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Aus: Ausgabe vom 30.07.2022, Seite 2 / Ausland
Multiethnischer Widerstand

»Wir dürfen keinen zweiten Genozid zulassen«

In Nord- und Ostsyrien organisiert sich die armenische Bevölkerung – kulturell und militärisch. Ein Gespräch mit Arev Nersis Kasabyan
Interview: Annuschka Eckhardt, Hasaka
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Armenierinnen demonstrieren, um an den Jahrestag des Genozids zu erinnern (Damaskus, 22.4.2016)

Seit wann leben Armenier in Nordsyrien?

Seit rund 107 Jahren. Es sind die Überlebenden des Genozids an den Armeniern (durch die Jungtürken im Osmanischen Reich 1915–16, jW), die vertrieben wurden. Sie fanden hier Zuflucht bei Kurden und Arabern, einige wenige auch bei Christen. Das Ziel unseres seit 2020 bestehenden Rates ist es, die ursprünglich armenischen Familien zu organisieren.

Wie war das Leben der Armenier unter der Regierung der Baath-Partei bis 2012?

In dieser Zeit ging unsere Kultur zum Teil verloren. Viele Armenier hatten ihre Identität zwar nicht vergessen, aber sie konnten sie nicht öffentlich zeigen und haben sich nach außen als Araber oder Kurden definiert. Doch bei vielen Familien war bekannt, dass sie armenischer Herkunft waren, diese Kultur lebte in ihrem Inneren weiter. Nur die wenigen, die unter Christen lebten oder auf christliche Schulen gingen, haben versucht, die armenische Sprache und Kultur zu erhalten.

Was hat sich in den letzten zehn Jahren seit Etablierung der Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien für die Armenier verändert?

Es gab sehr viele Fortschritte. Zum ersten Mal konnten die Armenier ihre Identität offen zeigen und sagen: »Ich bin Armenier.« Wir konnten unsere Organisierung voranbringen, eigene gesellschaftliche Institutionen gründen und unsere politische Vertretung in der Selbstverwaltung finden. Und schließlich konnten wir unsere eigenen Selbstverteidigungskräfte bilden.

2019 wurde das armenische Nuber Ozanyan Bataillon in Rojava gegründet. Was war der Grund dafür, dass auch Armenier zu den Waffen griffen?

Als die Massaker der Islamisten die ganze Region bedrohten, haben sich Armenier der Revolution angeschlossen. Aufgrund der historischen Erfahrungen dürfen wir keinen zweiten Genozid zulassen. Wir haben 2014 den Völkermord gegen die Jesiden in Sengal im Nordirak gesehen. Daraus müssen wir lernen. Daher ist die Fähigkeit zur Selbstverteidigung so wichtig.

Wie bewerten Sie das Zusammenleben zwischen Kurden, Arabern, Armeniern, Assyrern und anderen ethnischen Gemeinschaften in Nord- und Ostsyrien?

Das ist eine sehr sensible Angelegenheit. Die größten ethnischen Gemeinschaften hier bilden die Kurden und Araber, und die großen kapitalistischen Staaten nutzen Konflikte aus, um die verschiedenen Volksgruppen gegeneinander aufzuhetzen und eine Teile-und-Herrsche Politik zu praktizieren. So ist es beispielsweise 2004 geschehen. Doch im jetzt praktizierten System der Demokratischen Nation, das das Zusammenleben der verschiedenen ethnischen Gemeinschaften ermöglicht, haben wir viele Fortschritte gemacht. Heute kann jede Gemeinschaft sich selbst organisieren und gesellschaftlich einbringen.

Wie bewerten Sie die aktuelle Bedrohung durch die Türkei?

Die vielen Fortschritte, die wir in Rojava trotz der gegen die Region bestehenden Embargos erreicht haben, sind der Türkei ein Dorn im Auge. Ankara geht es darum, die Stabilität in Nord- und Ost­syrien zu erschüttern. Darauf zielen auch die Drohnenangriffe. Ziel ist es, die Bevölkerung in die Flucht zu treiben. Nach jedem Einmarsch der Türkei haben wir Vertreibungen und Neuansiedlungen erlebt. Das Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen wäre damit gefährdet.

Beim letzten großen türkischen Einmarsch in Nordsyrien im Oktober 2019 wurden auch Armenier vertrieben. Wie ist deren Situation heute?

Diese Armenier sind die Nachfahren von Vertriebenen und wurden nun erneut vertrieben. Sie wurden in verschiedenen Camps untergebracht. Das Leben dort ist sehr hart. Die Geflüchteten müssen mit einer Kanne Wasser am Tag auskommen. Es gibt in Girespi (Tel Abyad, jW) ein großes armenisches Dorf auf einer Fläche von rund 50.000 Hektar. Dort fand nach dem Einmarsch eine demographische Veränderung statt, armenische Bewohnerinnen und Bewohner wurden vertrieben. Eine kuwaitische Nichtregierungsorganisation baut neue Häuser, in denen dann Banditen untergebracht werden.

Banditen? Sie meinen Söldner der Türkei?

Genau. Das sind keine geflüchteten Syrer, sondern Islamisten aus Pakistan, Irak und anderen Ländern.

Arev Nersis Kasabyan ist Kovorsitzende des Rates des Armenier in Nord- und Ostsyrien

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