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Aus: Ausgabe vom 04.07.2022, Seite 10 / Feuilleton

Kaiser Hadrian und die Kärntner Gastronomie

Von Erwin Riess
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Er werde nicht bezahlen, sagte Groll. Die Absicht bestehe aber durchaus. Mit diesen Worten schob er die Suppe von sich und rollte zum Ausgang

Der Dozent traf Freund Groll im Strandhotel »Sille« in Reifnitz am Nordufer des Wörthersees zu einem Gedankenaustausch. Das »Sille« ist ein alteingesessenes Dreistern-Haus, dessen antike Inneneinrichtung weithin gerühmt wird. Die Suppenteller stammen aus der Jungsteinzeit, die Suppenbasis aus Fertigsuppen des ausklingenden 18. Jahrhunderts und die geschmacklosen Frittaten aus dem girlandenverliebten Rokoko. Auf der Höhe der Zeit ist indes das Mineralwasser Marke Römerquelle – Experten datieren es auf das frühe zweite nachchristliche Jahrhundert in der Regentschaft des Kaisers Hadrian, dessen Aufenthalt am Wörthersee nicht belegt, wohl aber wahrscheinlich ist, galt er doch als reisefreudig und dank seiner Herkunft von den Ufern des Flusses Guadalquivir nahe Sevilla schmalen Gewässern zugeneigt. Dies erklärte Herr Groll seinem akademischen Freund, der hin und wieder Notizen in ein kleines Büchlein aus noblem Rindsleder eintrug.

»Anlässlich einer Inspektionsreise durch die römischen Provinzen gab Kaiser Hadrian um 122 nach Beginn unserer Zeitrechnung Befehl, zwischen der heutigen Grenze wischen Schottland und England auf der Höhe von Newcastle einen hundertzwanzig Kilometer langen Wall zu errichten«, fuhr Herr Groll fort. »Entgegen irrigen Ansichten diente er aber nicht der Abwehr von militärischen Einfällen, dafür waren die römischen Limites generell nicht geeignet, wie man an Bauten an Donau und Rhein studieren kann. Zweck des Bauwerks war die Überwachung des Handels- und Personenverkehrs, der an bestimmten Stellen kanalisiert werden sollte, um dort die Erhebung von Zöllen zu ermöglichen. Des weiteren sollten die Bauwerke Migrationsströme bündeln.«

»Eine humane Version von Frontex«, sagte der Dozent, nippte von seinem Espresso und stellte ihn angewidert zur Seite. »Ist es damals auch zu Push-back-Manövern gekommen?«

»Auszuschließen ist es nicht.«

»Das würde bedeuten, dass die Menschheit, was den zivilisatorischen Fortschritt anlangt, seit zweitausend Jahren auf der Stelle tritt.«

»Das könnte gut möglich sein«, stimmte Herr Groll zu. »Johann Nepomuk Nestroy, der große Kenner der menschlichen Verhältnisse«, sagt dazu: »Der Fortschritt ist halt wie ein neuentdecktes Land; ein blühendes Kolonialsystem an der Küste, das Innere noch Wildnis, Steppe, Prärie. Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer ausschaut, als er wirklich ist.«

Herr Groll orderte eine Leberknödelsuppe, der Dozent beschied sich mit einem gemischten Salat. Der sächsische Dialekt des Kellners erinnerte Groll an seine Jugend, in der er viel in Sachsen unterwegs gewesen war. Den Satz des Zöllners bei der Einreise in die DDR bei Zinnwald »Wer von ihnen ist denn nun schwerbeschädigt?« (Grolls Rollstuhl befand sich im Kofferraum, der Behindertenausweis lag hinter der Windschutzscheibe) hatte Groll in die Sammlung seiner »geflügelten« Worte aufgenommen, er zitierte ihn bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit.

Herr Groll erkundigte sich nach der Behindertentoilette. Da müsse er passen, sagte der Kellner. Daraufhin ließ Groll den Eigentümer kommen.

»Der Mann schwitzt stark«, merkte der Dozent an.

»Kein Wunder«, erwiderte Groll. »Dreißig Grad im Schatten sind für einen Bergsachsen eine Herausforderung.«

Der Eigentümer, ein Mann um die fünfzig, durchtrainiert, langes schwarzes Haar, erschien. Acht Jahre zuvor habe er, Groll, sich nach einer Behindertentoilette erkundigt. »Es hieß damals, deren Errichtung sei beabsichtigt.«

Das stimme, bestätigte der Eigentümer. Sie sei immer noch beabsichtigt. Seit 2016 sei eine Behindertentoilette gesetzlich vorgeschrieben, ließ Groll nicht locker. Sie sei auch weiterhin beabsichtigt, erwiderte der Eigentümer. »Und wenn ich in acht Jahren wieder fragen sollte, werden Sie mir sagen, dass die Absicht weiter besteht.«

»Das könnte gut sein«, sagte der Mann.

»Und das Gesetz?« mischte der Dozent sich ein.

»Das Gesetz hat für uns in Kärnten keine Gültigkeit. Auch die Baubehörde verweigert die Kontrolle«, sagte der Mann und lächelte.

»Aber die Absicht besteht?«

»Freilich«, sagte der Eigentümer. Sein Lächeln war jetzt breit.

»›Urlaub bei Freunden‹ wirbt Kärnten um Gäste«, sagte Groll und lächelte ebenfalls. »Die Absicht zählt.«

»So ist es«, sagte der Eigentümer.

Er werde nicht bezahlen, sagte Groll. Die Absicht bestehe aber durchaus. Mit diesen Worten schob er die Suppe von sich und rollte zum Ausgang.

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