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Steckrübenwinter

Von Helmut Höge
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Als ich kürzlich – was Gas, Öl und Lebensmittel anbelangt – Prognosen für den kommenden Winter las, dachte ich: Das wird ein wahrer Steckrübenwinter. Wieder mal. Das wollte ich genauer wissen. Zunächst einmal überraschten mich im Internet die vielen Kochrezepte für Steckrüben – mit Apfel, Schmand und Würstchen. Verbraucheraufklärer beantworteten die Frage: Wie gesund ist dieses Wintergemüse? Ein Marktbericht teilte mit, dass immer mehr Steckrüben angebaut werden.

Der dräuende Steckrübenwinter 2022/23 wäre der dritte. Alle drei stehen sie mit einem Weltkrieg in Zusammenhang. Den ersten Steckrübenwinter gab es 1916/17, also mitten im Ersten Weltkrieg, den zweiten gleich nach dem Zweiten Weltkrieg 1946/47, der dritte würde ab kommenden Herbst, also vor dem Dritten Weltkrieg, stattfinden.

Meine Oma dachte immer mit Schaudern an den zweiten Steckrübenwinter zurück: »Es gab ja sonst nischt!« Wenn man den vielen Kritikern der Bundesregierung, von NATO und USA, etwa Sahra Wagenknecht, folgt, dann werden es auch diesmal wieder die Massen der Zukurzgekommenen sein, die mit triefenden Nasen in eiskalten Wohnungen hocken und eine trostlose Steckrübensuppe löffeln.

Der erste Steckrübenwinter bezeichnet eine Hungersnot, laut Wikipedia ausgelöst »durch kriegswirtschaftliche Probleme und die britische Seeblockade in der Nordsee«. England hatte bereits bei Kriegsbeginn 1914 ein Handelsembargo gegen Deutschland erlassen, zudem fielen die Einfuhren aus dem ebenfalls von Deutschland angegriffenen Russland weg, ab 1917 auch die aus den USA.

Als 1917/18 die Bolschewiki in Russland die Macht übernahmen und Adel und Bourgeoisie ihren Besitz verloren, galt ein solches Embargo auch für die Sowjetunion. Erst mit dem Vertrag von Rapallo 1922 gelang es den beiden Ländern, den Handelsboykott der Siegermächte zu durchbrechen – für die UdSSR nach Westen und für Deutschland nach Osten hin, mit weitreichenden Kooperationen, nicht zuletzt in der Waffenproduktion.

Beim Steckrübenwinter 1916/17 ging es auch um die deutsche Landwirtschaft, der es an Arbeitskräften, Zugtieren und Kunstdünger mangelte. Wegen des schlechten Wetters gab es außerdem eine magere Kartoffelernte. Das Deutsche Historische Museum zeigt dazu online einen Zeitungsartikel von damals, »Kohlrübe statt Kartoffel« betitelt – erstere sollte als »Ersatzmittel« für letztere herhalten.

Die hungernden Städter unternahmen Hamsterfahrten aufs Land, wo die Bauern ihnen Lebensmittel zu höchst asymmetrischen Konditionen für ihre Wertgegenstände gaben, was wiederum zu interessanten Gegensätzen zwischen Stadt- und Landbewohnern führte, wie es in dem Buch »Deutschland auf dem Weg zu sich selbst« (2002) heißt. Man lästerte über »Perserteppiche im Kuhstall«.

Der nächste Steckrübenwinter 1946/47 war ein Nachkriegshungerwinter, zu dem es in den zerbombten Städten während des strengsten Winters des 20. Jahrhunderts kam. »In Deutschland starben nach Schätzungen von Historikern mehrere hunderttausend Menschen; etwa gleichzeitig verhungerten in der Sowjetunion 1946 und 1947 ein bis zwei Millionen oder starben an den Folgen extremer Wetterbedingungen«, heißt es auf Wikipedia. Vielerorts brach die Lebensmittelversorgung zusammen, ebenso die mit Heiz- und anderen Kraftstoffen. Der kommunistische Landrat in Lauterbach (im Vogelsbergkreis) »organisierte« mehrere Lastwagen, mit denen lebensnotwendige Waren aus Hamburg herangeschafft wurden. Die Stadt und ihr Umland hatten sich für selbständig erklärt, sogar bereits eigene Briefmarken gedruckt.

Zwar unternahmen die hungernden Städter wieder Hamsterfahrten, aber es entstanden nun auch Schwarzmärkte in den Städten. Hier wie dort ging es um Tauschhandel, ferner um (bandenmäßigen) Diebstahl. Der NDR erwähnte mal den Kölner Kardinal Joseph Frings, der in seiner Predigt am Silvesterabend 1946 »Mundraub für den Eigenbedarf« rechtfertigte. Das Organisieren von Nahrung und Kohle wurde daraufhin auch »fringsen« genannt. Der Zugverkehr kam zeitweise zum Erliegen, zerstört waren etliche Brücken, viele Flüsse froren im Winter 1946/47 zu. Als es wärmer wurde, zerstörten Eisschollen in Bremen mehrere Weserbrücken. Die ARD zeigte 2009 eine Dokumentation mit dem Titel »Hungerwinter – Überleben nach dem Krieg«.

Was den kommenden dritten Steckrübenwinter anbelangt, sei hinzugefügt, dass ein Kilo derzeit noch 1,59 Euro kostet. Weil aber die Ernte erst zu Winterbeginn erfolgt, handelt es sich dabei um »Lagerware aus Nordeuropa«.

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