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Aus: Ausgabe vom 25.06.2022, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Illegale Sportmedizin

»Wir haben um jede Akte kämpfen müssen«

Über die Ermittlungen rund um das »Dopingzentrum« des westdeutschen Spitzensports in Freiburg und die Unterstützung krimineller Machenschaften. Ein Gespräch mit Letizia Paoli
Interview: Andreas Müller
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Armin Klümper (Sportmedizin) in seiner Praxis in Freiburg (November 1978)

Müsste das Buch »Doping für Deutschland« über die Freiburger Sportmedizin nicht exakter heißen: »Doping für Westdeutschland«?

Es stimmt, dass die zwei Protagonisten des Buches, Joseph Keul und Armin Klümper, Westdeutsche waren. Sie hatten in den Zeiten des Kalten Krieges die De-facto-Aufgabe bekommen, die westdeutschen Athleten international wettbewerbsfähig zu machen. Aber der Titel des Buches bleibt doch korrekt: Nach 1990 ging es weiter – in gewisser Hinsicht noch »besser«, weil viele ostdeutsche Trainer sehr schnell trotz, oder wegen, ihrer dubiosen Dopingkompetenzen vorbehaltlos in den gesamtdeutschen Elitesport integriert wurden. Die Ziele und Praktiken der Sportverbände sind die gleichen wie vor 1989. Keul ist zum Beispiel bis zu seinem Tod im Jahr 2000 Chefarzt der gesamten Olympiamannschaft geblieben. Und die Erwartungen der Politiker haben sich nicht geändert. Noch 2015 konnte der damalige Bundesinnen- und Sportminister Thomas de Maizière erklären, dass Deutschland »eigentlich nach der Tradition in beiden deutschen Staaten und nach unserer Wirtschaftskraft, mit der wir den Spitzensport fördern, mindestens ein Drittel mehr Medaillen bekommen« müsste, oder »vielleicht mehr«. Unglaublich!

In der bisherigen Aufarbeitung spielte das Thema Doping in den alten Bundesländern – im Unterschied zum »Staatsplanthema 14.25« für den DDR-Leistungssport – bei der Aufarbeitung eine untergeordnete Rolle. Wie fällt Ihr Urteil nach eingehender Betrachtung der Freiburger Sportmedizin aus? Gab es in der BRD ein Dopingsystem?

Im Fall des Radsports kann man auch in der BRD von einem bundesweiten Dopingsystem sprechen. Die Klümper-Akten, die dank der Recherchen der Evaluierungskommission wieder aufgetaucht sind, beweisen, dass Klümper in den 1970er Jahren für den Bund Deutscher Radfahrer (BDR, jW) ein bundesweites Netzwerk aufbaute, womit er fast alle Radsportkader mit Dopingsubstanzen versorgte. Unter ihnen gab es auch viele Minderjährige. Im Gegensatz zur DDR gab es aber in der BRD kein Dopingsystem für alle Sportarten. Westdeutsche Politiker förderten Medaillen und verliehen ihren Erwartungen mit ihrer großzügigen Finanzierung des Spitzensports und der Freiburger Sportmedizin Nachdruck. Gerade weil es keine schriftlichen Aufforderungen und Dopingpläne gibt, ist es auch viel schwieriger, Politiker und hohe Sportfunktionäre zur Verantwortung zu ziehen.

Wie viele Athleten sind vom »K & K«-System von Josef Keul und Armin Klümper gedopt oder zumindest mit unlauteren Mitteln, »Medikamentencocktails« und Präparaten zur Maskierung von Doping versorgt worden?

Niemand weiß das. Obwohl keine genauen Zahlen vorhanden sind, schätzt man, dass die Freiburger Sportmedizin in den 1970er und 1980er Jahren 80 Prozent der Kaderathleten betreute. Mehrere von ihnen – wie viele genau, weiß man nicht – wurden von Freiburger Sportmedizinern direkt oder indirekt gedopt. Klümper war in erster Linie dafür verantwortlich. Aber Keul war lange sehr gut darüber informiert, weil die Athleten ein- oder zweimal jährlich zur Kaderuntersuchung in die Abteilung Sportmedizin kamen, die er leitete. Bei dieser Gelegenheit gaben die Sportlerinnen und Sportler im Zusammenhang mit der Medikamentenanamnese Auskunft über die Einnahme von Dopingmitteln. Sein Ratschlag für Mitarbeiter und Sportler war angeblich: »Lassen Sie sich nicht erwischen.«

Freiburg haben Sie eindeutig als nationales Zentrum der Manipulationen identifiziert. Wie steht es um regionale Ableger und Mitstreiter im Bundesgebiet?

In Klümpers Dopingsystem gab es mindestens zwei regionale Ableger, zwei andere Ärzte. Der erste war Gustav Raken, ein Arzt im Radsportverband Nordrhein-Westfalen, der selbst zugab, im Auftrag von Klümper Radsportlern Anabolika gespritzt zu haben. Der zweite war Dirk Clasing aus Münster, der für die Betreuung von Jugendlichen und Junioren im BDR zuständig war. Trotz seiner Zusammenarbeit mit Klümper wurde Clasing ab 2002 stellvertretender Vorsitzender der neu gegründeten Nationalen Antidopingagentur NADA – ein klarer Beweis für die anhaltende Ambiguität und Heuchelei des deutschen Sportsystems in Sachen Doping.

Wie sind die Sportlerinnen und Sportler damals an die Dopingmittel herangekommen? Wie und vom wem wurden sie verabreicht?

Wie gesagt, Klümper war ab 1976 in erster Linie für die Rezeptierung und Verabreichung der Dopingmittel verantwortlich. Er machte sich unter anderem des Rezept- und Abrechnungsbetrugs schuldig, um an teure Dopingmittel und andere Medikamente zu gelangen – er wurde deswegen 1989 und 1998 auch verurteilt. Aber Klümper war nicht der einzige Freiburger Sportmediziner, der Sportler dopte. Auch Huber, Klümpers Nachfolger als Leitender Verbandsarzt des BDR und ab 2006 Olympiafacharzt, ist mehrmals Dopingvorwürfen ausgesetzt gewesen. Und im Fall des ehemaligen Bahnradfahrers Robert Lechner, Bronzemedaillengewinner der Olympischen Spiele 1988, sind diese Vorwürfen auch gerichtlich bestätigt. Ab Anfang der 1990er Jahre bis 2007 haben zudem mindestens zwei Ärzte der Universität Freiburg – Andreas Schmid und Lothar Heinrich – die Fahrer des Telekom/T-Mobile-Teams mit dem Dopingmittel Epo und weiteren leistungssteigernden Mitteln versorgt und bei ihnen leistungssteigernde Methoden, einschließlich Eigenbluttransfusionen, angewendet. Es ist nicht vorstellbar, dass Keul nichts davon wusste.

Bei den Aufklärungsbemühungen der Evaluierungskommission sprechen Sie von einem »Kampf zwischen David und Goliath«. Wie ist das zu verstehen?

Die »Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin« wurde zwar von der Universität Freiburg eingesetzt, um »die Freiburger Sportmedizin in ihren gesamten Aktivitäten während der vergangenen 50 Jahre auf den Prüfstand« zu stellen. Aber die Leitungen der Universität und des Klinikums wollten keine gründliche Aufklärungsarbeit, sie wollten meiner Meinung nach nur ein Feigenblatt. Sogar der offizielle Auftrag der Kommission wurde verschwiegen und zeitlich, persönlich und institutionell verengt – vor allem um zu vermeiden, dass die Kommission Klümpers Machenschaften untersuchte. Als meine Kollegen und ich diese Manipulation entdeckten und öffentlich machten, wurden wir ständig weniger vom Auftraggeber unterstützt. Ich wurde sogar persönlich – manchmal auch »unter der Gürtellinie« – attackiert. Ich stand fast allein da, gegen die Leitung einer Universität, mit allen ihren Beamten, Rechtsanwälten und Medienberatern. Gleichzeitig hatte ich meine Vollzeitstelle als Professorin an einer belgischen Universität inne.

Aufgeben war keine Option?

Keinesfalls, doch es war eine schwierige Zeit. Gott sei Dank sind zwei Kommissionsmitglieder auch in den schwierigsten Phasen des Konflikts stets mit klugen Ratschlägen und viel Empathie an meiner Seite geblieben: der stellvertretende Kommissionsvorsitzende Hellmut Mahler, der als Toxikologe im LKA NRW arbeitet, und der jüngst verstorbenen Sportpädagoge und Antidopingexperte Gerhard Treutlein. Ich werde ihnen ewig dankbar sein. Und wir haben immer wieder – manchmal sogar unerwartete – Unterstützung von Teilen der Öffentlichkeit, vielen Medien und selbst von Mitgliedern der Universität Freiburg bekommen.

Nach Ihren Erkenntnissen konnten sich Keul, Klümper und Co. auf eine »organisierte Unterstützung« verlassen. Was heißt das genau?

Sie erfüllten Erwartungen der Politik. Gerade Klümper hatte eine Armee von Fans und Unterstützern: darunter Olympiasieger, Weltmeister und Nationalmannschaftsfußballer, denen er zum Erfolg verholfen hatte, sowie viele prominente Patienten. Unter letzteren gab es auch mehrere Landesminister wie Gerhard Mayer-Vorfelder, Minister für Kultur und Sport, VfB- und später DFB-Präsident, sowie Hans Filbinger, der von 1966 bis 1978 Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg war. Sogar Willi Daume, der damalige Präsident des Deutschen Sportbundes, war Patient bei Klümper. Und wenn man die öffentlichen Statements von Gundolf Fleischer liest, hat man den Eindruck, dass die »organisierte Unterstützung« für die Freiburger Sportmedizin trotz aller skandalösen Machenschaften noch weiterhin besteht. Fleischer war nicht nur mehrmals Staatssekretär in Stuttgart, sondern er ist auch seit über 25 Jahren Präsident des Badischen Sportbundes.

Welche Bereitschaft haben Sie vor Ort erlebt, an der Evaluation mitzuwirken?

Im allgemeinen war es enttäuschend, aber es gab einige rühmliche Ausnahmen. Vor allem der Leiter des Archivs der Universität Freiburg, Dieter Speck, war uns sehr behilflich. Ihm sind wir zu Dank verpflichtet.

Wie hat sich für Sie die Situation in bezug auf die Quellenlage dargestellt?

Als ich Kommissionsvorsitzende wurde, fand ich eine leere Geschäftsstelle vor. Wir haben um jede Akte, die wir letztendlich zur Verfügung gestellt bekommen haben, kämpfen müssen. Gerade Gerhard Treutlein besuchte unermüdlich zahlreiche Archive in Südwestdeutschland und sammelte dort Tausende von Datenseiten. Dank unserer Hartnäckigkeit haben wir einige Erfolge erzielen können. Beispielsweise wurden die Akten des Prozesses gegen Klümper nach der Ernennung eines neuen Leitenden Oberstaatsanwaltes in einer Außenstelle der Staatsanwaltschaft wieder gefunden, nachdem man zuerst erklärt hatte, dass sie unauffindbar seien.

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Die Vorsitzende der »Evaluierungskommission Sportmedizin Freiburg«, Letizia Paoli, am Rande eines Internationalen Dopingsymposiums (Nürnberg 2015)

Wie viele Bestände sind wohl geschreddert worden, bevor die Kommission 2007 ihre Arbeit aufnahm?

Das wissen wir nicht mit Sicherheit, aber viele Akten sind wohl aus nachvollziehbaren und minder nachvollziehbaren Gründen geschreddert worden. Und viele Akten der Verbände und der Ministerien wurden uns einfach nicht zur Verfügung gestellt. Wir wissen zum Beispiel noch nicht, wie viele öffentliche Mittel wirklich in die Freiburger Sportmedizin geflossen sind. Gibt es wirklich in den Ministerien keine Angaben mehr dazu?

Einige Akten sollen in Privathaushalten verschwunden sein.

Ja, das war – ironisch gesagt – wirklich der Höhepunkt der Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg. Die erste Geschäftsstellenleiterin der Kommission, Ursula Seelhorst, »bewahrte« fast drei Jahre lang drei Regalmeter Akten, die gesamte berufliche Korrespondenz von Keul, bei sich zu Hause auf, obwohl der erste Kommissionsvorsitzende sie dazu aufgefordert hatte, diese Akten Keuls Nachfolger zurückzugeben. Es ist kaum denkbar, dass Frau Seelhorst, die später Rektoratsjustiziarin der Universität wurde, ohne Deckung der Universitätsleitung einen solch schwerwiegenden Verstoß gegen ihre Dienstpflichten begangen hätte. Als ich nach Dutzenden, meist unbeantworteten Briefen an Frau Seelhorst und andere Stellen der Universität von der Entdeckung der Akten erfuhr, dachte ich mir: Mein Gott, hier ist es schlimmer als in Italien!

Haben Sie versucht, mit Armin Klümper bis zu seinem Tod vor drei Jahren in Südafrika Kontakt aufzunehmen und ihn als Zeitzeugen zu befragen?

Ja, mehrmals. Zu einem bestimmten Zeitpunkt schrieb er mir sogar, dass er bereit sei, mich zu treffen – und ich war bereit, einen Flug zu nehmen, um ihn in Südafrika zu besuchen. Aber innerhalb eines Tages änderte er seine Meinung.

Haben Sie und Ihre Kommissionsmitglieder auch persönliche Anfeindungen erlebt?

Sicher, mehrfach. Ein Kommissionsmitglied brüllte mich während einer Sitzung an und musste dann zurücktreten. Die Anfeindungen anderer Menschen waren subtiler, aber häufig gefährlicher. Und auch wenn es keine persönlichen Anfeindungen waren, war die Mauer des Schweigens gerade in Freiburg und gerade bei den Sportverbänden kaum zu brechen.

Was hat Sie als Vorsitzende der Kommission in den sieben Jahren Ihrer »Freiburger Ära« bis 2016 am meisten in Rage gebracht?

Neben der wiederholten Behinderung unserer Arbeit waren es vor allem die öffentlichen Beschuldigungen Anfang 2013 von Rüdiger Siewert, dem damaligen Leitenden Ärztlichen Direktor des Universitätsklinikums Freiburg, die gegen mich persönlich gerichtet waren. Er behauptete, dass ich inkompetent sei, »keine Arbeitsergebnisse« vorlege und trotzdem »hohe Honorare« kassiere. Um mich persönlich zu diskreditieren, ging das Klinikum so weit, meine Honorare den Medien bekannt zu machen. Dabei habe ich nur darauf bestanden, das gleiche Honorar zu bekommen wie mein Vorgänger (gemeint ist Hans Joachim Schäfer, Präsident des Sozialgerichts Reutlingen a. D., der die Kommission von 2007 bis zu seinem krankheitsbedingten Ausscheiden zwei Jahre lang führte, jW). Zudem ist mein Honorar von Anfang an auf meinem Universitätskonto eingegangen, wo es nur für Forschungszwecke benutzt werden konnte. Allein schon deshalb kann von persönlicher Bereicherung nicht die Rede sein. Und übrigens: Die Universität hat meine Arbeit nur bis September 2011 bezahlt. Von diesem Zeitpunkt an bis zur Auflösung der Kommission im März 2016 habe ich völlig ehrenamtlich gearbeitet.

Warum wurden Klümper und Keul zu Lebzeiten nicht wegen vorsätzlicher Körperverletzung oder gar Beihilfe zur Tötung – etwa bei Klümper im Fall der Siebenkämpferin Birgit Dressel – gerichtlich belangt, wie es in einem funktionierenden Rechtsstaat zu erwarten gewesen wäre?

Keul war schlau, ab Mitte der 1970er Jahre hat er kaum Dopingmittel persönlich verabreicht. Aber es gab sicher genug Beweise, um Klümper zumindest wegen vorsätzlicher Körperverletzung anzuklagen. Rolf Schlotterer, der Leiter der LKA-Ermittlungsgruppe um Klümpers illegale Abrechnungspraktiken, wollte genau in diese Richtung die Untersuchung erweitern, aber er wurde ausgebremst. Und er wurde sogar persönlich vom damaligen Freiburger Leitenden Oberstaatsanwalt Jordan bedroht. Ohne das Eingreifen von Generalstaatsanwalt Ernst Bauer hätte die Staatsanwaltschaft Freiburg sogar das Verfahren gegen Klümper wegen Abrechnungsbetrugs eingestellt. Klümper hatte einfach viele mächtige Unterstützer im Sport und in der Politik.

Inwieweit hat die deutsch-deutsche Rivalität im Spitzensport die Dopingpraktiken in der BRD befeuert?

Wesentlich. Die ostdeutschen Athleten gewannen damals viele Medaillen, weil die meisten von ihnen vom Staat selbst gedopt waren. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs wurden Sporterfolge als Zeichen der Überlegenheit des politischen Systems gewertet. Das Motto damals war: »Wir brauchen Medaillen um jeden Preis.«

Eine gehörige Mitschuld an den Praktiken geben Sie den politischen Akteuren und deren Gier nach Medaillen inklusive des Erfolgsdrucks auf die Sportverbände.

Ja, sie haben immer wieder die Gesundheit und das Wohl der Athleten dem nationalen und lokalen Sporterfolg geopfert. Und sie haben die Karriereträume von Tausenden anderen Athleten und Trainern mit Füßen getreten, die clean und treu an den Prinzipien der Sportethik festhielten.

Die Triebfedern für Manipulation sind bis heute dieselben. Am meisten Fördergeld bekommt, wer die meisten Medaillen verspricht. Sauberer Spitzensport bleibt also eine schöne Illusion?

Das System ist grundsätzlich falsch. Mit seinem Motto »Citius, altius, fortius« steht das Internationale Olympische Komitee (IOC, jW) für eine bedingungslose Forderung nach maximaler Leistung. Und das Primat bedingungsloser Höchstleistung durchdringt auch die Ebenen unterhalb des Spitzensports. Wie in Keuls und Klümpers Zeit äußern Politiker auch heute Erwartungen in diese Richtung, und zusammen mit den Sportverbänden setzen sie Medaillenziele. Wenn ein Dopingvergehen zu einem späteren Zeitpunkt öffentlich wird, können Politiker und Sportverbände sich von den betroffenen Sportlern distanzieren und sie als Sündenböcke hinstellen. Dies ist unserer Meinung nach eine unmoralische »Win-Win-Situation«.

Konsequent zu Ende gedacht, müssten Sie Sinn und Zweck eines Spitzensports, der in seinem Wesen und seinen Wurzeln verdorben ist, generell infrage stellen. Ergo: Weg damit?

Die öffentliche Finanzierung des Spitzensports ist nur mit seiner Erziehungsfunktion zu rechtfertigen. Aus der Perspektive der Volksgesundheit ist es viel sinnvoller, den Breitensport zu unterstützen, der positive Auswirkungen für Millionen von Menschen hat und der heutzutage nur die Brösel der öffentlichen Finanzierung bekommt. Wenn das IOC und die nationalen Verbände die Erziehungsfunktion des Spitzensports nicht gewährleisten können, warum sollte ihnen dann noch der größte Teil des Sportetats zugeteilt werden?

Letizia Paoli, Jahrgang 1966, ist eine italienische Kriminologin und Professorin an der belgischen Universität Leuven und war zwischen 2009 und 2016 Vorsitzende der »Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin«

Letizia Paoli, Hans Hoppeler, Hellmut Mahler, Perikles Simon, Fritz Sörgel, Gerhard Treutlein: »Doping für Deutschland. Die ›Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin‹: Geschichte, Ergebnisse und sportpolitische Forderungen«; Transcript-Verlag, Mai 2022, 260 Seiten, 35 Euro

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