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Aus: Ausgabe vom 02.06.2022, Seite 12 / Thema
Ökobewegung

Bedingt systemkritisch

Vorabdruck. Fridays for Future revisited. Sozialstrukturelle Daten und politische Einstellungen
Von Luca Karg und Maurice Laßhof
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Radikaler als oftmals angenommen, wenngleich sich ihre Kritik im Rahmen der kapitalistischen Logik bewegt: Anhänger von Fridays for Future (Kundgebung in Hamburg, 14. Juni 2019)

In diesen Tagen erscheint Heft Nr. 130 von Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung. Wir veröffentlichen an dieser Stelle redaktionell gekürzt und leicht bearbeitet den Aufsatz von Luca Karg und Maurice Laßhof über die politischen Einstellungen der Fridays for Future-Bewegung. Wir danken Redaktion und Autoren für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

»Die Aufrüstung ist ein Drama für die Klimakrise«¹ – mit diesen Worten reagiert ein Demonstrant der Fridays for Future-Bewegung (FfF) vor dem Bundestag auf die Ankündigung von Bundeskanzler Olaf Scholz in einer Krisensitzung am 27. Februar 2022, 100 Milliarden Euro Sondervermögen für die Bundeswehr und »mehr als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts« für Verteidigungsausgaben bereitstellen zu wollen. Dieser Auf- und Ausrüstungsetat soll neben der Schuldenbremse im Grundgesetz verankert werden. In den Diskussionen um eine schnelle Bereitstellung von Finanzmitteln für die Bundeswehr gerät das moderate Klimaschutzprogramm der Ampelkoalition ins diskursive Abseits. Im Angesicht der andauernden Coronapandemie und des Ukraine-Kriegs muss die junge Klimabewegung feststellen, dass in akuten Krisen die Bereitstellung finanzieller Mittel in Milliardenhöhe z. B. für Aus- und Aufrüstung – quasi über Nacht – möglich ist; hingegen fehlen im Hinblick auf die von ihnen seit Jahren geforderte Bekämpfung der Klimakrise offensichtlich der politische Wille und die Einsicht, dass entschlossenes politisches Handeln zur Verhinderung zukünftiger Klimakatastrophen und der Einhaltung der Pariser Klimaziele sofort notwendig ist.

Rädchen im fossilen System

Auch heute (wie zu Beginn der Coronakrise) scheint die Bundesregierung bereit, die durch den Prostest von FfF angestoßene Energiewende auf Zeit zu stellen. So oder so wären mit keiner der zur Bundestagswahl 2021 angetretenen Parteien die Pariser Klimaziele erreicht worden. Desillusioniert konstatieren die Spitzen der deutschen FfF-Bewegung in einer Analyse der Koalitionsversprechen: »Klar ist: Gemessen an dem Versagen der Großen Koalition erleben wir Fortschritte. Gemessen an der Realität der Klimakrise reicht dieses Regierungsprogramm vorne und hinten nicht.«² Etwas mehr als einhundert Tage nach Regierungsantritt der Ampelkoalition fällt die Kritik härter aus: Carla Reemtsma, Sprecherin der deutschen FfF-Bewegung, stellt in ihrer Zwischenbilanz der Grünen-Regierungsbeteiligung nüchtern fest, »dass die Grünen jetzt in der Regierung Beschlüsse mittragen, die mit den Klimazielen nicht vereinbar sind. Sie haben sich zu einem Rädchen in diesem fossilen System gemacht.«³ Trotz dieser ernüchternden Erfahrungen ist der von Krisen überlagerte Protest von FfF über die Jahre hinweg nicht verstummt. Im Gegenteil: Der Bewegung ist es inmitten der Coronapandemie weiterhin gelungen, Klimastreiks zu organisieren und den Klimaschutz ins Zentrum des Bundestagswahlkampfs zu rücken. Hierbei fällt auf, dass die Forderungen nach »System Change Not Climate Change« auf den Klimastreiks lauter und radikaler werden; die offiziell veröffentlichten und basisdemokratisch abgestimmten klimapolitischen Forderungen von FfF fallen hingegen nach wie vor moderat aus und sind technisch umsetzbar. Sie verlaufen auf politisch bereits eingeschlagenen Pfaden und setzen weiterhin auf marktwirtschafts- bzw. kapitalismuskonforme Lösungen der Klimakrise.

Während die offiziellen und mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erarbeiteten Klimaforderungen präzise ausformuliert und öffentlich einsehbar sind, ist der Wandel an der FfF-Basis über die letzten Jahre weitgehend unerforscht. Bereits am 20. September 2019 untersuchten wir mit einer eigenen empirischen Befragung der FfF-Basis beim Global Climate Strike in Darmstadt deren politische Einstellung und ihre Wahrnehmung des Krisenklimas.⁴ Knapp zwei Jahre später haben wir zwei Tage vor der Bundestagswahl – erneut bei einem Global Climate Strike in Darmstadt am 24. September 2021 – 475 FfF-Aktive zu ihren politischen Einstellungen und Belangen befragt.⁵ Ein besonderer Fokus wurde hierbei auf die Qualität und den Inhalt ihrer Systemkritik gelegt.

Mit Blick auf die sozialstrukturellen Daten zeigt sich bei der Geschlechterverteilung kein gravierender Unterschied zwischen beiden Erhebungen: Während bei der ersten Befragung am 20. September 2019 56 Prozent Frauen und 44 Prozent Männer teilnahmen, setzt sich das Sample der zweiten Erhebung aus 56 Prozent weiblichen, 40 Prozent männlichen und vier Prozent diversen Teilnehmenden zusammen. Bei der Altersstruktur lässt sich erkennen, dass die Bewegung im Durchschnitt etwas älter geworden ist: Mit 32 Prozent bilden die zwischen 22 und 25 Jahre alten Teilnehmenden die größte Gruppe; bei der ersten Befragung war es noch die Gruppe der 18 bis 21jährigen mit 37 Prozent. Diese Gruppe hat in der neuen Erhebung nur noch einen Anteil von 26 Prozent, 23 Prozent sind hier unter 18 Jahren und 20 Prozent zwischen 26 und 31 Jahre alt. Die Abfrage der subjektiven Schichtzugehörigkeit verdeutlicht, dass sich das Gros der FfF-Basis in der mittleren und oberen Mittelschicht verortet. Dies spiegelt sich auch im höchsten Bildungsabschluss der Eltern wider: Der Großteil der Eltern beider Samples besitzt einen akademischen Bildungstitel – 36 (Erhebung 2021) sowie 29 Prozent (Erhebung 2019) der Eltern besitzen einen Diplomabschluss und 14 (2021) bzw. 13 Prozent (2019) sind promoviert.

Kritik des Kapitalismus

Im Kontext der akuten Klimakrise und der zum Zeitpunkt der Erhebung anstehenden Bundestagswahl 2021 steht die FfF-Basis dem kapitalistischen Wirtschaftssystem überwiegend kritisch gegenüber: 60,8 Prozent gaben an, dem Kapitalismus »eher wenig« bzw. »sehr wenig« zu vertrauen; lediglich 12,3 Prozent haben »eher viel« oder »sehr viel« Vertrauen. Während die befragten FfF-Aktiven ein solides Vertrauen gegenüber der parlamentarischen Demokratie aufweisen (65,2 Prozent haben »eher viel« und »sehr viel« Vertrauen), sprechen sie dem Handeln der zur Bundestagswahl antretenden Politikerinnen und Politiker großes Misstrauen aus: So gaben 71,9 Prozent der Befragten an, »eher wenig« und »sehr wenig« Vertrauen zu besitzen. Seit dem Beginn ihrer Proteste im Jahr 2018 macht die Bewegung mehr und mehr die Erfahrung, dass ihre klima- und gesellschaftspolitischen Forderungen zwar in der politischen Öffentlichkeit Aufmerksamkeit und Zuspruch erlangen, eine echte ›klimapolitische Zeitenwende‹ mit radikalem (politischen) Handeln steht bis dato jedoch aus.

Die bereits für die Erhebung im Jahr 2019 konstatierte Repräsentationsthese, wonach sich die jungen Klimaaktivistinnen in einer postdemokratischen Krise der politischen Repräsentation befinden⁶, kann auch zwei Jahre später für die älter gewordene FfF-Basis nachgewiesen werden. Im Einklang mit den diagnostizierten postdemokratischen Erfahrungen und dem Ausbleiben politischen Handelns (trotz anhaltender Klimastreiks) schätzen 49,8 Prozent der befragten FfF-Aktiven ihre »Möglichkeiten zur Einflussnahme auf gesellschaftliche Entwicklungen« »eher gering« bzw. »sehr gering« ein; 36,7 Prozent antworteten mit »teils, teils«. Die Macht für gesellschaftliche Veränderungen sprechen sie bei einer Skala von 1 bis 5 vor allem Großkonzernen (4,46), Medien (4,06) und Social Media (4,00), sowie Parteien (3,93) und Banken (3,93) zu.⁷ Auch der Vergleich zur Erhebung von 2019 zeigt: Die Zuschreibungswerte der gesellschaftlich verteilten Macht sind über die vergangenen zwei Jahre relativ konstant; bereits in der ersten Erhebung wurde Großkonzernen (4,29) die meiste Macht zugesprochen, ihnen folgten Social Media (4,13), Medien (4,11), Banken (3,77) und Parteien (3,76). Unisono identifizieren beide Untersuchungssamples Großkonzerne als die mächtigsten Akteure im gegenwärtigen Finanzmarktkapitalismus.

In den Augen der FfF-Basis werden Großkonzerne als mächtigste Akteure ihrer Verantwortung in der Klimakrise mitnichten gerecht – im Gegenteil: Sie werden mit ihren ressourcen­intensiven Geschäfts- und Profitmodellen sowie der Externalisierung von Klima- und Umweltkosten als Hauptschuldige für die Klimakrise verantwortlich gemacht. In die gleiche Kerbe schlägt Luisa Neubauer, wenn sie auf Twitter Olaf Scholz dafür kritisiert, dass er mit der verbalen Nebelkerze vom »menschengemachten Klimawandel« die eigentlichen Schuldigen für die akute Klimakrise deckt: »›Menschengemacht‹? Wenn man dazu definieren will, wer verantwortlich ist, dann doch einfach konkret: 100 Konzerne, die 71 Prozent der Emissionen verantworten, die großen Industrienationen wie Deutschland & Wirtschaftssysteme, die ökologische & menschliche Kosten ausblenden, z. B.«⁸ Gleichzeitig fällt auf, dass die FfF-Basis den »Lebensstil der Bevölkerung« in merklich geringerem Maße für die Klimakrise verantwortlich macht als noch vor zwei Jahren. Hieran zeigt sich eine grundsätzliche, wenn auch langsame Drift weg von der Kritik an individuellen Lebensweisen und Konsumformen.

Konsum- und Systemkritik

Nichtsdestotrotz legen die befragten FfF-Aktiven nach wie vor großen Wert auf ihr eigenes ökologisches Konsumverhalten und einen klimagerechten Lebensstil. Die Daten der zweiten Erhebung verdeutlichen einen Anstieg der diesbezüglichen Zustimmungswerte (mit Ausnahme beim Energieverbrauch). Hierbei haben weiterhin eine klimabewusste Umstellung der Ernährung, der gezielte Kauf von Produkten oder gar der Verzicht auf Konsum oberste Priorität. Der Appell an eine ökokonforme Anpassung des gesellschaftlichen und persönlichen Konsums ist ein deutlicher Grundtenor auf öffentlichen Veranstaltungen der jungen Klimabewegung. Jedoch wäre es falsch, FfF lediglich als konsumkritisch zu charakterisieren, denn gleichzeitig werden Stimmen in der FfF-Basis sowie auf Klimastreiks und Demonstrationen lauter, die mit der Losung »System Change Not Climate Change« offensiv ihre Systemkritik skandieren. Während die offiziellen Forderungen der deutschen FfF-Bewegung in ihren Positionspapieren klar benannt werden und auf eine marktwirtschaftskonforme Lösung der Klimakrise fokussieren, ist die Forderung der Basis nach »System Change« weitgehend unbestimmt. Das macht eine empirische Auseinandersetzung mit ihrem tatsächlichen Gehalt notwendig.

Anhand einer Umfragebatterie, die sieben Zustimmungsstatements zur klimabezogenen Systemkritik umfasst, soll der Gehalt des geforderten »System Change« näher bestimmt werden. Die Spannweite der politischen Statements reicht von wirtschaftsliberalen Forderungen (wie sie etwa die FDP im Bundestagswahlkampf vertrat) über indikative und imperative Staatsinterventionen in den Markt und unternehmerisches Handeln sowie die Notwendigkeit von grünem Wachstum und ökologischem Konsum bis hin zu einer radikalen Kapitalismuskritik. Die Forderung nach imperativem Staatshandeln steht an erster Stelle: 89,3 Prozent der Befragten stimmen der Aussage »Um die Klimakrise zu lösen, muss der Staat mit stärkeren Regulierungen in die Wirtschaft eingreifen« »eher« bzw. »voll zu«. Die Forderung geht Hand in Hand mit einer grundsätzlichen Überzeugung im Sinne einer grünen Wachstumskritik. So erzielt die Aussage »Wirtschaftswachstum funktioniert auch ohne die Ausbeutung der endlichen planetaren Ressourcen« ebenfalls große Zustimmung: 72,4 Prozent stimmen dem Statement »eher« oder »voll zu«. Demgegenüber stimmen 46 Prozent der befragten FfF-Aktiven der Aussage eher bzw. voll zu, dass die Klimakrise nicht mit einem permanenten Wirtschaftswachstum vereinbar ist. Die Zustimmungswerte zu den einzelnen Items verdeutlichen, dass es sich bei dem von FfF-Aktiven geforderten »System Change« vor allem um eine grüne Wachstumskritik an der Ausbeutung endlicher planetarer Ressourcen sowie der Überlastung globaler planetarer Grenzen handelt. Hieraus manifestiert sich sukzessive die Forderung nach einer grünen Neuregulation der gesellschaftlichen Produktionsweise – die jedoch die kapitalistische Logik nicht aus den Angeln hebt.

So antwortete eine der befragten Personen: »Es gibt ja verschiedene Formen des Kapitalismus. Ich glaub’, dass sich das Problem in einer Form des Kapitalismus lösen lässt. (…) Das ist ’ne Kritik am Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen, aber ich denke, dass man den Kapitalismus auch verändern kann. Ob man ihn dann noch Kapitalismus nennen will, ist eine andere Frage. Aber ich bin mir sicher, dass es ’ne Menge zwischen dem jetzigen Wirtschaftssystem und ’ner Planwirtschaft gibt.«

Green New Deal

Hauptakteur für die Gestaltung eines grünen Kapitalismus ist demnach der aktive Staat, der über imperative sowie indikative Regulationsmaßnahmen die Wirtschaftsakteure zu ökologischem (Wirtschafts-)Handeln steuern bzw. Anreize hierfür schaffen soll. Die von der FfF-Basis geforderte Umgestaltung des kapitalistischen Wirtschaftssystems ist also (auch wenn sie radikaler ausfällt) im Grundsatz vereinbar mit dem vor allem in kapitalistischen Zentren diskutierten »Green New Deal«, der Rainer Trampert zufolge »Teil einer tiefgreifenden Modernisierung des Kapitalismus (ist), der sich auf den Weg gemacht hat, neue Felder der Mehrwertproduktion zu erschließen (…), die Schäden des Klimawandels durch den Ausstieg aus der fossilen Epoche zu begrenzen und die stockende Kapitalakkumulation in den Zentren zu revitalisieren.«⁹ Damit bleibt das kapitalistische Grundgesetz der Verwertung des Werts und Profitmaximierung unangetastet – entgegen dem Motto »People Not Profit« des bisher letzten globalen Klimastreiks vom 25. März 2022 gilt trotz eines »Green New Deal« weiterhin: »Profit Over People«.

Doch auch ein nicht unerheblicher Anteil der FfF-Basis (41,7 Prozent) ist der Auffassung, dass die Klimakrise nicht innerhalb des Kapitalismus zu lösen ist. Dieser Fraktion liegt die Forderung nach einem genuinen und radikalen »System Change« recht nahe.

Die Umfrage verdeutlicht auch, dass – wie oben erwähnt – die FfF-Bewegung nicht allein auf eine klimabewusste Konsum- und Lebensweise setzt: 61,6 Prozent sind der Auffassung, dass die Klimakrise nicht bloß durch die Umstellung auf einen bewussten und ökologischen Konsum lösbar ist. In Rekurs auf das oben festgestellte Konsumverhalten der FfF-Basis ist davon auszugehen, dass die Forderung nach einem grünen Kapitalismus mit starkem Staat zur Lösung der Klimakrise und der schnellen Umsetzung einer mit dem Pariser Abkommen konformen Energie- und Mobilitätswende das gesellschaftliche Umdenken und Bewusstsein für eine ökologische Lebensweise impliziert. Es geht der FfF-Basis somit um eine grundsätzliche Kritik an der gegenwärtigen »imperialen Lebensweise« und um eine neu bestimmte relative Entsprechung von grünen Produktions- und Konsummustern.

Auch wenn sich die Basis der FfF-Bewegung im Gros der mittleren und oberen Mittelschicht zuordnet, sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Klimastreiks äußerst sensibel für die sozialen Verwerfungen und Umbrüche der vergangenen Dekaden neoliberaler Politik. Mit einem Mittelwert von 4,70¹⁰ kritisiert der Großteil die ungerechte Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstands. Die FfF-Aktiven machen einen zugrunde liegenden Mechanismus für die wachsende soziale Ungleichheit verantwortlich: Mit einem Mittelwert von 4,43 stimmen sie dem Statement »Die Reichen profitieren davon, dass die Armen ärmer werden« »eher« bzw. »voll zu«. Zur Lösung dieser Ungleichheit greift ein erheblicher Teil der Befragten eine politische Kernforderung der Linkspartei auf, wenn sie der Aussage »Vermögen sollte besteuert werden« grundsätzlich zustimmen (4,39).

Auch wenn sich die Befragten aufgrund ihrer sozialen Herkunft und ihres Alters akut (eher) nicht von einem Abbau von Sozialleistungen betroffen sehen (2,06), hat dennoch ein Teil der Klimaaktivistinnen ein Gespür für die neoliberale Demontage des Sozialstaats seit den 1980er Jahren (3,21). Ihr sozio-ökonomischer Background schützt sie bisher vor sozialer Unsicherheit, aber nicht vor der Klimakrise. Zwar thematisieren die Klimademonstrantinnen auch soziale Themen, doch im Zentrum ihres politischen Aktivismus steht weiterhin die ökologische Frage. Mit einem Mittelwert von 4,74 hat die politische Bearbeitung der Klimakrise höchste Priorität unter den politischen Themen. Die Armuts- und Reichtumsverteilung (4,10) ordnen die Befragten auf Platz fünf ein – knapp hinter Bildung (4,46), Rassismus (4,34) und Sexismus (4,12).

Sozial-ökologische Reformallianz?

Die attestierte Klima- und Sozialkritik der FfF-Bewegung spiegelt sich auch in den Wahlergebnissen zur Sonntagsfrage¹¹: Im Vergleich zur letzten Umfrage konnten Die Grünen zwei Tage vor der Bundestagswahl ihren Stimmenanteil unter den FfF-Aktiven um 0,9 Prozentpunkte verbessern. Damit sind sie mit 63,3 Prozent weiterhin die meistgewählte Partei der Klimademonstranten. Trotz des hohen Stimmenanteils bewahrt die FfF-Basis kritische Distanz gegenüber der Partei, und das vor allem, so Luisa Neubauer, weil es »die Defizite grüner Parteipolitik (sind), die Fridays for Future notwendig gemacht haben«.¹² Analog argumentiert eine Interviewpartnerin der Erhebung von 2019: »Also ich denke (…), mit keiner Partei und ihrem Klimaprogramm können wir die Pariser Klimaziele einhalten. Aber ich (…) würde das nicht so offen sagen, weil viele denken, dass Fridays for Future kleine Wahlkämpfer von den Grünen sind, was halt offensichtlich nicht so ist. Weil auch mit dem Klimaprogramm der Grünen können wir die Pariser Klimaziele nicht einhalten.«

Ganze 57,2 Prozent der Grünen-Wählerinnen und -wähler unter FfF gaben an, die Partei zu wählen, »weil sie das kleinste Klimaübel ist.« 55,3 Prozent gaben außerdem an »Ich wähle die Partei, weil sie die Klimakrisenbewältigung sozialverträglich gestalten will«, und 39,4 Prozent der FfF-Grünen-Wählerinnen überzeugte das Wahlprogramm. Doch entgegen der Erwartung der FfF-Befragten wird heute »die marktwirtschaftliche Steuerung der angestrebten Energiewende (…) von einer Koalition betrieben, die auf soziale Umverteilung zugunsten der lohn- und sozialabhängigen Bevölkerung explizit verzichtet – Verzicht auf stärkere Besteuerung der großen Einkommen und Vermögen – und der wachsenden sozialen Polarisierung nicht entgegentritt«.¹³

Die größten Zugewinne unter den FfF-Demonstranten verzeichnet die Linkspartei: Kam sie in der letzten Erhebung 2019 noch auf einen Stimmenanteil von 10,3 Prozent, so würde sie zwei Tage vor der Bundestagswahl 2021 auf 23,3 Prozent der Stimmen kommen – damit wäre die Partei Die Linke zweitstärkste Kraft in einem von FfF gewählten Bundestag. 70,1 Prozent der Links-Wählerinnen begründen ihre Wahlentscheidung damit, dass Die Linke »die Klimakrisenbewältigung sozialverträglich gestalten will«; 49,4 Prozent überzeugt das Wahlprogramm der Linkspartei und 46,8 Prozent bewerten sie als das kleinste Klimaübel.

Es wird deutlich: Die FfF-Bewegung ist sozial- und systemkritischer als oftmals angenommen – auch wenn sich die Kritik im Rahmen der kapitalistischen Logik bewegt. Im Kontrast zu den auch in gewerkschaftlichen Suböffentlichkeiten vielfach geäußerten Vorbehalten gegen die junge Klimabewegung, diese sei eine bloß konsumkritische Lifestylebewegung oder eine potentielle Bedrohung für (Industrie-)Arbeitsplätze, zeigen die hier diskutierten empirischen Ergebnisse klar, dass die politischen Ziele und Einstellungen der Klimaaktivisten echte Ansatzpunkte für eine »sozial-ökologische Reformallianz« aus Gewerkschaften und linken Bewegungen bereithalten.

Anmerkungen

1 »Generation Greta und der Krieg«, Süddeutsche Zeitung, 3.3.2022

2 https://fridaysforfuture.de/analyse-ampel-koalitionsvertrag

3 junge Welt, 25.3.2022

4 Vgl. Luca Karg u. Maurice Laßhof: Klimakrise im Krisenklima. Krisenwahrnehmung und -empfindung von Jugendlichen. In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung (2020), Nr. 123, S. 63–75

5 Dabei haben 331 FfF-Aktive den Fragebogen vollständig ausgefüllt. Hieraus ergibt sich eine Beendigungsquote von 69,7 Prozent. Die Erhebung beansprucht keine Repräsentativität, da es mit Blick auf Fridays for Future keine Daten über die Grundgesamtheit des Samples gibt. Nichtsdestotrotz erlauben das Forschungsdesign und die vergleichsweise hohen Fallzahlen insgesamt recht präzise analytische Schlüsse zu ziehen und generalisierbare Aussagen zu treffen.

6 Luca Karg u. Maurice Laßhof: Die Jugend kriegt die Krise(n). Wahrnehmungen von Fridays-for-Future-Aktiven und Auto-Azubis im Vergleich, Hamburg 2021, S. 6

7 Skala von 1 (= »Gar keine Macht«) bis 5 (= »Sehr viel Macht«)

8 twitter.com, @Luisaneubauer, 6.4.2022, 14:18 Uhr

9 Rainer Trampert: Die politische Ökonomie des Green New Deal. Zur Versöhnung des grünen Kapitals mit dem alten Betonkapital und der Entwertung des Menschen. In: V. Bruschi u. M. Zeiler (Hg.): Das Klima des Kapitals. Gesellschaftliche Naturverhältnisse und Ökonomiekritik, Berlin 2022, S. 229

10 Skala von 1 (= »Stimme gar nicht zu«) bis 5 (= »Stimme voll zu«)

11 Zum Vergleich die Ergebnisse der Bundestagswahl 2021 für die Gesamtbevölkerung: Union 22,5 Prozent, SPD 26,4 Prozent, AfD 10,3 Prozent, FDP 8,7 Prozent, Die Linke 5,0 Prozent, Grüne 14 Prozent, Sonstige 7,2 Prozent (Abruf unter https://www.bundeswahlleiter.de/bundes tagswahlen/2021/ergebnisse/bund-99.html).

12 Luisa Neubauer: Klimakrise – Fridays for Future und links/rechts. In: Taz Futur zwei, (2020), Nr. 12, S. 36

13 Andreas Leisewitz: Klimaversprechen des Koalitionsvertrags. In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung (2022), Nr. 129, S. 120

Luca Karg und Maurice Laßhof studieren Soziologie an der TU Darmstadt.

Das Heft, das sich unter anderem auch dem Krieg in der Ukraine widmet, kann bestellt werden unter: https://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de

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