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Aus: Ausgabe vom 15.07.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kriminalistik

Die größte Gang trägt Uniform

Lizenz zum Losprügeln: Enthüllungsjournalist Valentin Gendrot war undercover bei der französischen Hilfspolizei
Von André Weikard
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Gleich mit Blaulicht zum Sandwichstand: Wer kann, der kann (Nizza, 2020)

»In Uniform haben Rassisten das Recht, als Erste zuzuschlagen. Das unterscheidet sie von allen anderen Rassisten«, schreibt Valentin Gendrot. Das stimmt natürlich nicht. Niemand hat das Recht, grundlos Gewalt auszuüben. Aber es geschieht. Gendrot, TV-bekannter französischer Enthüllungsjournalist, hat’s einfach ausprobiert. Er hat sich in die Pariser Polizei eingeschlichen. Hat unter verdeckter Identität eine Kurzausbildung zum Hilfspolizisten absolviert und nachts in seinen Laptop getippt, was er tagsüber gesehen hatte. Und wenn er die Geschehnisse, die er in seinem Buch beschreibt, nicht alle bezeugen könnte, man würde sie ihm kaum glauben. Denn was Gendrot beschreibt, ist ein einziges Klischee.

Jeder wird genommen

Das beginnt schon in der Polizeischule in Saint-Malo. Gendrot verzichtet darauf, einen abgebrochenen Zahn richten zu lassen und rasiert sich den Kopf, um beim Einstellungsgespräch eine gute Figur zu machen. Er wird genommen. Natürlich. Jeder wird genommen. Die französische Hilfspolizei, eine Billigtruppe von Schulabbrechern mit einem Nettomonatsgehalt von 1.300 Euro, braucht jeden Mann. Frauen melden sich sowieso so gut wie keine.

Die Anwärter werden während ihrer Ausbildung kaserniert. Gendrot muss sich also ein Sechsbettzimmer mit Kumpels teilen, die sich in der Nacht mit nacktem Arsch (plus Hodensack) auf sein Gesicht setzen, davon ein Foto knipsen und sich dabei bestens unterhalten fühlen. Witze, die in dieser Runde außergewöhnlicher Gentlemen kursieren, lauten etwa: »Was trennt den Menschen vom Affen? – Das Mittelmeer.«

Es sind vorbestrafte Drogenhändler, Einbrecher, Diebe mit gerichtlich attestierter Gewaltneigung. Aber der Staat braucht sie, um Abschiebehäftlinge zu bewachen oder Notruftelefone zu besetzen. In der sechswöchigen Ausbildung salutieren sie allmorgendlich vor der Trikolore, absolvieren Nahkampftrainings und Schießübungen. Viele hoffen, später einen lukrativen Job bei einem privaten Sicherheitsdienst zu bekommen. Denn das magere Gehalt reicht kaum, um ein Appartement in Paris zu bezahlen. Die meisten Hilfspolizisten kommen in den Sozialwohnungen am Stadtrand unter. Ein offizieller Untersuchungsbericht, aus dem Gendrot zitiert, beschreibt, dass einige sich aus Geldnot nicht nur die Wohnung, sondern auch das Bett teilen.

Der erste Rat, den man ihm gibt, als er in Paris seinen Dienst antritt: Er solle seinen Spind verschließbar machen. Unter Polizisten gebe es zwar »keine Diebe, aber Bestohlene«. Es dauert nur Stunden, bis der Journalist in Uniform Zeuge wird, wie ein Häftling an den Haaren aus der Zelle gezogen und geohrfeigt wird, ohne dass ein Kollege auch nur den Kopf hebt. Freche Jugendliche, die am Nachmittag laut Musik hören, werden mit Fausthieben traktiert, die Protokolle und Aussagen gefälscht. Die Polizisten fahren in die Mittagspause mit dem Blaulicht zum Sandwichstand. Unterschlagungen sind die Regel. Eine junge Kollegin wird vom Brigadeführer durchweg als »meine Tussi« angesprochen und betatscht. Ein Streifenpolizist tut sich im Sammeln von Nazidevotionalien hervor, inklusive Hitlerbüste und Hakenkreuzflagge.

Ungestrafte Übergriffe

Endlos ist die Reihe von Schilderungen solcher Vorfälle, ehe Gendrot, auf Seite 144 angekommen, feststellt: »Man muss zugeben, dass die ungestraften Übergriffe in den Fällen von Polizeibrutalität, bei denen ich zugegen war, System hatten.« Bamm. Da wären wir also. Keine Einzelfälle, ein systemisches Problem. Prompt schließt leider der schwächste Teil des Buches. Gendrot versucht, mit allerlei Statistiken seine Eindrücke zu untermauern. Führt die Aussagen von Polizeisoziologen an, die über die Selbstmordrate unter Polizisten gearbeitet haben, rechnet vor, dass die Polizisten aus denselben Elendsmilieus kommen, wie jene, die sie inhaftieren. Günter Wallraff, der Undercoveronkel der deutschen Nation, attestiert dem jungen Franzosen dafür in einem unsäglichen Nachwort im Grundschulzeugniston: »Er versteht, dass neben mangelnder Ausbildung auch die Arbeitsbelastung und die schlechte Bezahlung ihren Anteil an Missständen im Polizeiapparat haben.«

Viel frappierender als die Frage nach den Ursachen der Polizeigewalt ist aber, warum der Journalist Gendrot nie eingegriffen, all die Gewaltexzesse nie gestoppt oder wenigstens im nachhinein angezeigt hat. Wenn ein Autor, der ohnehin vorhat, seine Rolle nach wenigen Monaten wieder zu verlassen, nicht den Mut dazu hat, wie soll ihn dann jemand aufbringen, der auf den Job angewiesen ist, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten? Das ist Feigheit vor dem Freund (und Helfer).

Davon abgesehen ist Gendrots Buch zwar keine literarische Arbeit, seine etwas ungelenken Schilderungen folgen schlicht der Chronologie, und Details sind kaum herausgearbeitet. Unbestritten bleibt aber das Verdienst, ein Schlaglicht auf Verhältnisse in der Staatsexekutive geworfen zu haben, die sonst im Dunkeln liegen. Die Polizeikumpel bläuen ihm von Anfang an ein: »Was im Einsatzwagen passiert, bleibt im Einsatzwagen.« Diesmal glücklicherweise nicht.

Valentin Gendrot: Bulle. Undercover in der Polizei von Paris. Aus dem Französischen von Martin Bayer. Hoffmann und Campe, Hamburg 2022, 224 Seiten, 20 Euro

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