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Aus: Ausgabe vom 29.07.2022, Seite 10 / Feuilleton
Salzburger Festspiele

Ein hübsches Grau

Die Salzburger Festspiele irritieren durch Zwischentöne in K-Moll
Von Norman Philippen
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»Der Krieg verwirrt unser Denken«: Ilija Trojanow versuchte sich in Salzburg als Entfesselungskünstler (26.7.2022)

In Operettenkulturen bricht zu großen Zeiten gerne mal Kriegsbegeisterung aus, wie Karl Kraus bereits 1912 vergebens ins allgemein schlechte Kulturgedächtnis einzuschreiben versuchte. Der Wiener Kraus geht zwar in Salzburg niemanden an, doch leisten sich die dortigen Festspiele mit ihren großkopferten Gästen seit 1964 qua Festrede ein paar kritische Untertöne, bevor es ans elitäre Lauschen und Schwelgen geht. Der 59. Festredner war am Dienstag nun der Schriftsteller Ilija Trojanow. Den hatte das deutsche Feuilleton eigentlich recht gerne. Seit Februar aber nicht mehr ganz so sehr, weil er Zwischentöne fordert, die in den Redaktionen der tauben Ohren und verhakten Tastaturen nicht gern vernommen werden. »Der Pazifismus ist noch nicht am Ende«, russische Künstler seien nicht in Sippenhaftung zu nehmen und ähnlich Defätistisches sagt Trojanow derzeit dauernd. Er weiß noch: Schwarz und Weiß ergeben ein hübsches Kriegsgrau.

So einen ließen die für die Festspiele Unverantwortlichen also reden. Vom Kriege! Und nicht nur von dem in der Ukraine, nein, Trojanow wähnt unser aller Wertegemeinschaft fortwährend im Krieg. »Es gibt einen kalten Krieg, und es gibt einen heißen Krieg«, behauptete Trojanow, und beide fänden »im versehrten Frieden statt«. Ja, wie meint er das? So: »Was in Guatemala und Sierra Leone geschieht, ist permanenter Krieg, gegen unsere Mitmenschen, gegen die Natur.« Ach so, die Sache mit den Diamanten in der Wüste Leone und Leute in Guatedings, wo diese Sponsoren … ja gut, das war jetzt nicht eben Salzburg und nicht unser Krieg. Aber ein paar Minuten zuvor, was war denn das? Erst eine kryptische Bach-Anekdote, die illustrieren soll, dass »ein polnischer Widerstandskämpfer« in irgendeinem Weltkrieg mal »die deutsche Kultur gegen den vulgären Nationalismus« verteidigt hätte. Klar, so wird das wohl gewesen sein. Und der Herr Schriftsteller sagt es ja selber: »Der Krieg verwirrt unser Denken.«

Doch nun wurde es für das Salzburger Publikum völlig unverständlich: »Die ultimative Erniedrigung des Menschlichen« sei »imperiale Alchemie, bei der verkohlte Männer in heroische Diamanten verwandelt werden. Die zerstörten Städte in der Ukraine« seien »nicht Ausdruck unfassbaren Wahns, sondern unvermeidbare Folge der Logik enthemmter Macht«. Das klang allmählich schon mehr nach Leviten denn Logik. Auch an Wohlstand soll etwas falsch sein, denn wenn der »nur entstehen kann, indem Mitmenschen geknechtet werden und Natur zerstört wird, dann wird es höchste Zeit, das System zu ändern, nicht nur die Sponsoringregeln.« Sagte der Trojadings einfach so. Und dann der Knaller am Ende: »Desertieren wir also aus der Eintönigkeit des Krieges in die Vieltönigkeit der Kunst!« Bumm. Das hätte gesessen bei einem empfänglichen Publikum.

Allerdings wurde das alles auf den Salzburger Festspielen gesagt und ist damit so oder so egal. Die Wahrheit starb neulich wieder so nachhaltig, dass auch bestens formulierte kluge Kritik kaum noch verfängt. Es ist, war immer und bleibt: Krieg.

Was Ilija Trojanow in Salzburg sagte, wurde als hochpolitisch und kontrovers angekündigt. »Politisch, aber nicht kontrovers« war die Rede dann, das hat der Wiener Standard ganz richtig erkannt. Denn was Trojanow sagte, sollte selbstverständlich sein. Dass es das für deutsche Redakteure nicht zu sein scheint, bezeugt ihr überwiegendes Schweigen, es wurde wenig berichtet. Dabei hatte er eigentlich alles richtig gemacht, hatte Nationalismus verdammt, um dann Alexej Nawalny als Gewährsmann für den (ausnahmsweise gebilligten) Boykott des russischen Dirigenten Gergijew zu bemühen, und hatte auch nicht vergessen, darauf hinzuweisen, dass »Lügner und Heuchler nicht nur in Russland« leben, sondern dass es auch von »deutschen und österreichischen Groupies von Putin, die mit seinen Oligarchen Händchen gehalten haben«, wimmelt. Dennoch dürfte Trojanow für die deutsche Presse vorerst ein paar vorlaute Töne zu viel angeschlagen haben.

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