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Aus: Ausgabe vom 23.06.2022, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Streicheln hilft natürlich

Technopunk im Schweinestall: Frau Kraushaar überwindet die Zwänge des Popbetriebs
Von Christina Mohr
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Schaf beleidigt? Fragen Sie Frau Kraushaar

Das Urteil, dass eine Musikerin oder ein Musiker in keine stilistische Schublade einzuordnen sei, ist schnell geschrieben und nicht selten ein Zeugnis der Ratlosigkeit der betreffenden Schreiberin. Die Musik von Frau Kraushaar (Silvia Berger) allerdings lässt sich – wenn überhaupt – nur so begreifen: außerhalb von Schubladen. Auf ihrem dritten Album gönnt sich die Hamburger Allroundkünstlerin größtmögliche kreative Freiheit und befreit ihre Hörerschaft gleich mit. Vor allem, was Erwartungen und Formalitäten angeht. Der meditative Titeltrack ist über zehn Minuten lang, das zärtlich gehauchte Stück »Ge-fühle« dauert nur 48 Sekunden. »Gelbe Sonne« beginnt mit einer rockig verzerrten Gitarre, die nach wenigen Sekunden von Ambient-Folk abgelöst wird.

Frau Kraushaars Instrumentarium besteht aus Geige, Kontrabass und Synthesizern, aus Kuhglocken, Salatbesteck und Vogelgezwitscher. Ihr Output widersetzt sich ohnehin branchenüblichen Gepflogenheiten: Frau Kraushaars letzte Platte, »The Power of Appropriation«, erschien vor zehn Jahren, auf dem Vorgängeralbum »Le Salon Is Very Morbidä« sang sie Finnisch, Deutsch und Englisch und erfand sogar eine Phantasiesprache. Die Texte von »Bella Utopia« sind auf Deutsch, es kommen aber auch Vögel, Frösche und andere Tiere zu Wort. Schafe zum Beispiel: In »Maeh« gibt Frau Kraushaar konkrete Tips für den Fall, dass man unabsichtlich ein Schaf beleidigt hat – kann ja passieren. Streicheln hilft natürlich, und »ein gutes Wort«, das »nie verschenkt« ist, nicht nur bei Schafen, das sollte man nie vergessen. Das »lamentierende Schwein« ein paar Songs weiter dagegen suhlt sich genüsslich in Selbstmitleid, während der dazu ertönende Technopunk den Schweinestall abreißt. »Der Hengst der Stute folgt« dagegen ist eine hypnotisierende Sprach- und Soundbastelei, zu der man tanzen will und perfiderweise doch ins Stolpern gerät. Als sperriger Stolperstein im Parkett des Neoliberalismus fungiert »Der Orangenverkäufer«, in dem sich Frau Kraushaar in Spoken-Word-Manier in Rage redet (»Fünf Minuten vor der Zeit / ist die wahre Pünktlichkeit!«) und dabei an ihren Hamburger Kollegen Knarf Rellöm erinnert. Im Kanon »Baklava« wird die buchstäbliche Süßigkeit des/der Geliebten beschworen, während in den Balladen »Kummerkammer« und »Din-Norm 476« der Melancholie gehuldigt wird.

Der Zauber von »Bella Utopia« liegt in der absoluten Unverstelltheit, einer musikalischen und inhaltlichen Offenheit, die manch einem naiv oder kindlich vorkommen wird. Doch das Gegenteil ist der Fall: Frau Kraushaar überwindet die Zwänge des Popbetriebs und falsch verstandener Coolness. Sie lädt alle dazu ein, an ihrer Utopie mitzuwirken – Tierliebe wird jedoch vorausgesetzt.

Frau Kraushaar: »Bella Utopia« (Staatsakt/Bertus)

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