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Aus: Ausgabe vom 28.06.2022, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Der Sänger im Roggen

Der Nino aus Wien präsentiert sein neues Album »Eis Zeit«
Von Eileen Heerdegen
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Fast ein Optimist: Der Nino aus Wien

Zugegeben – wir urbanen Trottel, ob nun aus Wien oder Hamburg, haben nicht die geringste Ahnung, an welcher Art von sich romantisch im Frühabendwind wiegendem Korn wir da vorbeistapfen, nachdem wir die U-Bahn-Endhaltestelle Seestadt Aspern für einen Konzertbesuch in Richtung Brachland verlassen haben. Weizen? Gerste? Gar Wintergerste? Ich entscheide mich einfach mal für Roggen, weil mir die Assoziation gefällt. »Der Fänger im Roggen« – ein Hoch auf die jugendliche Depression. Passt irgendwie zum Nino aus Wien, die Traurigkeit und auch die Jugend. Nino Mandl, der sich den Künstlernamen angeblich analog zum Tiroler Anton zugelegt hat, bleibt auch mit mittlerweile 35 – optisch und mit einer sympathischen Schüchternheit – der »Buali«, dem der Taxifahrer zur Warnung sein verkorkstes Leben erzählt (»Taxi ­Driver«, Album »Ockermond«, 2020).

Der Nino aus Wien stammt selbst aus Donaustadt, dem 22. Wiener Bezirk, der sich mit dem 21., Floridsdorf, die etwas verächtliche Bezeichnung »Transdanubien« teilt. Die falsche Seite der Donau, ohne jede K-und-k-Herrlichkeit, wo die früher ländliche Bebauung längst teuren Wohn- und Geschäftstürmen gewichen ist (eher innenstadtnah) oder endlose Weiten zu halbwegs schönen Stadtentwicklungsgebieten werden (eher am Arsch der Welt). Auch die Baulücke mit den Kornfeldern wird bald Geschichte sein, und der Nino mahnt im Titellied des neuen Albums »Eis Zeit«, »hör nicht auf, deine Geschichte zu kontrollieren«, singt von »gebrauchten Baustellen, die nie ein zufriedenes Haus werden einreißen können«.

Ninos Texte sind meist mehr, aber auch mal weniger poetisch. Seinen Durchbruch hatte er 2010 mit dem eher untypischen, fröhlichen »Holidays« und dem Dialektlied »Du Oasch«, in dem einem Nebenbuhler der Genickbruch angedroht wird. Ansonsten wird wenig im Dialekt und mehr im wienerischen Hochdeutsch gesungen, also auch für nicht so Österreich-affine Bundesdeutsche gut konsumierbar.

»Eis Zeit« ist das neunte Album von Nino aus Wien und Band, dazu kommen noch einige Gemeinschaftsprojekte, z. B. das ganz wunderbare »Unser Österreich« von 2015 mit Ernst Molden und Coversongs des Austropop von Heller bis Falco. Dessen »Ganz Wien ist heut’ auf Heroin« verliert da jede Koketterie mit der Droge und wird mit Akustikgitarre und dem langsamen, manchmal fast schläfrig anmutenden Gesang vom Nino zu einem sehr düsteren Song.

Die bedächtige Art zu singen ist die unverwechselbare Konstante. Die Musik ist vielfältig, von Singer-Songwriter-Elementen über Blues bis Pop und Rock kann sie an Element of Crime erinnern, an Bob Dylan oder auch mal an Heller, Danzer und Co., bleibt aber immer sehr Nino aus Wien, der selbst gern Beatles, Ramones und Syd ­Barrett hört.

Live funktioniert das alles auch sehr schön vergangenen Samstag in Aspern. Das begeisterte Publikum, das den Auftritt dank sozialer Traditionen (und Unterstützungen) der Stadt Wien sogar gratis bekommt, steht, tanzt und klatscht mittlerweile in einer geradezu kitschigen rot-goldenen Abendsonne. Denn, obwohl stark erkältet, spielt die Band zwei Stunden ohne Pause die neuen, aber auch alte Lieder. Nino Mandl, akustische Gitarre und Gesang, Raphael Sas, E-Gitarre und Piano, David Wukitsevits am Schlagzeug und PauT alias Paul Schreier am Bass und überraschenderweise mit Klarinette. Als zusätzliche Überraschung der Auftritt des erst neunjährigen Hans Euler, der auch auf dem Album die Gitarre am Schluss von »Olles hot sei End« spielt. Eine schöne Idee, das Ende mit dem ganz Neuen zu verbinden.

Und eigentlich ist es auch egal, welches Korn um die improvisierte Bühne herum wächst, denn bald wird auch hier etwas Neues sein. Ob es besser sein wird? Der Nino aus Wien sagte 2011 in einem Interview: »Ich bin fast ein Optimist.«

Der Nino aus Wien: »Eis Zeit« (Medienmanufaktur Wien)

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