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Aus: Ausgabe vom 11.08.2022, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Der Knoten löst sich

Jung, schwarz, versehrt: Caleb Azumah Nelsons Debütroman »Freischwimmen«
Von Patrick Hönig
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In den Straßen Londons: Die Realität ist nicht farbenblind

Der schlanke Debütroman des britisch-ghanaischen Autors Caleb Azumah Nelson mit dem Titel »Freischwimmen« spielt im London der Millennials, in der Zeit vor Corona. Im Sommer gibt es Gartenbarbecues mit viel Alkohol und wenig Grillzeug, im Winter wird in Kellerbars getanzt. Beim U-Bahnfahren, im Underground, kann man sich vor aller Augen nah sein. Man teilt sich ein Paar Ohrstöpsel, spielt sich seine Lieblingssongs vor und macht ein paar Dance Moves. Von Soho nach Südostlondon im Handumdrehen. Erst wenn man durch die Laufsperre geht und nach draußen tritt, werden die Grenzen sichtbar. »Waffe, Waffe«, rufen die Polizisten, werfen Menschen zu Boden, leeren Taschen auf dem Boden aus. Nichts getan, aber immer im Verdacht. »Du kannst jetzt gehen.« Aber nur für den Augenblick, denn es passiert immer wieder. Freiheit ist, sich Menschen zu öffnen, denen es genauso geht.

Der namenlose Protagonist redet mit sich selbst, wie um sich zu vergewissern, dass alles wirklich so passiert ist. Du bist auf eine Eliteschule gegangen und die Gebühren wurden dir erlassen, aber du hast nie erfahren, was in deinem Empfehlungsschreiben stand. »Wir brauchen mehr schwarze Kids. Ja, wirklich.« In deiner Klasse wart ihr zu viert, nicht wie die anderen. Du hast die Saat tief in den Boden gedrückt, jetzt geht sie auf. Du begegnest ihr auf einer Party, Braids unter einer Baskenmütze. Dir wird klar, du hast nach ihr gesucht, aber du kannst nicht nach ihrer Nummer fragen, denn sie ist mit einem Freund von dir zusammen. »Ihr steht so da, seht euch an, ohne dass das Schweigen sich peinlich anfühlt.« Dass du in schweres Fahrwasser kommst, weißt du eigentlich schon, als du deinem kleinen Bruder von der Begegnung erzählst und er mit den Fingern eine Schere macht. Aber du kannst es nicht aufhalten. Sex ist nicht das erste, was dir in den Kopf kommt, du spürst Nähe und Vertrauen. »Sie fragt, wie du nach Hause kommst. Wahrscheinlich mit einem Uber. Du siehst nach, wie lange es dauert. Zehn Minuten.« Aber dann bleibst du die ganze Nacht. »Du schwimmst mit ihr, hältst im Dunkeln deine beste Freundin an der Hand, machst lange, sichere Züge. Du hast es nicht drauf angelegt, aber letztlich ist es besser so.« Du läufst den Bahnsteig entlang, als könntest du sie einholen, während der Zug Fahrt aufnimmt.

Das Buch trifft den Nerv der Zeit sehr genau. Das British Journal of Psychiatry veröffentlichte unlängst eine Studie, nach der Angststörungen in der Altersgruppe von 18 bis 24 Jahren im Zeitraum von 2014 bis 2018 um 30 Prozent zugenommen haben. Nach Wohnort, Hautfarbe oder Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe wurde nicht differenziert. Nach Lektüre des Romans kann man davon ausgehen, dass eine Berücksichtigung dieser Variablen das Ergebnis der Untersuchung signifikant verändert hätte. Aber wie die Mainstreamgesellschaft ist auch die Wissenschaft farbenblind. Dagegen wehrt sich der Text mit jeder Zeile. Wie die Musik, die in ihm wohnt, rennt auch der Roman gleich los und hält dann den Atem an. Textfragmente eilen dem Plot voraus und kehren als Refrain zurück. Es lösen sich Knoten im Hals, Dinge werden sagbar. In einer Sprache, die sich mitunter nicht leicht ins Deutsche übertragen lässt. Jugendliche überall sagen »Jheeze«, und die Übersetzung belässt es dabei. Aber warum wird »Huh?«, ein Ausdruck der Überraschung, zu »Hä?«, was Unverständnis suggeriert?

Es gibt Momente, da bemüht sich der Autor, im Genre Entwicklungsroman zu punkten. Im Spiegel der anderen lernt man sich selbst kennen. Solche Sachen. Anderes erklärt sich von selbst. So muss man nicht bei Shake Shack am Leicester Square gewesen sein, um zu wissen, dass Franchisefastfood gegen die Caribbean Patties in Bellingham nicht ankommt. Eindrucksvoll aber, wie der Erzähler sich emanzipiert von den Erwartungen seines Umfeldes und einer Stadt, deren neoliberales Herz Konsum und Kommerz in die Straßen pumpt. Dagegen fotografiert er an, mit einer analogen Kamera, entwickelt auch die Negative selbst. Stein für Stein setzt sich das Puzzle zusammen, ein Register persönlicher Begegnungen mit schwarzer Kunst, schwarzem Kino, schwarzer Musik. Wären da nicht Rassismus und Polizeigewalt als tägliche Begleiter. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ist ein Vorfall im eigenen Viertel. Jemand, den du vom Sehen kennst, wird niedergestochen, überall ist Blut. »Du hast gar nicht gemerkt, dass du noch immer seine Hand hältst, jetzt lässt du sie los.« Wirst du deiner Freundin zeigen, wie verletzt du bist und wie verletzlich?

Caleb Azumah Nelson: Freischwimmen. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Kampa-Verlag, Zürich 2021, 208 Seiten, 20 Euro

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