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Aus: Ausgabe vom 01.07.2022, Seite 11 / Feuilleton
Urbanismus

Hamburger Sülze. Die Hansestadt findet sich »magisch«

Von Gisela Sonnenburg
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Oh, wie schön ist Hamburg!

Hamburg treibt es derzeit bunt. Ein gut zweiminütiger Clip auf Youtube, der den vielsagend schwallenden Titel »Kulturstadt Hamburg – Die Vielfalt der Kulturlandschaft in Hamburg« trägt, soll zahlungswillige Klientel anlocken. Ob das klappt? Der Trailer beginnt mit dem, was er selbst macht: Schminken. Drei junge Musicaldarsteller sitzen in der Garderobe und lassen sich pudern. Der Sound, aus Orchester und Klavier zusammengeschustert, könnte hingegen auch Butterwerbung untermalen. Das wäre flutschiger, vor allem outdoor bei sommerlichem Wetter.

Das ausgiebige Gähnen eines Jungdarstellers wird denn auch hautnah gezeigt. Als Sinnbild für die Power der Hamburger Jugend? Dann rückt der unschuldig in diesen Film geratene »Wanderer über dem Nebelmeer« von Caspar David Friedrich ins Bild. Das weltberühmte Gemälde – das die Melancholie dessen illustriert, der flanierend an den Abgrund geriet – wird als Reproduktion von einer schief gehaltenen Kamera abgegrast. Von links nach rechts. Wie passend. Früher hatte das Linke, also linkes Ideengut, in der bundesdeutschen Kultur viel Raum, auch in Hamburg.

Aber das war mal. Die Kamera bleibt rechts. Der Hanseat an sich auch. Die schlecht gezupften Augenbrauen eines Musicalmannes passen dazu, sie tauchen oben im Bild auf. Klar, da muss wer mal wieder zur Kosmetikerin. Dann hört man Klicks wie vom Verschlussmechanismus einer Kamera. Soll Hammonia sterben, indem sie zu Tode fotografiert wird? Vielleicht fürs Museum?

Alsbald sitzen die drei Musicalmenschen direkt vorm »Wanderer« in der Hamburger Kunsthalle. Der Wanderer ist aber digital bearbeitet – und streckt seinen rechten Arm aus. Dazu drei Finger. Als wolle er bis drei zählen. Dann zählt er rückwärts, indem er die Finger nacheinander wieder beugt. Ein Countdown. Dann macht er etwas Frivoles: Er schnipst mit dem Mittelfinger und Daumen, laut hörbar. Revolutionär.

Das war auch schon die Pointe. Erwartungsgemäß gibt es einen Cut. Der junge Mann, eben noch vorm Gemälde, klebt jetzt als Riese in der Speicherstadt. Eine Montage. Doch die historischen Fassaden sind den Hamburgern wohl langweilig geworden. Also entschwebt der junge Mensch, auf einem weißen Sitzkissen, und fliegt zurück ins Museum. Wie einfallsreich. Das edle Foyer dort im Stil der Gründerzeit hätte allerdings Besseres verdient. Also schwebt der Typ weiter, ins Theater, wo er in der Luft verharrt. Kunst? Nicht nötig. Hauptsache bunt.

All das ist keine Werbung für Kultur, sondern illustriert Allmachtsphantasien. Niedere Dinge wie das Big Ego werden bedient. Motto: »Kunst ist, was mich bespaßt, ich muss mich doch nicht anstrengen, um sie zu verstehen.« Was für eine Antibildung. Hamburger Sülze ohne Pfiff. Flugs gibt es wieder einen Cut. Abwechslung ist alles, was es hier an Lustigkeit gibt.

Jetzt sieht man einen Neubau mit Werbewand auf der grünen Wiese. Die Elbphilharmonie schwimmt ins Bild. Dazu rattern ungesunde synthetische Klänge ins Ohr. Man hat Bilder wie aus dem Touristikarchiv zusammengekloppt. Keine Hintergründigkeit lohnt das Hinsehen. Ein Gitarrist muss auch noch sein. Wie die Zeit rast. Rein ins Ballett, damit ein Anstrich von Hochkultur dabei ist, eine Szene aus »Sylvia« von John Neumeier ist kurz zu sehen. Danach streift die Kamera die Außenfassaden von Spielstätten.

Schließlich sitzt Harry Potter in einem Burger-Restaurant. Sein Gegenüber ist er selbst. Keine Selbstreflexion, sondern Narzissmus. Seine Mitstreiter kommen. Gedudel erklingt: das Gute-Laune-Diktat. Dann gehen die drei weg, vermutlich um Alkohol zu trinken.

Der vorletzte Blick der Kamera trifft ein Katalogcover mit dem »Wanderer«. Er schnipst jetzt aus dem Off. Der letzte Blick gilt der Elphi mit Hafen, wie originell. Dazu erscheint die Aufschrift »Unsere Kultur einfach magisch«, ohne Bindestrich oder Doppelpunkt geschrieben. Exakt 15 Logos enthüllen, wer sich hier blamiert: vom »Hamburg Ballett« über den »Mojo Club« bis zum Thalia. Also, nach Hamburg fahre ich so schnell nicht, jedenfalls nicht wegen der Kultur.

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