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Aus: Ausgabe vom 29.06.2022, Seite 11 / Feuilleton
Pop

In Schönheit sterben

Qualen genießen: Girlpools neues Album »Forgiveness«
Von Hannes Klug
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Sadomasochistisches Verhältnis zur Welt: Girlpool (Roskilde, 2019)

Es gab eine Zeit, da sangen Girlpool vom unschuldigen Zeitvertreib des Kirschenpflückens. 2015 war das, »Before the World Was Big«. So hieß ihr erstes Album. Damals lag noch eine niedliche Puppenstubenatmosphäre über der Musik des Duetts. Wenn man von heute aus zurückblickt, kommt der Verdacht auf, dass da vielleicht auch Körperflüssigkeiten im Spiel waren. »I am cherrypicking / I have a hard time staying clean«, sangen die beiden Schulfreundinnen aus Los Angeles in fröhlicher Eintracht. Ob es um Fruchtsaft ging oder nicht – die Klamotten waren hinterher jedenfalls besudelt.

Seither ist viel passiert, auf der Welt, im Leben der beiden. Harmony Tividad hat ihre Mädchenattitüde abgelegt. Avery Tucker hat sich 2017 von einer Frau zum Transmann gewandelt und heißt jetzt Cleo. Man könnte sagen, die beiden sind hart im Erwachsenenleben aufgeschlagen.

Auf ihrem vierten Album »Forgiveness« ist es vorbei mit der Niedlichkeit, die Unbekümmertheit in ein sadomasochistisches Verhältnis zur Welt umgeschlagen. Wunden bluten, Worte lügen, Träume ersticken. Lust und Verlangen sind am Werk, überboten von Entbehrungen und Liebesentzug: »If you want me you got me, baby / Let your body destroy and change me«, heißt es in »Junkie«, einer eher leisen, von perlenden elektronischen Klängen und einem schleppenden Maschinenrhythmus unterlegten Ode an rückhaltloses Begehren. Die Stimme von Tividad klingt bei Bedarf immer noch glockenhell, sogar, wenn sie eine Ballade über sexuelle Abhängigkeit anstimmt: »I’m a junkie for you / ’Cause I’d die to love you.«

Selbstzerstörerische Leidenschaft kleiden Girlpool oft in religiöse Metaphern. Aber wo es zur Sache geht, nennen sie die Dinge beim Namen: »Do you even want me if I even have to ask? / Break it to me gently with your fingers up my ass«, heißt es gleich in der ersten Zeile des Openers »Nothing Gives Me Pleasure«. »I hide monsters in my head every day« geht es weiter in »Afterlife«. Dazu Schichten düsterer Synthieakkorde.

»Faultline« hebt an mit Pferdegetrappel, als wären wir in einem Western von Howard Hawks gelandet. Die Männerphantasie wird rasch ersetzt durch die Metapher der »Faultline«, die das Terrain charakterisiert: eine geologische Bruchlinie, ein Schauplatz fortwährender Verschiebungen. Könnte ein Erdbeben geben.

Es wird in Schönheit gestorben auf »Forgiveness«. Immer wieder geht es um Erbarmen, Gnade, um Vergebung, klar. Schon knien wir auf dem steinernen Boden der Kirche: »I’ll repent, maybe not / Hold a candle up to God.« Zeit, Buße zu tun. Oder die Freude der Qualen verstärken. Und genießen.

Girlpool: »Forgiveness« (Anti/Indigo)

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