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Aus: Ausgabe vom 09.06.2022, Seite 1 / Titel
Krieg in der Ukraine

Scharade um Blockade

Weizenvorräte: Ukrainischer Sicherheitschef weckt Zweifel am Exportwillen Kiews. Lawrow will Sicherheit von Transportschiffen garantieren
Von Reinhard Lauterbach
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Wer blockiert hier wen? Russisches Kriegsschiff im Hafen von Sewastopol

Ein ukrainischer Spitzenbeamter hat Zweifel am Willen der Ukraine geweckt, ihre Weizenvorräte zu exportieren. Der Chef des Nationalen Sicherheitsrates, Olexij Danilow, sagte im ukrainischen Staatsfernsehen, es werde kein Getreide die Ukraine verlassen, bevor nicht Russland die Seeblockade der Schwarzmeerküste aufgegeben habe. Mit diesen Worten zitiert ihn das ukrainische Portal strana.news. Damit zeichnet sich ab, dass ein russisch-türkischer Plan zur Aufnahme des Weizenexports auch aus der Ukraine am Kiewer Widerstand scheitert.

Zuvor hatte Russlands Außenminister Sergej Lawrow mit seinem türkischen Kollegen Mevlüt Cavusoglu in Ankara über Möglichkeiten gesprochen, den Export wieder aufzunehmen. Cavusoglu erklärte die Forderung Russlands nach einer Aufhebung der Sanktionen gegen russische Agrarprodukte für »legitim«. Mit dem Thema beschäftigte sich am Nachmittag auch eine Onlinekonferenz in Rom, bei der neben den Anrainerstaaten des Mittelmeerraumes auch Deutschland vertreten war, das derzeit den G7-Vorsitz innehat. Tenor war dort, wie es Italiens Außenminister Luigi Di Maio formulierte: Die russische »Blockade der Getreideexporte bedeutet, Millionen von Kindern, Frauen und Männern als Geiseln zu nehmen und zum Tod zu verurteilen«. Lawrow erklärte dagegen in Ankara, dass sich die Ukraine bislang weigere, ihre Häfen zu entminen oder anderweitig Durchfahrten von Frachtschiffen zu gewährleisten. Der ukrainische Ministerpräsident, Denis Schmygal, sprach auf seinem Telegram-Kanal davon, dass sein Land mehr als 23 Millionen Tonnen Getreide und Ölsaaten nicht exportieren könne, 75 Prozent der Vorjahresflächen aber bestellt worden seien.

In Kiew hat Präsident Wolodimir Selenskij unterdessen ein düsteres Bild der militärischen Lage seines Landes gezeichnet. Gegenüber der Zeitung Financial Times sagte er am Dienstag, wenn es im Donbass zu einem russischen Durchbruch käme, bestünde die Gefahr, dass »der Krieg überallhin in die Ukraine komme« und dass »alle strategischen Unternehmen der Ukraine angegriffen würden«. Selenskij räumte ein, dass die ukrainischen Truppen derzeit nicht fähig zu einer Gegenoffensive seien; gleichwohl könne der Frieden nur auf Grundlage eines ukrainischen Sieges kommen. In einer ans innerukrainische Publikum gerichteten Botschaft prognostizierte er einen »schwierigen Winter« mit möglichem Brennstoffmangel im Land.

Knapp werden in der Ukraine inzwischen auch verschiedene Grundnahrungsmittel. So sind Zucker, Salz und Essig weitgehend aus den Regalen verschwunden; das Angebot an Gemüse ist erheblich knapper und teurer geworden, weil ein Großteil der Anbauflächen im besetzten oder umkämpften Gebiet der Südukraine liegt.

An der Front setzten russische Truppen offenbar ihren Vormarsch in Sewerodonezk und im Raum Slowjansk fort. Das US-»Institute for the Study of War« räumte in seinem Bericht vom Mittwoch ein, dass russische Truppen den Großteil der Wohnviertel der Stadt zurückerobert hätten. Die ukrainische Seite meldete, dass russische Angriffe auf die Ortschaft Rajgorodok nordöstlich von Slowjansk in der Oblast Donezk »zurückgewiesen« worden seien. Der Ort liegt nur noch etwa vier Kilometer vom Stadtrand entfernt. Der britische Militärgeheimdienst veröffentlichte am Mittwoch die Einschätzung, dass beide Seiten im Moment wegen der Frontlänge von etwa 500 Kilometern Schwierigkeiten hätten, kampffähige Einheiten aus der Defensive herauszulösen und für Angriffsoperationen bereitzustellen.

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  • Leserbrief von Lothar Böling aus Düren (11. Juni 2022 um 22:35 Uhr)
    Als die Türkei am 08.06.2022 zusagte, die ukrainischen Seeminen zu entfernen und Russland freies Geleit für Getreideschiffe zusicherte, erklärte die Ukraine am 09. Juni 2022: »Die Minen könnten schnell geräumt werden, dafür müsse es aber ein Ende des Krieges oder zumindest einen Waffenstillstand geben.« Siehe tagesschau.de vom 09. Juni 2022: »Ukraine warnt vor Einbruch der Ernte« (https://www.tagesschau.de/newsticker/liveblog-ukraine-donnerstag-129.html#Ernte) Man nimmt also bewusst den Hungertod von Millionen Unschuldigen in Kauf, um dann, wie der Exkomiker Selenskij, am 11. Juni 2022 selbst vor weltweiten Hungerrevolten zu warnen. Siehe tagesschau.de vom 11. Juni 2022: »Selenskyj warnt vor Hungerrevolten durch Getreide-Krise« (https://www.tagesschau.de/newsticker/liveblog-ukraine-samstag-151.html#Selenskyj-warnt-vor-Hungerrevolten-durch-Getreide-Krise) Wie man sieht, ein einziges Kasperletheater. Nicht Russland verhindert die Getreidelieferungen, sondern die Regierung der Ukraine, mittels Seeminen und der Forderung, nach einem Waffenstillstand, bzw. Kriegsende. Fakt aber ist, dass die Regierung der Ukraine nicht an einem Ende der Kampfhandlungen interessiert ist. Im Gegenteil, am 07. Juni 2022 hieß es: »Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskij hat eine Waffenruhe abgelehnt. ›Wir müssen eine vollkommene Befreiung unseres ganzen Territoriums erreichen‹, erklärte er in einer Videobotschaft.« Siehe tagesschau.de v. 07. Juni 2022: »Ukraine gegen Feuerpause – Erst territoriale Einheit wieder herstellen« (https://www.tagesschau.de/newsticker/liveblog-ukraine-dienstag-131.html#Ukraine-gegen-Feuerpause---Erst-territoriale-Einheit-wieder-herstellen) Die Zivilbevölkerung in den Städten und Dörfern des Donbass, wird daher weiterhin mit den vom Westen gelieferten schweren Waffen beschossen, während sich weltweit eine Hungerkatastrophe anbahnt. Und das alles mit Hilfe der USA und Europas, die den Größenwahn, eines US-Marionetten-Präsidenten Selenskij, auch noch tatkräftig unterstützen.

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