaft diese Institution ist. Bekanntermaßen ist sie von Rechten durchdrungen, entsprechend hart geht man gegen Linke vor. Für uns bedeutet das: Wir müssen mit unseren Protesten unbedingt weitermachen und dürfen nicht zulassen, dass der Einsatz für Klimaschutz kriminalisiert wird. Bei uns ist vielfältiges Engagement möglich: Man kann sich an der Demo beteiligen, im Camp in der Küche helfen oder bei Aktionen zivilen Ungehorsams mitmachen.

Derzeit sorgt uns vor allem, dass die Hamburger Versammlungsbehörde sich bei der Anmeldung unseres Camps sehr unkooperativ gezeigt hat. Das kennen wir so aus der Vergangenheit nicht. Wir erinnern daran: Die Versammlungsfreiheit ist ein hohes Gut, gegen das keinesfalls verstoßen werden darf.

Charly Dietz ist Sprecherin von »Ende Gelände«

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche:

  • Beengte Verhältnisse: Blick in eine Zelle des Abschiebeknasts in...
    18.08.2021

    Mehr als nur Knast

    Schleswig-Holstein: Von drei Bundesländern genutzte Abschiebehaftanstalt in Glückstadt nimmt Betrieb auf. Kieler Grüne verweisen auf Sachzwänge

Regio: