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Aus: Ausgabe vom 28.05.2022, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Historische Debatten

»Intellektuelle waren die moralischen Autoritäten der DDR«

Über Remigranten im Osten Deutschlands, verfälschte Geschichtsschreibung und die Ideologie des Kalten Kriegs. Ein Gespräch mit Sonia Combe
Interview: Sabine Kebir
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Stephan Hermlin und Christa Wolf auf einer Kundgebung gegen die Schändung des Grabes von Bertolt Brecht auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin (12.5.1990)

Sie haben sich immer wieder in die in der Wissenschaft und den Medien stattfindende Diskussion um die Intellektuellen der DDR eingeschaltet. Wie kam es dazu?

In den 1980er Jahren habe ich in der DDR über die Kultur der Erinnerung an die Opfer der Verbrechen der Nazis geforscht. Dabei lernte ich Personen kennen, die weder Regimegegner noch dogmatische Parteimitglieder waren, sondern Marxisten, die das Regime kritisierten und es zugleich verteidigten. Max Frisch hat das sehr genau beschrieben: »Treffen mit Christa Wolf und Gerhard Wolf im Opern-Café, Ost-Berlin (…) Ihre neue Art, offen zu reden, ohne Zweifel loyal gegenüber dem System, kritisch-offen, ohne dass der Besucher dazu nötigt.« Ich habe auch beobachtet, wie viele dieser Menschen – häufig Intellektuelle, aber nicht nur – nach der Maueröffnung in Vergessenheit gerieten oder, wie Christa Wolf, sogar angegriffen wurden.

Heute gilt es manchen als unerklärlich, weshalb viele hochkarätige Intellektuelle – darunter viele Juden, die im westlichen Exil überlebt hatten, wie Anna Seghers, Arnold Zweig, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Ernst Bloch, Hans Mayer – sich in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) niederließen. Wieso kam auch später für viele ein Wechsel in die Bundesrepublik nicht in Frage?

Diese Intellektuellen waren Linke – nicht unbedingt Kommunisten, aber Menschen, die aus politischen Gründen emigriert waren, zum Teil auch, weil sie »rassisch« verfolgt wurden. Alle waren sie Parias des Naziregimes. Für die, die in den USA lebten, spielte ab 1946 der Kalte Krieg eine große Rolle für die Entscheidung. Das FBI hatte sie »Communnazis« getauft. Sie waren bedroht von der Hexenjagd durch den US-Senator McCarthy oder sogar vom Entzug der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft, falls sie sie erhalten hatten. Selbst Thomas Mann, der kein Kommunist war, sich aber gegen McCarthy wandte, verließ die USA. Um sich nicht zwischen beiden Deutschlands zu entscheiden, wählte er die Schweiz. Für Bertolt Brecht, Ernst Bloch, Hanns Eisler und Max Schröder stellte sich die Frage anders. Sie konnten nicht in den Westteil Deutschlands gehen, wo sich die Alliierten übrigens ihrer Rückkehr entgegenstellten und die Bevölkerung sie »Racheengel« nannte. Dazu empfehle ich das Zeitzeugenbuch »Liebe im Exil« von Edith Anderson. Auch waren die alten Nazis gen Westen geflohen, weil sie sowjetische Sanktionen fürchteten.

In der SBZ kam es zu einer intelligenten Einladungspolitik: Bloch und Mayer bot man Universitätsstellen an, Brecht ein Theater, anderen Autoren Publikationsmöglichkeiten. Sehr rasch wurde der Aufbau-Verlag gegründet. Angestoßen von der sowjetischen Besatzungsmacht kam das kulturelle Leben von 1945 bis 1949 in Gang. Für die Intellektuellen, die im Exil ihres Werkzeugs, der Sprache, beraubt waren, war es wichtig, sie wiederzugewinnen – vielleicht ebenso wichtig wie das politische Engagement. Endlich konnten sie wieder ein Publikum haben. Das war sicher der Grund, der Arnold Zweig – ein linker, aber kein kommunistischer Intellektueller – bewog, aus Palästina in die SBZ zu kommen, wo man ihm überdies anbot, Präsident der Akademie der Künste zu werden.

Während die Entnazifizierung im Osten sehr schnell voranging – es gab auch weniger zu tun, weil die bedeutenden Nazis geflohen waren –, verlief sie im Westen viel langsamer. Dort wurden die Nazis rasch amnestiert und sie konnten – wie z. B. Adenauers Staatssekretär Hans Globke, aber nicht nur er – an die Spitze des Staates gelangen. Im Osten waren die führenden Leute dagegen Opfer oder Kämpfer gegen den Nazismus gewesen. Für die Parias der Nazis, die vielleicht Familienangehörige und Freunde verloren hatten, zählte das viel. Manche vergessen heute die Virulenz des Antikommunismus in der Bundesrepublik. Dort waren Kommunisten und ihre Sympathisanten von Berufsverbot bedroht.

Intellektuelle der DDR werden von einigen als »nützliche Idioten« im Dienste der Staatsmacht hingestellt. Sie hätten nicht verstanden, dass der offizielle Antifaschismus nur ein dem Volk »verordneter« gewesen sei. Eine tiefere Aufarbeitung des Faschismus habe nicht stattgefunden. Inwieweit widersprechen Sie?

In der Bundesrepublik meinte man, nach der »Wiedergutmachung« und den Reparationszahlungen eine neue Seite aufschlagen zu können. Denken wir an die Schwierigkeiten des Generalstaatsanwalts Fritz Bauer, die Auschwitz-Prozesse durchzusetzen. Wenn man die in der Bundesrepublik vorherrschende Ablehnung, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, mit der offiziellen antifaschistischen Doktrin der DDR vergleicht, war letztere, historisch gesehen, die richtige. Sicher feierte man vor allem die Helden, aber man musste auch von den Opfern sprechen, sonst hätte es ja keine Helden geben können. Man sprach also über das, was geschehen war.

Jeder Staat fördert eine offizielle Geschichtsschreibung, um sich zu legitimieren. Die französische Erzählung über die Résistance ähnelt in dieser Epoche dem offiziellen DDR-Diskurs. Das heißt aber nicht, dass die Intellektuellen dem blind folgten. Hermlin sagte in einer Rede in der polnischen Botschaft, dass die DDR an den Punkt gekommen sei, glauben zu machen, alle Ostdeutschen seien Nazigegner gewesen! Hermlin und die anderen – etwa Bertolt Brecht, Heiner Müller, Volker Braun oder Franz Fühmann – machten so etwas nicht mit. Das beweist die DDR-Literatur.

Wahr aber ist, dass die Geschichtswissenschaft bei der Produktion eines auch nur vorsichtigen Gegendiskurses hinter den künstlerisch-intellektuellen Arbeiten zurückblieb. Auch hier war die Lage in Frankreich ähnlich, mit einem wichtigen Unterschied: Die Memoiren alter Antifaschisten, die die von der offiziellen Geschichtsschreibung gelassene Lücke ausfüllen und neue Facetten ans Licht bringen konnten, wurden in der DDR stark kontrolliert. Oral History (wissenschaftliche Methode zur Auswertung von Interviews mit Zeitzeugen, jW) wurde nicht angewandt – die Ergebnisse hätten sich dem offiziellen Diskurs entgegenstellen können.

Von »nützlichen Idioten« würde ich nicht sprechen. Im Gegenteil, diese Intellektuellen waren die moralischen Autoritäten der DDR, weil die Gesellschaft ihre nonkonformistische, ja kritische Position wahrnahm. Während meiner Forschung wurde mir immer wieder empfohlen, Jürgen Kuczynski zu treffen, dessen sarkastischer und leicht kritischer Esprit bei Künstlern und Intellektuellen sehr geschätzt wurde.

Sie haben sich auch mit der Behauptung auseinandergesetzt, es gebe Gemeinsamkeiten zwischen Faschismus und Kommunismus.

Der Vergleich gehört zu den Arbeitsmethoden der Historiker, aber man muss vernünftig vorgehen. Es ist unbestreitbar, dass die DDR keine Demokratie mit Meinungspluralismus war. Die Aussage, dass sie eine Diktatur war, muss indes nuanciert werden. Die 1950er Jahre sind nicht mit den 1970ern zu vergleichen und erst recht nicht mit den 1980ern. Juristische Verfolgung war ersetzt von generalisierter Überwachung durch die Stasi, was ich in meinem 1999 erschienen Buch »Eine überwachte Gesellschaft. Die Intellektuellen und die Stasi« analysiert habe. Ich nenne die DDR lieber eine nichtdemokratische Gesellschaft mit diktatorischen Zügen; nicht eine Diktatur schlechthin, wie es in den letzten 30 Jahren geschah, als man die DDR darauf reduzierte. Ich schließe mich dem israelischen Philosophen Avishai Margalit an, der den fundamentalen Unterschied zwischen einem Nazi und einem Kommunisten mit dieser einfachen Frage klärte: »Haben Sie unter ihren Freunden alte Kommunisten? Sicher! Haben Sie unter Ihren Freunden alte Nazis? Sicher nicht. Kann man das kommunistische Ideal mit dem nationalsozialistischen Ideal vergleichen?« Wer das gleichsetzt, hält die Ideologie des Kalten Krieges am Leben.

Margalit unterscheidet auch zwischen guten und schlechten Kompromissen. Der Kompromiss der DDR-Intellektuellen, die ich als »linientreue Dissidenten« bezeichne, war es, in der Öffentlichkeit, d. h. außerhalb der Partei und ihren Ablegern, zu schweigen. Man wollte der Partei nicht schaden, nicht das Spiel ihrer Feinde spielen. Historiker richten nicht. Aber man sieht die Konsequenzen dieses Schweigens: Als die DDR von der Bundesrepublik aufgesogen wurde, hatte die intellektuelle Elite der DDR kein Wort mitzureden.

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Sonia Combe

Sie widersprechen der Aussage, der Mangel an demokratischer Kultur habe die Kritikfähigkeit der Intellektuellen und der Bevölkerung abgewürgt. Auf welchen Wegen kam es zu Kritik?

Das Fehlen demokratischer Kultur ist immer schwer zu beurteilen, aber man sieht schnell, ob sich kritischer Geist entfalten kann. In der DDR konnte er sich mehr oder weniger offen über die Literatur, das Theater und den Film entfalten – nicht ohne Schwierigkeiten. Aber ganz verbannt war er nicht. Nachdem vergeblich versucht worden war, 1956 Georg Lukács im aufständischen Ungarn zu retten, bemühte man sich doch, sein Werk zu bewahren. Ein Philosoph wie Wolfgang Heise hat ungemein dazu beigetragen, dass der kritische Geist erhalten blieb. Als er verstanden hatte, dass er nicht publizieren konnte, praktizierte er »Veröffentlichungsabstinenz« und gab sein Wissen mündlich in seinem Seminar an der Humboldt-Universität weiter.

Im Rahmen der Partei fanden echte Diskussionen statt. Um sich davon zu überzeugen, muss man die Stasiakten lesen. Wenn die Stasi die kleinste Spur eines »abweichenden« Denkens witterte, legte sie eine Akte über die Person an. Der Umfang der Akte von Anna Seghers lässt an die einer Dissidentin denken. Ihr Widerstand äußerte sich in ablehnendem Schweigen und ironischem Lächeln gegenüber den konformistischen Geistern, auch durch Fernbleiben oder Verlassen von Versammlungen – eine Haltung, die die folgende Generation beeinflusste.

Sie unterschieden drei Generationen von DDR-Intellektuellen, die ihre Kritik auch jeweils mit neuen Methoden veränderten Bedingungen anpassten.

Christa Wolf und Heiner Müller gehören zur Generation derer, die im Nazismus sozialisiert wurden und am Ende des Krieges entdeckten, unter welch monströ­sem Regime sie groß geworden waren. Der Schock ist so groß, dass sie gern das neue Regime akzeptieren. Es stellt das Gegenteil des alten dar, verspricht soziale Gleichheit, Frauenemanzipation, Bildungsmöglichkeiten. Und vor allem wird es von Gegnern und Opfern des Nazismus geführt. Diese Generation ist sofort begeistert von den Persönlichkeiten der Remigranten, die zur intellektuellen Bürgschaft der DDR werden. Die Erinnerungen des Literatur- und Theaterspezialisten Werner Mittenzwei – für den Lukács und Brecht »die Götter meiner Jugend« waren – sind da vielsagend. Diese, durch die Remigranten geformte Scharniergeneration übernahm auch die Haltung, außerhalb der Parteigremien zu schweigen – bis zum Herbst 1989.

Wie agierte die dritte Generation, oft Kinder der Remigranten, dem Realsozialismus gegenüber: Volker Braun, Ulrich Plenzdorf, die Geschwister Brasch und Herzberg, Regina Scheer, Daniela Dahn?

Einige wurden Rebellen wie die Brasch-Brüder. Andere haben, ohne Dissidenten zu werden, versucht, »den Traum« ihrer Väter und Mütter zu retten – »einen Traum, den Dummköpfe zerstörten«, wie Edith Anderson sagt. Sie blieben kritische Marxisten. Noch heute versuchen sie, die Position ihrer Eltern verständlich zu machen und zu zeigen, wie die Wiedervereinigung positive Aspekte des sozialistischen Systems zerstörte, besonders in der Sozialpolitik.

Einige behaupten, in der DDR habe die Auseinandersetzung mit der Schoah gefehlt. Wie stark verbreitet war Antisemitismus?

Eins ist sicher: Antisemiten gab es sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik. Aber entsprechende Äußerungen wurden sanktioniert, das hat sie gebremst. In der Stasiakte über Hermlin liest man seine Reflexionen über den nicht verschwundenen Antisemitismus. Er war in der DDR weniger stark verbreitet als in der Sowjetunion, ganz zu schweigen von Polen. Eine sehr seriöse Forschung des Historikers Mario Keßler über die SED und die Juden zeigt die Besonnenheit, mit der die ostdeutsche Führung den sowjetischen Antisemitismus weitgehend umschiffte. Auf der Führungsebene gab es noch weniger Antisemitismus, weil es dort auch viele Juden gab – etwa Hermann Axen oder Albert Norden. In der Gesellschaft war das ganz anders. Aber es ist falsch zu behaupten, dass Auschwitz oder ähnliche Themen in der DDR tabu waren. In der Literatur, im Theater, im Film gibt es zahlreiche Gegenbeispiele. Die Bibliographie von Renate Kirchner zeigt das genau. Aber die historische Forschung über die Verfolgung von Juden und Sinti hat spät begonnen – zweifellos, weil sie der sowjetischen Wissenschaft folgen musste. Jürgen Kuczynski sagte 1988, dass man, um die Geschichte der DDR zu kennen, eher die ostdeutschen Schriftsteller als die Historiker lesen sollte. Seinen Arbeiten wurde übrigens auch vorgeworfen, dass sie die Dimension des Antisemitismus zuwenig ausloteten.

Kuzcynski war repräsentativ für die unter den Remigranten zahlreichen »nichtjüdischen Juden« – eine Formulierung von Isaac Deutscher. In gewisser Weise hatte die von ihnen gewählte kommunistische Identität die jüdische überdeckt. Realiter machte sie ihre doppelte Identität zu Kämpfern gegen den Faschismus. Dieselbe Haltung fand man nicht nur in der DDR und auch bei nichtkommunistischen Juden. Heute betonen deutsche und französische Kinder von »nichtjüdischen Juden« ihre jüdische Identität. Das resultiert daraus, dass man wohl nicht mehr an einen universellen Fortschritt glaubt, an eine Zukunft, in der Rassismus und Antisemitismus verschwunden wären. In gewissen Sinne hatte man es in der DDR mit einer jüdisch-deutschen Symbiose zu tun, deren Ausdrucksort die kommunistische Partei und – weiter gedacht – die DDR war.

Sie schließen Ihre jüngst veröffentlichte Studie mit einer Beobachtung von Christa Wolf: Die Herzen der Remigranten hätten den Herausforderungen des Exils standgehalten, weniger aber den Enttäuschungen über die widersprüchliche Realität nach ihrer Rückkehr, als eigene Meinungen nur unter großen Anstrengungen geäußert werden konnten. Viele Remigranten starben früh, was sich zum Teil in den späteren Generationen fortsetzte – mit der Variation, dass Jüngere manchmal das Exil in Richtung Westen wählten. Hat der Kampf dieser Intellektuellen um einen besseren Sozialismus eine über den Untergang »ihres« Staates hinausweisende Bedeutung?

Der Dorotheenstädtische Friedhof in Berlin, wo die meisten dieser kritischen Marxisten ruhen, vereint Juden und Nichtjuden auf interessante Weise. Auf dem Grab von Christa Wolf findet man – wie auf jüdischen Friedhöfen – kleine Kiesel. Andererseits fehlen religiöse Zeichen. Die »linientreuen Dissidenten«, die hier begraben sind, litten unter der geistigen Enge der Führung, einige sind deshalb sogar zu früh gestorben. Aber ihr Ideal haben sie nicht aufgegeben.

Hat man in Frankreich generell einen anderen Blick auf Kultur und Intellektuelle der DDR?

Oft ist der Blick von außen, besonders was die Gegenwartsgeschichte begrifft, ganz anders als der der nationalen Historiker. Ausländische Historiker unterliegen weniger den Zwängen der in Deutschland dominierenden Sicht, sind weniger den ideologischen Kräftespielen ausgesetzt. Die Geschichtsschreibung über die DDR, sei es in den Medien, sei es in der akademischen Historiographie, betrieb die totale Diskreditierung dieses Staates als politisches System. Das diente der Rechtfertigung der Wiedervereinigung, d. h. der Absorption der DDR durch die Bundesrepublik. Französische, englische oder amerikanische Historiker haben praktisch alle einen viel nuancierteren Blick, der nichts zu tun hat mit Nostalgie oder Ostalgie – auch wenn man das ihnen zuweilen vorwirft.

Sonia Combe …… (Jahrgang 1949) ist Osteuropa­historikerin. Sie hat mit mehreren, auch ins Deutsche übersetzten Büchern in die Diskussion über die Kultur der DDR und ihre Rezeption in der Bundesrepublik nach 1989 eingegriffen, um – aus französischer Distanz – zu ihrer Versachlichung beizutragen. Im Mai erschien ihre Studie »Loyal um jeden Preis. ›Linientreue Dissidenten‹ im Sozialismus«, in dem sie Stereotype über die Intellektuellen der DDR in Frage stellt.

Sonia Combe: »Loyal um jeden Preis. ›Linientreue Dissidenten‹ im Sozialismus.« Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Dorothee Rosenberg, Ch. Links Verlag, Berlin 2022

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralph D. aus Gotha ( 2. Juni 2022 um 12:53 Uhr)
    Sonia Combe beschreibt die Situation und Autorität der Intellektuellen in der DDR in dem mit ihr geführten Interview sehr zutreffend. Bei den aus dem westlichen Exil zurückgekehrten Remigranten kommt noch hinzu, dass ihnen vor allem in den ersten Jahren nach ihrer Rückkehr mit starkem Misstrauen von seiten der Parteiführung der SED begegnet wurde, weil immer unterschwellig der Verdacht bestand, sie hätten sich im Ausland »umdrehen« lassen und würden für eine fremde Macht arbeiten. Auch Jürgen Kuczynski musste diese Erfahrung machen, als er bereits nach drei Jahren als Vorsitzender der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion (Vorläufer der DSF) 1950, nicht zuletzt auch wegen antisemitischer Tendenzen in der UdSSR, abgelöst wurde. Selbst der aus einem Internierungslager in Texas nach Berlin zurückgekommene Friedrich Karl Kaul, ebenfalls jüdischer Abstammung, war zunächst verdächtigt worden, für die USA zu spionieren, was sich aber sehr schnell als völlige Fehleinschätzung erwies. Der kritische Geist vieler Exilanten, der sich meist nicht gegen die sozialistische Gesellschaftsordnung richtete, war oft das »Salz in der Suppe« und hob sich lobenswert von dem mitunter schwerfälligen Parteivokabular ab und hatte zum Ziel, den eingeschlagenen Weg zu verbessern, aber nicht zu vereiteln. Das machte sie zu Autoritäten und nicht selten zu moralischen Instanzen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (30. Mai 2022 um 12:34 Uhr)
    »Intellektuelle waren die moralischen Autoritäten der DDR.« – Heißt das im Umkehrschluss: Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht und Erich Honecker waren unmoralisch? Intellektuelle gegen die DDR-Führung in Stellung zu bringen, findet man sonst nur im Feuilleton der bürgerlichen Blätter. Leider findet man auch in der jungen Welt immer wieder diesen Antikommunismus, wenngleich er hier etwas gemäßigter daherkommt. Die immer wiederkehrende Legende: Kulturschaffende stritten für »echten Sozialismus«. Wenn die Interviewerin den »Kampf dieser Intellektuellen um einen besseren Sozialismus« herausstellt: Das Ergebnis dieses Kampfes sieht man jetzt. Sonia Combe bringt es fertig, Bertolt Brecht in eine Reihe mit Thomas Brasch zu stellen. Brecht würde sich im Grab umdrehen. Skandalös, wie hier der Sowjetunion und der DDR Antisemitismus vorgeworfen wird. Übrigens, das hier vorgestellte Buch heißt im französischen Original ziemlich hetzerisch: La Loyauté à Tout Prix. Les Floués du »Socialisme Réel« (Loyal um jeden Preis. Die Betrogenen des Realsozialismus).
  • Leserbrief von Peter Tiedke (30. Mai 2022 um 12:01 Uhr)
    Liebe Frau Kebir, mit großem Interesse las ich Ihren Beitrag. Einige Anmerkungen hätte ich:
    1. Das von Frau Combe festgestellte Phänomen – soweit richtig beobachtet – beruhte wesentlich auf einer qualitativ höheren Stufe der »Intellektualität des Volkes«, es war das »Leseland DDR«. Das wiederum war Ergebnis einer zielgerichteten Politik der in »geistiger Enge« gefangenen Staatsführung (der »Dummköpfe«?) und nicht einer Wirkung der Schriftsteller gegen die »Linie«. Unter den »Intellektuellen« gab es – wie in anderen Schichten – alle »Sorten«: Kluge, Dumme, Linke, Rechte, Marxisten und anders Verortete – sie widerspiegelten die Realität auf künstlerische Weise, ermöglichten so ihre Aneignung – aber nicht von vornherein adäquater.
    2. Zur Auseinandersetzung in der DDR-Gesellschaft mit der Ermordung der europäischen Juden durch das faschistische Regime und seine Vernichtungskriege gibt es viele Darlegungen, die keinen Raum lassen für Spekulationen, um die Ziele des »verordneten« Antifaschismus in der DDR. Übrigens wäre mir wohler, gäbe es aktuell etwas verordneten Antifaschismus in der BRD, statt stehender Ovationen im Bundestag für Banderafans.
    3. Es ist ein Kreuz mit den Begriffen: Was meint »Demokratie«, wenn sie für solche Staaten wie USA, BRD, Ukraine und Frankreich verwendet werden und was »diktatorische Züge« einer Nichtdemokratie? Aber: Ohne inhaltliche Klarheit bleibt unverbindliches Geschwätz … Wem nützt es?
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (30. Mai 2022 um 11:31 Uhr)
    An einer Wand in der Universität von Cambridge steht: Intellektueller ist, wer mehr Wörter benutzt, als er eigentlich braucht, um mehr zu sagen, als er weiß. Heutzutage wird als Intellektueller ein Mensch bezeichnet, der im Kulturbereich tätig ist, dort ausgewiesene Kompetenzen erworben hat und in öffentlichen Auseinandersetzungen Position bezieht. Nicht anders war es in der DDR. Aber ein Intellektueller kann nicht allein nach seinen geistigen Fähigkeiten, seinen Erkenntnissen, seiner Schöpferkraft absolut beurteilt werden. Vielmehr waren und sind seine Rolle und seine Eigenschaft als Intellektueller durch das soziale Milieu bestimmt! Ein Intellektueller setzt seine geistigen Fähigkeiten, seine Bildung, sein Formulierungsvermögen und seine Erfahrung für einen politischen oder sozialen Zweck ein, dass er sich letztlich nicht damit zufriedengibt, die Ereignisse seiner Umwelt zu interpretieren, sondern versucht, sie zu beeinflussen und zu transformieren. Dabei ist nicht zu vergessen, dass die meisten in dem Artikel erwähnten DDR-Intellektuellen, mit großer Erwartung und Hoffnung in die DDR gekommen sind, zuvor bereits bekannten Persönlichkeiten waren, deren Stimmen mit den Jahren aber immer stiller wurde, bis sie zum Schluss verstummten. Das ist eine Ironie des Schicksals der »Utopischen Intellektuellen«, und nicht nur in der DDR!

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