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Aus: Ausgabe vom 28.05.2022, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
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Unter der grässlichen Sonne des Kaisers

Von Phantasie, Sozialismus und Gletscherglanz. Vor 160 Jahren wurde der Dichter Franz Held geboren
Von Ronald Weber
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Franz Held 1862–1908

In Franz Helds Novelle »Fata Morgana« tötet sich ein junger Mann selbst, als er merkt, dass seine Vorstellungen von Liebe und Glück nur ein Schein sind. Er landet in der Pariser Morgue, dem Leichenschauhaus. Damit aber ist die Geschichte nicht zu Ende, denn er lebt weiter. Im Anschluss an seinen Tod wird er ein berühmter, in ganz Paris bekannter Architekt. Als er schließlich wirklich stirbt, wird er auf dem Prominentenfriedhof Passy beerdigt. Aber was hat er erreicht? »Liegt es sich dort besser als in der Morgue?«

Die Literaturgeschichte ist die Morgue der toten Dichter, und die Zahl derer, die später wieder zum Leben erweckt werden, ist klein. Franz Held ist sehr gründlich in ihr versunken. Während man von seinen naturalistischen Zeitgenossen wie Max Halbe oder Arno Holz zumindest noch die Namen kennt, ist der am 30. Mai 1862 in Düsseldorf als Franz Herzfeld in einer jüdischen Familie geborene und am 4. Februar 1908 in Rankweil (Vorarlberg) verstorbene Schriftsteller heute gänzlich unbekannt. Daran konnte auch eine 2012 erschienene, verdienstvolle Sammlung seiner Texte nebst einigen biographischen Annäherungen nichts ändern.¹

Helds Name erscheint heute nur noch im Zusammenhang mit seinen beiden berühmten Söhnen, dem Grafiker John Heart­field und dem Verleger Wieland Herzfelde. Seine Werke sind vergessen. In den Staatsbibliotheken finden sich nur wenige seiner Schriften, und auch in den Antiquariaten haben Helds Bücher, immerhin elf Stück an der Zahl, Seltenheitswert. Eine Suche in einschlägigen Portalen ergibt lediglich zwei Treffer, den Roman »Eine Afrikareise durchs Marsfeld« und das Drama »Manometer auf 99!«; die Preise sind dementsprechend hoch.

Ähnlich wie der Schiefer der Bibliotheken kaum etwas über Held bewahrt hat, sind auch die Spuren, die der Dichter in der Literaturwissenschaft hinterlassen hat, dünn. In Hanns Heinz Ewers’ »Führer durch die moderne Literatur« von 1905 steht er noch ganz selbstverständlich als »einer der Vorkämpfer der Moderne«.² In späteren Literaturgeschichten findet sein Name allenfalls noch am Rande als einer der vielen Bohemiens der Berliner und Münchner Moderne Erwähnung.

Schmierfink und Sudler

Natürlich hat das Vergessen dieses Autors einen Grund und eine Geschichte. Und die beginnt eigentlich schon mit Helds ersten Veröffentlichungen. 1887 erscheinen sechs Verserzählungen unter dem Titel »Gorgonenhäupter«, im Jahr darauf folgt ein Roman in Knüttelversen: »Der abenteuerliche Pfaffe Don Juan oder die Ehebeichten«, die Geschichte eines entlaufenen Jesuiten, der als erotischer Landfahrer in Schlesien in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges gerät. Beide Bücher strotzen nur so vor Erotik. Die Kritik reagierte gespalten. In den modernen Blättern wie der Gesellschaft oder dem Magazin für Litteratur erschienen positive Besprechungen, die Helds Talent und poetische Kraft, insonders seinen Wortwitz lobten. Die konservative Kritik erkannte hingegen nur »schweinisches Wühlen im Schmutz der menschlichen Selbsterniedrigung«.³ Dass der Pfaffe Don Juan, beim Geschlechtsverkehr ertappt, seinen Prior erschlägt und sich am Ende anschickt, sein eigenes, nichtehelich gezeugtes Kind zu taufen, machte den Kritiker Joseph Victor Widmann geradezu rasend. Held schoss mit einem satirischen Gedicht, in dem er Widmann als »Sittenstrolch« und »Eunuchen« beschimpfte,⁴ zurück und hatte bald den ersten Prozess seines Lebens am Hals. Am 26. April 1889 verurteilte ihn das Amtsgericht München I zur Zahlung einer Geldstrafe von 300 Mark. Es sollte nicht die letzte Anklage sein.

Was angesichts der Hetze gegen den »Schmierfinken« und »Sudler«⁵ leicht übersehen werden kann, ist die von allen Kritikern konstatierte Nähe Helds zur Groteske und eine pomphafte, bisweilen schwülstige Gestaltung, die das Kritische Jahrbuch auf die Begriffe »Bizzarerie« und »Manierismus« brachte.⁶ Helds Phantasie hat keine Grenzen. In seinen Gedichten und Erzählungen sind die Naturgesetze außer Kraft gesetzt. Wie selbstverständlich gehen in ihnen Tote um. Und Verrückte. Mitunter verschwimmen die Dinge, und manches wirkt unfreiwillig komisch.

Wie etwa das am 4. Dezember 1892 im Berliner Lessing-Theater uraufgeführte Drama »Manometer auf 99!«, das Held das Etikett einer »sozialistischen Hypermoderne« (Carl Bleibtreu) einbrachte. Die Fabel des Stücks ist schnell erzählt: Zwei Brüder, der eine erfolgreicher Baumwollfabrikant, der andere Bohemien und Schriftsteller, kandidieren im gleichen Wahlkreis für den Reichstag: Ernst, der Fabrikant für die Konservativen, Max, Verfasser einer Broschüre »Über die Lage der ländlichen Arbeiter«, für die Sozialisten. Die Brüder sind einander zugetan und lieben sich, ihre jeweilige Lage bringt sie aber gegeneinander auf. Ernst wirft Max, der wirtschaftlich von ihm abhängig ist und bei ihm wohnt, vor, ein nutzloses Leben zu führen, Max wiederum sieht in Ernst nur einen »Zweckmenschen« mit »Utilitarier-Hirn«. Er weigert sich, ein »Rad in der öden Productions-Machinerie« zu sein, statt dessen will er »eine Triebkraft werden«. Franz Held, der viel Nietzsche und ein bisschen Marx in sein Stück gepackt hat, lässt in »Manometer auf 99!« das Realitätsprinzip gegen die Phantasie antreten – und beide verlieren. Max, eigentlich ein Egoist, der sich nur aus Geltungssucht in die Reihen der Sozialdemokratie verirrt hat, tritt zwar von seiner Kandidatur zurück, als herauskommt, dass er der Urheber eines Aufsatzes mit dem Titel »Die Aristokratie als Grundgesetz der Natur« ist, aber er reißt am Ende seinen Bruder mit in den Tod: »Bist du nicht neugierig, wie das wohl sein kann? In’s Schwarze! In’s Leere!«⁷ Im letzten Akt, einem grotesken Showdown voller Gothicelemente, in dem die Psyche Maxens in Person des Tiroler Nervenarztes Dr. Kettenreißer auftritt – eine seltsame Hommage an Henrik Ibsens Professor Begriffenfeldt aus »Peer Gynt« –, fliegt alles in die Luft. Das Druckmessgerät des Fabrikkessels, der Manometer, erreicht den kritischen Wert von 100. Das apokalyptische Finale markiert gleichsam den symbolischen Untergang der bürgerlichen Gesellschaft.

Auf das Publikum wirkte das Stück vor allem komisch. Hatten schon in den Akten zuvor einige Auftritte für Heiterkeit gesorgt, so war, glaubt man den Theaterkritiken im Vorwärts und in der Neuen Rundschau, am Ende kein Halten mehr; von einem »endgiltigen Niederlachen« und einer »raffiniert verfehlten Aufführung« ist dort die Rede,⁸ was auch damit zu tun haben mag, dass Held sein Stück für die Aufführung selbst abgeschwächt hatte. Statt der Explosion sahen die verwirrten Zuschauer die kaum motivierte Versöhnung der beiden Brüder.

»Fresko«

Held hatte für die Inszenierung von »Mano­meter auf 99!« gemeinsam mit seinem Bruder, dem sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten und Anwalt Joseph Herzfeld, eigens einen Bühnenverein namens »Fresko-Bühne« gegründet; später veröffentlichte er seine Bücher auch im eigenen »Fresko-Verlag«. Das Manifest des Vereins markiert Helds ästhetischen Standpunkt zwischen Romantik und Realismus – im Grunde genommen die Position Heines, den er verehrte und auf dessen »Fresko-Sonette an Christian S.« aus dem »Buch der Lieder« wohl auch der Name der Bühne verweist. Der seit einem ersten München-Aufenthalt Mitte der 1880er Jahre von den Alpen und besonders von Südtirol begeisterte Wanderer bezeichnet den Naturalismus in dem Manifest zwar als Fundament (»Bergstock«), lässt aber keinen Zweifel daran, dass dieser der Ergänzung bedürfe: »Wo er in der Gletscherregion des Leidenschaftsföhns unbrauchbar wird, da greifen wir zu Eishacke souveräner Pathetik.«⁹

Die Vorstellung der »Fresko-Bühne« durch ihren Urheber hatte bereits im Oktober 1892 bei der konstituierenden Sitzung der Neuen Freien Volksbühne in Berlin für »einen gediegenen Lacherfolg« gesorgt.¹⁰ Nach der Inszenierung von »Mano­meter auf 99!« galt der »Fresko-Stil« der literarischen Öffentlichkeit allgemein als überspannt und lächerlich. Ganz selbstverständlich schrieb der Publizist Leo Berg, eigentlich ein Freund und Förderer Helds, 1894 in der Zeitschrift Der Zuschauer: »Dass sich ein Franz Held täuscht und von sich aus die Welt Fresko konstruiert, das ist nicht zu verwundern.«¹¹

Tatsächlich ist nicht zu leugnen, dass Helds Texte oft ein wenig närrisch wirken und der Autor zum Ende seines kurzen Lebens hin mehr als nur ein bisschen neben der Spur war. Schnell verbreitete sich zu Beginn des Jahres 1900 in den Literaturblättern des Deutschen Reichs eine Notiz aus den Bozener Nachrichten: »Der Schriftsteller Franz Herzfeld (Franz Held) wurde letzter Tage wegen Geistesstörung der Irrenabteilung des hiesigen Spitals zur Beobachtung übergeben, Herzfeld, welcher von Venedig nach Bozen gekommen war, machte sich durch sein exzentrisches, von hochgradiger Nervosität zeugendes Benehmen unangenehm bemerkbar. (…) Die Gattin Herzfeld’s (sic!) befindet sich gleichfalls wegen Geistesstörung in einer Heilanstalt (…).«¹²

Held war mit seiner Frau Alice Stolzenberg und seinen vier Kindern 1896 nach Aigen in der Nähe von Salzburg gekommen, wo sie, vollkommen mittellos, eine Hütte auf einer Alpenwiese bezogen, die ihnen der Ortsbürgermeister kostenlos zur Verfügung stellte. Von hier aus brach er mehrmals zu langen Touren auf, die ihn bis nach Südtirol führten, wo er in Gaststätten seine Gedichte rezitierte. Von einer Wanderung im Spätsommer 1898 kehrte Held nicht mehr zurück, ebensowenig Alice Stolzenberg, die gleichfalls verschwand, so dass die Kinder nach einigen Tagen von eben jenem Bürgermeister entdeckt wurden. Er sollte künftig für einige Jahre ihr Pflegevater werden.

Dass Held die Zeit seines Verschwindens über in Venedig war, verrät die Zeitungsnotiz. Was in seinem Kopf vorging, verrät sie nicht. Den Sterbematrikeln des Rabbinats für Tirol und Vorarlberg lässt sich entnehmen, dass Held an den Folgen der Syphilis starb, eine vor Entdeckung des Penicillins weit verbreitete bakterielle Infektionskrankheit, die hauptsächlich durch Geschlechtsverkehr übertragen wird. Die Syphilis galt lange als genialische Künstlerkrankheit, weil sie in ihrer Spätphase, der Neurosyphilis, nicht nur zu Demenzerscheinungen und Lähmungen, sondern kurzfristig auch zur Steigerung der kognitiven und sensitiven Fähigkeiten und einer entgrenzten Libido führt. Held, der, wie verschiedene Stellen in seinen Texten andeuten, von seinem gesundheitlichen Schicksal Kenntnis hatte, war also tatsächlich verrückt geworden.

Die nächsten Jahre verbrachte er in verschiedenen Nervenheilanstalten, bis er am 4. Februar 1908 in Vorarlberg starb. Für die literarische Öffentlichkeit war Franz Held da bereits seit acht Jahren tot. Ob er dort unglücklich gewesen ist? In einem irritierenden Text aus dem Nachlass, der ganz offensichtlich nach 1900 geschrieben worden ist, heißt es: »Als toter Verrückter lässt es sich vernünftig leben.«¹³

Der Grund aber, warum Held gen Süden auswich, liegt nicht in seiner »Unrastpein«, wie Ernst Kreowski, der He­rausgeber der 1912 posthum erschienenen »Ausgewählten Werke« Helds, nahelegt.¹⁴ Er ist politischer Natur. Held drohte Gefängnis.

Opfer der Zensur

Wie viele andere moderne Autoren des ausgehenden 19. Jahrhunderts hatte Held mit der Zensur zu kämpfen. Neben Anklagen wegen politischer »Aufhetzung« kam es, besonders im katholischen Bayern, immer wieder zu Anzeigen wegen Blasphemie und Verstößen gegen die »Sittlichkeit«. 1895 sorgte der Fall Oskar Panizza für reichsweites Aufsehen. Das Landgericht München verurteilte den Schriftsteller für seine antikatholische Satire »Das Liebenskonzil« zu einem Jahr Haft, die er vollständig absitzen musste. Das nämliche Schicksal ereilte im gleichen Jahr auch Franz Held. 1894 war dessen Verserzählung »Don Juans Ratskellerkneipen. Eine feuchtfröhliche Weinmär« erschienen, eine Fortsetzung des »Abenteuerlichen Pfaffen Don Juan«, in deren Mittelpunkt neben dem außerehelichen Geschlechtsverkehr des lüsternen Priesters der übermäßige Weingenuss steht. Held wurde für den gotteslästerlichen Text zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, entzog sich aber dem Zugriff des Staates – »weil meine Gesundheit eine mehrmonatliche Gefängnisstrafe nicht verträgt«, offenbar ein Verweis auf die Syphiliserkrankung, »gehe ich nächstens (…) in die Schweiz«, schrieb er Ende Mai 1895 einem Freund. Held wollte dort so lange bleiben, »bis die Sache verjährt ist«.¹⁵ Aber die Sache verjährte nicht. Vielmehr kam 1898 eine weitere Anklage wegen »Verächtlichmachung der Religion« in dem 1.-Mai-Gedicht »Menschheitsfrühling« hinzu, in dem das christliche Abendmahl als »Firlefanz-Spott« beschrieben wird. Da war der verschuldete Autor mit seiner Familie bereits nach Aigen bei Salzburg weitergezogen. Mittellose Flüchtlinge sah man in der Schweiz schon damals nicht gern.

Diese letzte Anklage verweist auf den politischen Autor Franz Held, der so gar nicht zu dem »Erotomanen« und »Geisteskranken« zu passen scheint, den man in den Randbezirken der Literaturgeschichte antrifft. Dabei liefen Sozialismus und Erotik, Gesellschaftskritik und Gothic-Fiction, sozialer Aufstand und Romantik bei Held schon immer nebeneinander her. Bereits eines seiner ersten veröffentlichten Gedichte aus dem Jahr 1886, »Menschenopfer«, ließ keinen Zweifel an der antimilitaristischen Haltung des Autors: »Zum Soldaten ward ich dem Kaiser geboren, / Doch ein Mutterherz hat den Sohn verloren! / Eines? Tausend Söhne sind hingemodert, / Doch des Kaisers grässliche Sonne, sie lodert!« Noch Helds Söhne waren, als sie 1916 begannen, gegen den imperialistischen Krieg zu agitieren, von den Zeilen »Für die Reichen ist die Beute / für das Volk die Not der Kriege« begeistert. Immer wieder gab Held sich als entschiedener Anhänger der Gleichheit zu erkennen, so in der die Französische Revolution behandelnden Trilogie »Massen«, in der selbige sich anschicken, das »Adelsgezücht« endgültig »tot(zu)schlagen«.¹⁶

Am radikalsten präsentiert Held sich in der Erzählung »Die goldene Bombe«, einer Vernichtungsphantasie der bourgeoisen Hauptstadt Paris, die 1914 posthum, wohl auf Veranlassung Wieland Herzfeldes, in Franz Pfemferts Aktion erschien. Der Text, eine Mischung aus Science-Fiction- und Horrorgenre, schildert die medizinische Untersuchung 20 abgetrennter Köpfe von Anarchisten, die von der Polizei getötet wurden. Unter Strom gesetzt, erwachen diese wieder zum Leben und vereinigen sich zu einer Art Superbombe: »Dann springen sie (…) wie Gummibälle zum Fenster hinaus – sie fallen enorm schnell, als ob sie mit Blei gefüllt wären. Ihre Gehirnmasse ist nämlich unter der Einwirkung des Stroms zu – Dynamit geworden. (…) Da – wie tanzende Quecksilberkugeln rollen die vielen kleinen Goldköpfe in einem einzigen Riesengoldkopf zusammen. Er wächst, er schwillt von innen heraus (…). Paris ist gewesen.«¹⁷

Es ist nicht zuletzt dieser Text, der Held den Ruf eines Anarchisten eingebracht hat, mit dem kein Staat zu machen sei. Anarchist war Held aber nur im Kontext einer die Grenzen des Hergebrachten hinter sich lassenden Phantasie, gewissermaßen als ein Vorläufer der Avantgarde. Mit dem individualistischen Boheme-Anarchismus seines Zeitgenossen Rudolf Steiner hatte er ebensowenig gemein wie mit dem politischen Anarchismus nach der Spaltung der Ersten Internationale. Es ist kein Zufall, dass Helds sozialistische Idylle »Menschheitsfrühling« 1898 im sozialdemokratischen Süddeutschen Postillon erschienen ist, der sich selbst als das »schärfste und entschiedenste politische Witzblatt der Arbeiterbewegung« verstand.¹⁸ Der höchst widersprüchliche Autor Franz Held war trotz Alpenromantik und Nietzsche-Anklängen, trotz Wagner-Verehrung und süddeutschem Ludwig-Kult vor allem eines: ein dezidierter Sozialist und Anhänger der Sozialdemokratie.

Kampf dem Antisemitismus

Als solcher begegnet er uns auch in drei, den Fragen jüdischer Identität gewidmeten Aufsätzen aus den frühen 1890er Jahren. Angewidert vom sich seit dem Gründerkrach 1873 ausbreitenden Antisemitismus, jenem »widerlichen Rassenhass (…), der unter dem dünnen Kulturlack durchbruchsreif dampft und schwält und kocht«, rechnet Held darin den Deutschen mit beißendem Spott vor, dass sie ohne die jahrhundertelange zivilisierende Wirkung der Juden noch immer im Teutoburger Wald beim Feuer säßen. Entgegen der übergroßen Mehrheit der deutschen Juden verwirft er den Gedanken der Assimilation an ein »Deutschland des bewaffneten Friedens und des Reichsfanatismus« in einer Art Umkehr Treitschkes: Es sind die Deutschen, die die Juden verderben – und nicht umgekehrt, wobei Held hier explizit die Arbeiterschaft ausnimmt. Denn eine Lösung für die Juden erkennt er einzig im Bündnis mit der Arbeiterklasse, im sozialistischen »Weltstaat« jenseits der bestehenden bürgerlichen Nationen. In diesem Sinne ruft er, ganz der Erkenntnis seines Vorläufers Saul Ascher verpflichtet, dass die Emanzipation der Juden die Emanzipation aller voraussetzt, die Juden zum Übergang zum Sozialismus auf: »Deutsche Juden! Werdet Vorarbeiter der Sozialdemokratie!«¹⁹

Wie verrückt Franz Held am Ende also auch immer gewesen sein mag, politisch hatte er seine fünf Sinne beisammen. Während die meisten seiner Kollegen aus der Schule des Naturalismus im besten Fall der schiefen Lasalleschen Idee eines »sozialen Kaisertums« anhingen oder gleich völlig dem Opportunismus erlagen und nach ganz rechts abdrifteten, blieb »der ungebärdigste der Literaturrevolutionäre aus den achtziger Jahren« unbeirrt und »ganz bei seiner Sache«, wie es im Nachruf des Vorwärts auf Held hieß.²⁰

Nachtrag: Viele Texte von Franz Held sind heute nur noch von literarhistorischem Interesse. Seine groteske »Afrikareise durchs Marsfeld«, eine Adaption von Alphonse Daudets erfolgreichen »Tartarin«-Romanen, in der der tumbe Abenteurer Tartarin sich anschickt, den Eiffelturm zu besteigen, lohnt indes heute noch zu lesen. Das Schöne ist, man muss sie sich nicht für 600 Euro antiquarisch kaufen, sondern kann sie bequem als Hörbuch beim SRF anhören.²¹

Anmerkungen:

1 Hans Winkler, Kurt Lanthaler u. Martin Hanni (Hg.): Franz Held – Vordadaistische Texte aus Jenesien, Bozen 2012

2 Führer durch die moderne Literatur. 300 Würdigungen der hervorragendsten Schriftsteller unserer Zeit, hg. v. Hanns Heinz Ewers, Berlin [1905], S. 88

3 Berner Bund, 21.10.1888

4 Die Gesellschaft (1888), S. 1072 ff. (im folgenden DG)

5 Neue Zürcher Zeitung, 7.12.1888

6 Kritisches Jahrbuch (1889), S. 121

7 F. H.: Manometer auf 99! Soziales Drama in fünf Akten, Berlin 1893, S. 67, 56, 68 u. 222

8 Die Neue Rundschau (1892), S. 1329 f.

9 Zit. n. Magazin für Litteratur (1892), Nr. 41, S. 669

10 Magazin für Litteratur (1892), Nr. 45, S. 731

11 Der Zuschauer (1894), Januar–Juni, S. 209

12 Bozener Nachrichten, 28.2.1900

13 Zit. n. Winkler u. a. (Hg.): Franz Held, a. a. O., S. 268

14 Franz Held: Ausgewählte Werke, hg. v. Ernst Kreowski, Berlin 1912, S. 15

15 F. H. an Ludwig Jacobowksi, 29.5. [1895], zit. n. Winkler u. a. (Hg.): Franz Held, a. a. O., S. 56

16 DG (1886), 2. Bd., H. 1, S. 181. Wieland Herzfelde zitiert die Verse seines Vaters in der Dokumentation »Wieland Herzfelde – Büchermachen aus Leidenschaft«, Berlin 1977 u. F. H.: Wir wollen die Bastille. In: Winkler u. a. (Hg.): Franz Held, a. a. O., S. 161

17 Die Aktion (1914), Sp. 531

18 Süddeutscher Postillon, 29.4.1898. Das Zitat nach: Lexikon sozialistischer Literatur, hg. v. Simone Barck u. a., Stuttgart/Weimar 1994, S. 460

19 DG (1890), 2. Bd., S. 561 u. 558 u. DG (1890), 4. Bd., S. 1828

20 Vorwärts, 16.2.1908

21 https://kurzelinks.de/Held-Tartarin

Ronald Weber ist Redakteur im Thema-Ressort dieser Zeitung. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 11. Dezember 2021 über die Lyrik B. K. Tragelehns

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