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Aus: Ausgabe vom 18.07.2022, Seite 11 / Feuilleton
Documenta 15

Geeigneter Sündenbock

Documenta-Geschäftsführerin Schormann muss gehen
Von Ulrich Schneider
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Erkennbar überfordert: Sabine Schormann (l.) ist ihren Job als Documenta-Geschäftsführerin los (15.6.2022)

Nur noch der Zeitpunkt war überraschend: Am Samstag abend verkündete der Aufsichtsrat der Documenta gGmbH, dass Geschäftsführerin Sabine Schormann ihren Job los ist. Ihre ungeschickte Kommunikation und vollkommen unzureichende öffentliche Reaktion auf die Auseinandersetzungen um den Antisemitismusvorwurf – nicht allein gegen das vieldiskutierte Banner des Künstlerkollektivs Taring Padi, sondern gegen die Documenta insgesamt – hatte sie zum geeigneten Sündenbock gemacht.

Eingesetzt nach der letzten Documenta 2017, der ein gar zu sorgloser Umgang mit öffentlichen Geldern vorgehalten wurde, hatte sie die Aufgabe, die Finanzen in Ordnung zu halten und nicht für neue Skandale zu sorgen. Damit war sie erkennbar überfordert. Eine ausführliche Erklärung, in der sie am Dienstag ihre Sicht der Ereignisse der letzten Monate darstellte, überzeugte die Gesellschafter nicht. Sie musste zurücktreten.

Damit werden die Angriffe auf die Documenta nicht zu Ende sein, das weiß auch der Aufsichtsrat. In blumiger Sprache verweist er nun auf die »wichtige gesellschaftliche Aufgabe, Antisemitismus und gruppenbezogene Formen von Menschenfeindlichkeit auch in Kunst und Kultur wirksam zu bekämpfen«. Zudem soll »Hinweisen auf mögliche antisemitische Bildsprache und Beförderung von Israel-bezogenem Antisemitismus unter Berücksichtigung der grundrechtlich geschützten Kunstfreiheit« nachgegangen werden. Wie schon mehrfach angekündigt, solle nun eine »fachwissenschaftliche Begleitung« durch Experten erfolgen, die hinsichtlich des Gegenwartsantisemitismus, des Postkolonialismus, der Kunstwelt sowie des deutschen und globalen Kontextes gleichermaßen beschlagen sind. Dieser wissenschaftliche Beirat soll nun eine »Bestandsaufnahme der Abläufe, Strukturen und Rezeptionen« der aktuellen Weltkunstschau erstellen sowie Empfehlungen zur Aufarbeitung der Vorgänge machen. Zudem werde das Gremium beratend an »der Analyse möglicher weiterer antisemitischer (Bild-)Sprache« mitwirken.

Damit wolle man, so Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) und Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Bündnis 90/Die Grünen), »die Verfehlungen beim Thema Antisemitismus und strukturellen Defizite aufarbeiten« und »der Documenta auch in Zukunft ihren weltweit einzigartigen Rang als Ausstellung für zeitgenössische Kunst« sichern, wie es in einer zweiseitigen Presseerklärung des Aufsichtsrates heißt.

Der eigentliche Kern des Konflikts kommt nur in einer Nebenbemerkung vor. Der Aufsichtsrat werde eine Organisationsuntersuchung der Documenta gGmbH durchführen, um deren Strukturen, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten zu überprüfen. Hierbei geht es nicht um Abläufe, sondern um eine stärkere Einflussnahme der Geldgeber, insbesondere der Kulturstiftung des Bundes, wie sie Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) seit Beginn des Konfliktes fordert. Die Reform steht aber erst nach Ende der Ausstellung an. Nun heißt es erst mal: Augen zu und durch.

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