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Aus: Ausgabe vom 28.05.2022, Seite 9 / Ausland
Gewalt gegen Schwarze

Ermordet mit Tränengas

Genivaldo de Jesus Santos stirbt nach brutalem Polizeieinsatz in Brasilien. Zahlreiche Tote auch nach Razzia in Favela
Von Emre Şahin
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Verstörend: Die Beamten der Stadt Umbaúba versuchen am Mittwoch, Santos im Kofferraum des Fahrzeugs einzusperren

Vor zwei Jahren löste das Entsetzen über den brutalen Tod George Floyds die »Black Lives Matter«-Proteste aus: Weltweit demonstrierten Aktivisten gegen Polizeigewalt, nachdem der schwarze US-Amerikaner Floyd am 25. Mai 2020 in Minneapolis von dem weißen Polizisten Derek Chauvin umgebracht worden war. Während am Mittwoch an Floyd gedacht wurde, hat sich gleichentags im brasilianischen Umbaúba ein ähnlicher Mord ereignet: Der schwarze Brasilianer Genivaldo de Jesus Santos verlor infolge eines grausamen Polizeieinsatzes sein Leben.

Auf einem im Internet kursierenden Video ist zu sehen, wie Santos von zwei Polizisten zu Boden gedrückt wird. Nach einem Schnitt erkennt man, dass der 38jährige um sich tritt, während die Beamten versuchen, ihn im Kofferraum des Polizeifahrzeugs einzusperren – aus dem Auto strömt bereits eine Wolke. Offensichtlich erstickte Santos im Wagen an Tränengas.

Santos’ Neffe Wallison de Jesus war nach eigenen Angaben ebenfalls vor Ort und erklärte am Freitag gegenüber der US-Tageszeitung Washington Post, die Polizei habe seinen Onkel, der auf einem Motorrad unterwegs war, angehalten und ihn aufgefordert, sein Hemd hoch zu heben. Santos sei nervös geworden, nachdem die Polizei Packungen seiner Medikamente – er litt unter Schizophrenie – bei ihm gefunden hatte. De Jesus habe die Beamten mehrmals über den psychischen Zustand seines Onkels informiert, und dass er die Medikamente benötige. »Wir haben der Polizei die ganze Zeit gesagt, dass er ein Herzproblem habe, dass er psychische Probleme habe«, doch »sie setzten die Folter fort und sagten allen, sie sollten sich fernhalten«. Die Polizei packte Santos an den Armen, trat gegen seine Beine und stieß ihn zu Boden, so de Jesus. Anschließend sei er gefesselt und gemeinsam mit einem Tränengaskanister ins Auto geworfen worden.

Santos’ Tod führte am Donnerstag in Umbaúba zu Protesten. Vor seiner Beerdigung setzten Demonstrierende an dem Tatort Reifen in Brand und forderten Gerechtigkeit, berichtete das Nachrichtenportal G1. »Polizisten haben ein Auto in eine Gaskammer verwandelt und einen psychisch kranken Mann hingerichtet«, schrieb die Politikerin der linken Partei PSOL, Renata Souza, auf Twitter. Die brasilianische Bundespolizei erklärte am Donnerstag, sie würde den Fall untersuchen. In einer Mitteilung der lokalen Polizei vom Mittwoch hieß es, Santos habe sich »aktiv widersetzt«, und sei, während er auf die Wache gebracht wurde, »krank geworden«.

Bereits am Dienstag hatte die brasilianische Polizei bei einer Razzia im Armenviertel Vila Cruzeiro in Rio de Janeiro mindestens 24 Menschen getötet. Der extrem rechte Präsident Jair Bolsonaro hatte in der Vergangenheit Razzien in Favelas befürwortet und erklärt, angeblich »Kriminelle« sollten »auf der Straße sterben«. Dabei trifft die Polizeigewalt insbesondere die schwarze Bevölkerung des Landes: Nach Angaben des brasilianischen Forums für öffentliche Sicherheit tötete die Polizei im Jahr 2020 6.416 Menschen. Davon seien knapp 80 Prozent schwarz gewesen.

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