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Aus: Ausgabe vom 29.06.2022, Seite 10 / Feuilleton

Höchst, Wohlgemuth, Lichtenberg

Von Jegor Jublimov
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Statue von Georg Christoph Lichtenberg vor dem Eingang der Staats- und Universitätsbibliothek in Göttingen

Man kennt ihn als strahlenden Prinzen hoch zu Ross im Defa-Märchenfilm »Die Geschichte von der Gänseprinzessin und ihrem treuen Pferd Falada« (1989) und als Liebhaber im letzten DFF-Film »Der Rest, der bleibt« (1991). Als Annekathrin Bürger kürzlich 85 wurde, sah man Alexander Höchst in dieser ungleichen Liebesgeschichte mit seinem eindrucksvollen Monolog wieder und glaubt kaum, dass er am Sonntag schon 60 wird. Er hat in Filmen von Iris Gusner, Andreas Kleinert und Rudolf Thome schöne Rollen gespielt und war als Dr. Berg in »Familie Dr. Kleist« (2004–2011) dabei. Inzwischen macht er fernab der Filmmetropolen Theater, nämlich in Bautzen, wo er in die Fußstapfen seines Vaters Siegfried Höchst getreten ist und gelegentlich Regie führt.

Die Melioration zur Neulandgewinnung war in der Friedländer Großen Wiese vor rund sechzig Jahren ein »Zentrales Jugendobjekt«. Hier arbeitete auch der ehemalige Bauarbeiter und Philosophiestudent Joachim Wohlgemuth und schrieb darüber den Roman »Egon und das achte Weltwunder«, dem eine neue Qualität der sozialistischen Jugendliteratur attestiert wurde. Eine halbe Million mal ging das Buch über den Ladentisch, und 1964 wurde die Geschichte um einen Halbstarken, der sich in der Liebe zu einem Mädchen wandelt, mit Gunter Schoß in der Hauptrolle verfilmt. Auch andere Stoffe von Wohlgemuth fanden den Weg auf den Bildschirm, etwa »Verlobung in Hullerbusch« mit Erwin Geschonneck (1979) und »Das Puppenheim in Pinnow« mit Walter Plathe (1984). Wohlgemuth, der auch kulturpolitische Funktionen übernahm, bekam wegen »unmoralischer Lebensweise« 1970 Ärger mit der Partei. Um die Scharte auszuwetzen, arbeitete er nun um so eifriger »auf Parteilinie«. Er starb 1996 und wäre am vorigen Montag 90 Jahre alt geworden.

»Eine goldene Regel: Man muss die Menschen nicht nach ihren Meinungen beurteilen, sondern nach dem, was diese Meinungen aus ihnen machen.« So ein Satz des heute vor allem als Aphoristiker bekannten Georg Christoph Lichtenberg, der am 1. Juli 1742 in Ober-Ramstadt bei Darmstadt geboren wurde und dessen Hauptwirkungsstätte die Universität Göttingen war. Lichtenberg war Experimentalphysiker, machte zahlreiche naturwissenschaftliche Entdeckungen und griff auch die Erfindungen anderer auf. So führte er den von Benjamin Franklin erfundenen Blitzableiter in Deutschland zur Reife. Als Philosoph war Lichtenberg u. a. ein Autor gefürchteter satirischer Streitschriften, aber seine Aphorismensammlungen wurden erst aus dem Nachlass – aus seinen »Sudel­büchern« – zusammengestellt: »Sagt, ist noch ein Land außer Deutschland, wo man die Nase eher rümpfen lernt als putzen?« Oder auch: »Und ich dank’ es dem lieben Gott tausendmal, dass er mich zum Atheisten hat werden lassen.«

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