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Aus: Ausgabe vom 25.06.2022, Seite 13 / Geschichte
Pädagogik und Leistungsschau

Am Gängelband von PISA

Vor 20 Jahren erschien die erste nationale Schulleistungsstudie in OECD-Regie. Der »Schock« wirkt bis heute nach – inklusive allerhand »Reformen«
Von Ralf Wurzbacher
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Fragwürdige Methoden – die PISA-Studien standen von Beginn an in der Kritik (DGB-Demonstration in Stuttgart, 3.4.2004)

Was hat die weltweit bekannteste »Schulleistungsstudie« mit einer Stadt an Italiens Westküste zu tun? Nichts, gar nichts, überhaupt nichts? Macht PISA blöd? Es gibt Leute, die das so sehen. Zum Beispiel beklagte der Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin vor Jahren im Interview mit junge Welt eine »epochale Verdummung« in Folge der PISA-Studien. Seine Meinung teilen etliche Bildungsforscher im In- und Ausland. Die Verantwortlichen hinter dem »Programme for International Student Assessment« (PISA) versuchen dagegen weiszumachen, anhand ihrer regelmäßigen Vergleichstests Prozesse anzustoßen, von denen am Ende alle etwas hätten: die Schulen, die Kinder, die ganze Gesellschaft. Vor allem meinen sie damit aber die Wirtschaft.

Für die hiesige Öffentlichkeit begann das große PISA-Erwachen zunächst mit einem »Schock«. Bei der ersten Auflage aus dem Jahr 2000 landete die BRD unter 32 Nationen auf Rang 21. Skandal! In allen drei Prüfungsbereichen – Schreib- und Lesekompetenz, Naturwissenschaften, Mathematik – schnitten die einheimischen Schülerinnen und Schüler unterdurchschnittlich ab. Linderung verschaffte auch PISA-E nicht, eine vor genau 20 Jahren veröffentlichte nationale Erhebung. Kein einziges Bundesland, nicht einmal das siegreiche Bayern, reichte an den damaligen PISA-Musterknaben Finnland heran. Die anderen 15 Flächen- und Stadtstaaten waren schlechter als Mittelmaß. So konnte es nicht weitergehen, und tatsächlich berappelte sich das deutsche Sorgenkind. Ausgehend von PISA 2012 setzte ein stabiler Aufwärtstrend ein.

Faktoren ausgeklammert

Ist deshalb alles gut? Wohl kaum. Es ist keineswegs ausgemacht, dass deutsche Pennäler heute wirklich besser lesen, schreiben und rechnen als noch vor zwei Jahrzehnten. Eher werden sie den PISA-Anforderungen besser gerecht, indem sie die Testroutinen, überwiegend nach dem Multiple-Choice-Verfahren, besser bewältigen. Auch Häkchen setzen muss gelernt sein. Am besten wird der Wissensstoff vorher stumpf gepaukt. Tatsächlich ist es inzwischen gängige Praxis, die Systematik im Vorfeld der Tests in den fraglichen Klassen einzuüben. Welcher Schulleiter blamiert sich schon gerne? Nicht zufällig überragen bei PISA vielfach Kandidaten aus Asien, deren Lehrpläne auf Abschlusstests in wenigen Fächern ausgerichtet sind, alle anderen. Außerdem spielt in Fernost private Nachhilfe eine deutlich größere Rolle als anderswo und bestimmt maßgeblich über den persönlichen Schulerfolg. »Schulleistung« hängt also zu einem nicht unerheblichen Grad von außerschulischer Unterstützung ab. Wie sehr, weiß keiner. Der Faktor wird schlicht nicht beziffert, geschweige denn bei der Auswertung berücksichtigt.

Trotzdem maßen sich die PISA-Verantwortlichen an, Schulsysteme im globalen Maßstab vermessen und vergleichen zu können mit dem Anspruch, sie so qualitativ voranzubringen. Dabei ist die Methodik ziemlich simpel, was man schon an der Beschränkung auf lediglich drei »Indikatoren« erkennt. Anhand von Lesen, Rechnen und den Kenntnissen in Naturwissenschaften auf die Gesamtqualität eines Schulsystems zu schließen, zeugt von einem hohen Maß an Engstirnig- und Überheblichkeit. Wo bleiben soziale und ethische Kompetenzen, warum werden keine musikalischen, politischen Fertigkeiten oder solche in Geographie und Fremdsprachen in die Wertung aufgenommen? Nicht nur bleibt der Großteil der Lehrpläne unberücksichtigt, auch der Erziehungsauftrag der Schulen, der in den Verfassungen der Bundesländer an oberster Stelle steht, bleibt außen vor. Faktisch werden große und wesentliche Bereiche des schulischen Lebens von Heranwachsenden komplett ausgeblendet.

Das verwundert nicht, denn bei all dem treten die Interessen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die federführend hinter PISA steht, deutlich zutage. So erklärt sich die Fixierung auf 15jährige mit dem Ende der Vollzeitschulpflicht nach der 9. oder 10. Klasse. An diesem Punkt sollen Schulabgänger über das nötige Rüstzeug verfügen, um möglichst passgenau und ohne zeitliche Verzögerung in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu wechseln. Ein Schlüssel dazu ist nach Darstellung des Mathematikdidaktikers Wolfram Meyerhöfer die Mathematik selbst. Die Masse an »brauchbaren Arbeitskräften« solle Mathe gar nicht verstehen, »das bleibt Spezialisten vorbehalten«, Meyerhöfer. »Der große Rest muss unter dem Schlagwort von ›nützlicher Mathematik‹ lediglich daran glauben, dass man alle Aspekte des Menschlichen mit Zahlen abbilden kann.«

Falsche Erfassungen

Nichts versinnbildlicht und transportiert die Leitbilder Standardisierung und Ökonomisierung eindrücklicher als das genannte Nationenranking, das alle drei Jahre die Gemüter erregt. Wobei selbst nach den PISA-Statuten nicht immer der Beste gewinnt. Der Pädagoge und Historiker Rainer Bölling hat in diversen Beiträgen auf die Irrungen und Wirrungen bei der Siegerauswahl hingewiesen. Demnach kam es wiederholt zu Verzerrungen der Ergebnisse, weil die für die Länder erforderliche Teilnehmerquote unterschritten beziehungsweise falsch erfasst wurde. Österreich zum Beispiel musste deshalb für die 2000er-Auswertung erst Jahre später um mehrere Plätze zurückgestuft werden, und die USA hätten 2009 bei korrekter Bewertung zehn oder mehr Ränge weiter oben rangiert. Statt dessen triumphierte seinerzeit Shanghai, obwohl die Metropole als Repräsentant für China die zu meisternde Hürde klar gerissen hatte. Tatsächlich waren Kinder von Millionen Wanderarbeitern einfach übergangen worden, weil sie die höheren Schulen, an denen PISA stattfand, gar nicht besuchen dürfen.

Und dann ist da noch Deutschland mit einem Erfassungsgrad von nahe 100 Prozent bei der 2018er-Auflage. Hätte man sich mit dem OECD-Durchschnittswert von 89 Prozent begnügt, wäre die BRD laut Bölling »wahrscheinlich in die Spitzengruppe aufgestiegen«. Ginge bei PISA alles mit rechten Dingen zu, wäre den Deutschen womöglich ja sogar der große »Schock« erspart geblieben – und manch eine verkorkste Schulreform. Mit der OECD-Studie sei die »Einschulung von Fünfjährigen, die Verkürzung des Abiturs, die Intensivierung der Kindergartenbildung, die Einführung von Zentralabituren« begründet worden, bemerkte Meyerhöfer. »Egal, wie man diese Dinge findet, nichts davon ließ sich aus PISA herleiten. Behauptet wurde das aber immerfort.« Für den Didaktiker ist das »Hauptproblem mit PISA, dass die empirische Bildungsforschung die Bildungsdebatte okkupiert hat«. Es sei normal geworden, »dass irgendwelche Tests zusammengeschustert werden und dass dann damit beliebige Aussagen produziert werden«. Seine Empfehlung an die Politik: »Zur Weiterentwicklung von Unterricht leistet PISA nichts. Die Bundesländer sollten das PISA-Abo abbestellen.«

Vergleichen und beurteilen – die Sicht der OECD

»Was ist PISA?«, Beitrag aus einer OECD-Textsammlung

Was sollten die Bürger wissen, und was sollten sie können? Das ist die Frage, die der Erhebung zugrunde liegt, die weltweit im Dreijahresturnus unter 15jährigen Schülerinnen und Schülern durchgeführt wird und als Internationale Schulleistungsstudie PISA bekannt ist. In der PISA-Studie wird evaluiert, inwieweit Schülerinnen und Schüler gegen Ende ihrer Pflichtschulzeit wichtige Kenntnisse und Fähigkeiten erworben haben, die für eine volle Teilhabe am Leben moderner Gesellschaften unerlässlich sind. (…) Die PISA-Ergebnisse verdeutlichen, was im Bildungsbereich möglich ist, indem sie aufzeigen, was die Schülerinnen und Schüler in den Bildungssystemen, die am besten abschneiden und die schnellsten Verbesserungen erzielen, leisten können. Die Ergebnisse ermöglichen es den politischen Entscheidungsträgern in aller Welt, die Kenntnisse und Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler ihres Landes im Vergleich zu denen anderer Länder zu beurteilen, politische Vorgaben festzulegen, die sich an in anderen Bildungssystemen erreichten messbaren Zielen orientieren, und von in anderen Ländern angewandten Grundsätzen und Verfahren zu lernen. (…) PISA kann zwar keine Kausalzusammenhänge zwischen Grundsätzen bzw. Verfahren und Schülerleistungen aufdecken, die Studie kann den Pädagogen, politischen Entscheidungsträgern und der interessierten Öffentlichkeit jedoch zeigen, wo die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Bildungssystemen liegen – und was dies für die Schülerinnen und Schüler bedeutet.

https://kurzelinks.de/PISA

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