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Aus: Ausgabe vom 07.07.2022, Seite 10 / Feuilleton
Oper

Nasenbesitzer im Glück

Peter Konwitschny inszeniert Dmitri Schostakowitschs Oper »Die Nase« an der Semperoper Dresden
Von Kai Köhler
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»Eine Nase, wirklich eine Nase! und noch obendrein schien es die Nase eines Bekannten zu sein.« Nikolai Gogol

Dass zum Menschen eine Nase gehört, merkt man spätestens dann, wenn sie fehlt. So geschieht es dem Beamten Kowaljow, der eines Morgens mit einer glatten Fläche zwischen Augen und Mund aufwacht. Wie aber soll ein Nasenloser zwischen lauter Nasenträgern bestehen? Die Karriere ist in Gefahr, die erhoffte Heirat sowieso, und auf Unterstützung kann Kowaljow nicht hoffen. Eine Suchannonce aufzugeben scheitert, vielmehr wird er in der Zeitungsredaktion verhöhnt. Sogar Kowaljows Diener wird frech. Die Nase hat unterdessen Karriere gemacht und verbittet sich die Annäherungsversuche ihres einstigen Besitzers. Wozu ist man schließlich Staatsrat geworden!

Dmitri Schostakowitschs 1930 uraufgeführter Opernerstling ist noch ganz nach den Maßstäben der frühsowjetischen Avantgarde komponiert. Mit harten Schnitten folgt eine kurze Szene der anderen. Modernistische Klangwirkungen – wie die erste Ensemblekomposition ausschließlich für Schlagzeuge in der westlichen Musikgeschichte – wechseln mit Parodien damals populärer Genres wie Polka oder Galopp ab. Grotesk ist nicht allein die Grundidee der Handlung, die auf der gleichnamigen Erzählung von Nikolai Gogol beruht. Hinzu kommt der Kontrast zwischen dieser Unmöglichkeit und dem Ernst, mit dem die Figuren über sie sprechen.

Die Musik folgt dem. Nur sehr wenige Passagen ermöglichen Einfühlung. Vertrautes ist verfremdet, durch harmonische Rückungen oder durch ungewohnte Orchestrierung. Bläser und Schlagzeug bestimmen den Klang. Oft treten Instrumente solistisch hervor. Durchgängig geht es um die Schärfung von Kontrasten. Vorbild ist nicht die Oper des 19. und frühen 20. Jahrhunderts mit ihrem immer differenzierteren Nachvollzug des Gefühls. Mit unvermitteltem Gegeneinander, in der Montage von Attraktionen, orientiert sich Schostakowitsch an Film, Revue und Zirkus.

Die Dresdner Aufführung gibt dies angemessen wieder. Hartmut Prade lässt als Bühnenbildner kleine Zellen, die für gesellschaftliche Bereiche stehen, aus dem Boden hochfahren und wieder verschwinden – eine flexible Lösung, die ein hohes Tempo erlaubt. Regisseur Peter Konwitschny bringt seine Sänger und Sängerinnen passagenweise in artistische Bewegung, besonders in den umfangreichen instrumentalen Zwischenspielen, die er zu Recht als Bühnenmusik deutet. Das ist nahe an der Geschichte und lässt an die »Fabrik des exzentrischen Schauspielers« denken, gegründet von Grigori Kosinzew und Leonid Trauberg, zu deren Stummfilm »Das neue Babylon« Schostakowitsch parallel zur »Nase« die Musik komponierte.

Doch geht es Konwitschny erkennbar nicht um die Rekonstruktion einer vergangenen Avantgarde, sondern um die Gegenwart. Entgegen der heutigen Tendenz, Opern in Originalsprache zu singen, gibt es in Dresden »Die Nase« auf Deutsch. Dank einer brauchbaren Übersetzung verfehlt der Sprachakzent kaum je den der Musik. In einem im Programmheft abgedruckten Gespräch betont Konwitschny, dass »die Vorgänge in der Oper auch unseren Verhältnissen ähneln. Die Kälte der Figuren untereinander, die Gleichgültigkeit und die totale Fixierung auf das Geld, das sind wir heute.«

Mit roten Clownsnasen sind zu Beginn die glücklichen Nasenbesitzer ausgestattet. Ein guter Einfall ist es, ausgerechnet den unglücklichen Kowaljow die eigene Nase herzeigen zu lassen – Demaskierung als sozialer Ausschluss, beinahe hat man Mitleid mit ihm –, bis er am Ende, wieder glücklich benast, sich so mies verhält wie alle anderen. Doch warum trägt er nun eine auffällige schwarze Nase, während alle anderen die Clownsnasen abgesetzt haben? Kowaljow trumpft zum Schluss doch nur deshalb auf, weil er es geschafft hat, wieder normal zu sein. Stimmig wirkt das nicht.

Doch treten solche Einwände zurück angesichts einer Inszenierung auf hohem Niveau und vor allem von großer Musikalität. Alle Farben der Partitur, das Grelle und (wo nötig) das Einschmeichelnde, vermittelt die von Petr Popelka geleitete Staatskapelle Dresden. Zahlreiche kleine Rollen fordern ein Ensemble, über das die Semperoper verfügt. Fast pausenlos gefordert war Bo Skovhus in der Rolle des Kowaljow. Der Kontrast zwischen großstädtisch Gehetztem und peinlich-langsam Qualvollem gehört zu dieser Oper. Auch dies wurde in der über weite Strecken erhellenden Aufführung deutlich.

Nächste Aufführungen am 7., 10. und 13.7.

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