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Aus: Ausgabe vom 25.06.2022, Seite 11 / Feuilleton
Tagebuch – In dieser großen Zeit

Habeck beim Dealer. Von Pierre Deason-Tomory

Von Pierre Deason-Tomory
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Freitag, 17. Juni

Kanzler Scholz ist vom Vierkönigstreffen in Kiew zurückgekehrt. Weihrauch hatte er dem Gastgeber keinen mitgebracht, Gold auch nicht, drum schaute der auch myrrhisch. Als Reaktion auf die Reise hat der Moskauer Herodes Antifas die Gaslieferungen nach Deutschland erdrosselt. Die Strategen in Berlin schlugen sofort im Clausewitz nach, ob es vorgesehen ist, dass Embargierte ein Embargo mit einem Embargo beantworten. »Da steht: Wer den Stoff hat, sitzt am längeren Hebel.« – »Holt Plan B!« – »Ihr sollt Plan B holen.« – »Schnell, wo ist Plan B?« – »Wir haben einen Plan B?«

Sonntag, 19. Juni

Panik in Berlin. Ein Heizungsdrosselungsgesetz wird erwogen. Die Gasspeicher sind erst zu 57 Prozent gefüllt, und bei 100 Prozent würden sie auch nur zweieinhalb Wintermonate reichen. Die CDU und ihre Parteischwester Markus Söder schlagen vor, alle Kohlenkraftwerke auf Volllast hochzufahren, dann schaffen wir den Klimawandel vielleicht bis zum Winter, und niemand muss mehr heizen. Nächster Vorschlag: Atomstrom. Und wenn jeder in seiner Wohnung ein kleines AKW strahlen lässt, wird’s in der Stube nie wieder dunkel!

Dienstag, 21. Juni

Rekordhitze in Spanien, Frankreich und Italien. Flüsse und Felder trocknen aus. In Brandenburg brennt der Wald, und das war schon alles, was die noch haben. Das Land sieht auch im Normalzustand aus wie eine Zündholzplantage. Die Städte Fürstenwalde und Luckenwalde werden umbenannt in Fürstenweite und Brandlückenheide, Birkenwerder wird zu Wüstenwerder, das Lausitzer Braunkohlerevier heißt künftig Holzkohlerevier.

Donnerstag, 23. Juni

Wirtschaftsminister Habeck hat die zweite Krisenstufe des Notfallplans Gas ausgerufen. Die Lage sei angespannt, »die fehlenden Mengen müssen anderweitig am Markt beschafft werden, und zwar zu hohen Preisen«. Hat er neulich schon einmal versucht in einem dunklen Park in Berlin …

»Eh du, haste Gas?«

»Bei mir gibt’s nur Öl, der da hinten hat Gas.«

»Hi. Hast du was? Ich brauche grünen Algerier oder schwarzen Saudi oder Katar-Haze. Viel. Ich meine: richtig viel.«

»Das ist schlecht, ich habe nur noch Brösel. Die Chinesen, die Inder und die Börsenwettbüros kaufen gerade alles leer. Aber: Es gibt viel roten Russen, kostet nur 80 Cent den Kubikmeter.«

»Das ist Wucher! Das ist viel, viel teurer als gestern!«

»Schon, aber auch viel, viel billiger als morgen!«

»Alternativen?«

»Fracking-Crack und Atomstrompilze. Aber das Zeug ist wirklich ungesund, da wächst dir auf Dauer ein drittes Auge. Außerdem kommt das von bösen Jungs.«

»Ich denke, die Russen sind die Bösen?«

»Ja, nein, schau: Ich bin nur der Dealer. Mir isses wurscht. Die einen sind Mullahs, die anderen Diktatoren, die nächsten nennen sich Demokraten und lochen Journalisten für 175 Jahre ein. Also, was nehmen wir?«

»Alles vom Russen, was ich kriegen kann.«

»Okay.« (Sein Telefon klingelt) »Moment. – Ja? Ein Unrasierter im zerknitterten Sakko, der nuschelt wie die Mamsell in ›My Fair Lady‹? Ja, der ist gerade hier. Was? Wenn Du meinst. Okay, Druschba, alte Rinde, wir hören uns. – Herr Habeck? Schlechte Nachrichten. Sie kriegen nichts davon, den roten Russen gibt es nur noch für Freunde.«

»Shit!«

»Sorry, Shit is auch alle. Also noch einmal von vorne: Fracking-Crack oder Atomstrompilze?«

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