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Aus: Ausgabe vom 21.05.2022, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Wo das Leben am stärksten ist

Elisabeth Freundlichs wiederentdeckte Novelle »Wir waren ja wahnsinnig, damals« über Pflicht und Freude des antifaschistischen Widerstands
Von Erich Hackl
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»Die Helden der Freiheit kehren zu uns zurück«. Ausgabe der Volontaire de la Liberté, Organ der Internationalen Brigaden (1938)

Wenig Aufhebens hat die Welt um die Wiener Schriftstellerin Elisabeth Freundlich (1906–2001) gemacht, deren Nachname ihren auffälligsten Wesenszug genau beschreibt. Seit 13 Jahren ist ein kurzer Weg in Stadlau, jenseits der Donau, nach ihr benannt, und einigen Historikern wird noch der Name ihres Vaters geläufig sein, der bis zum gewaltsamen Ende der Ersten Republik Mitglied des Österreichischen Verfassungsgerichtshofs und Präsident der Arbeiter-Bank gewesen war. Nach der Niederschlagung des Februaraufstandes 1934 wurde Jacques Freundlich verhaftet und seiner Ämter enthoben, während sich seine Tochter, die bis dahin als Dramaturgin und Regieassistentin gearbeitet hatte, in der Friedensbewegung und im Widerstand gegen das austrofaschistische, dann – nach der Annexion Österreichs im März 1938 – gegen das nazideutsche Regime engagierte. In Paris, in Südfrankreich, zuletzt im US-amerikanischen Exil war sie an wichtigen publizistischen Unternehmungen beteiligt: Ligue de l’Autriche vivante (Liga für das geistige Österreich), Nouvelles d’Autriche, Austro-American Tribune. Freundlich heiratete 1945 in New York den Philosophen Günther Anders und kehrte mit ihm fünf Jahre später nach Österreich zurück – mitten im Kalten Krieg, in dem sie sich unvermutet zwischen allen Fronten wiederfand: Den Kommunisten galt sie als unzuverlässige Mitläuferin, den Sozialdemokraten als verkappte Kommunistin und den unverdrossenen Antisemiten als unerwünschte jüdische ­Reemigrantin.

Samt aller Widersprüche

Die meisten ihrer Erzählungen und Romane blieben jahrelang ungedruckt; erst 1986, bald nach Freundlichs 80. Geburtstag, erschienen drei Werke, die sowohl durch ihren hohen literarischen Rang als auch wegen ihres ethischen und politischen Gehalts bestechen: der Roman »Der Seelenvogel«, in dem die Autorin die Geschichte ihrer weitverzweigten Familie über zwei Jahrhunderte ausbreitet, der Erzählband »Finstere Zeiten«, in dem sie Verfolgung und Widerstand bis in die Gegenwart der Niederschrift samt allen Widersprüchen in der für sie typischen Mischung aus Diskretion, Leidenschaft und verhaltener Eleganz zur Darstellung brachte, sowie der historische Bericht über »Die Ermordung einer Stadt namens Stanislau«. Darin dokumentierte sie die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung jener ostgalizischen Stadt, die 1962, zu Sowjetzeiten, den Namen des sozialistischen Schriftstellers Iwan Franko erhalten hatte. Dort, im heutigen Iwano-Frankiwsk also, waren am 12. Oktober 1941 auf dem alten jüdischen Friedhof 12.000 oder mehr Menschen von SS-Männern, Angehörigen der Bahnpolizei, der Gendarmerie und des in der Stadt stationierten Polizeireservebataillons 133 unter Mithilfe der ukrainischen Miliz hingemetzelt worden.

»Man spricht nicht vom Gewesenen«, schrieb Freundlich gegen Ende ihres Berichts über das Massaker von Stanislau. »Man wünscht es weder selbst zu überliefern, noch dass andere es überliefern, noch dass es Jüngeren überliefert wird.« Eingedenk dieser Tatsache ist es besonders erfreulich, dass der Persona-Verlag, dem schon die Veröffentlichung der »Finsteren Zeiten« zu verdanken war, nunmehr eine frühe Erzählung der Autorin wieder aufgelegt hat, die über Vermittlung F. C. Weiskopfs 1948 im Werner Wulff Verlag erschienen war, unter dem Mädchennamen von Freundlichs Mutter, Lanzer, und unter dem Titel »Invasion Day«, der aus Gründen des Titelschutzes nicht beibehalten werden konnte. Das ist schon deshalb schade, weil er das Ereignis benennt, das den Wendepunkt der raffiniert konstruierten Erzählung mit ihren zahlreichen Rückblenden und Ortswechseln darstellt. Auf den ersten Blick eine Dreiecksgeschichte zwischen der 32jährigen österreichischen Fotografin Leni, ihrem belgischen, aus einer wohlhabenden Unternehmerfamilie stammenden Freund Hendrik und dem ungarisch-kanadischen Revolutionär und Journalisten Kari, weitet sie sich auf nur hundert Seiten zur subtilen Würdigung einer ganzen Generation europäischer Antifaschisten, die vom Überlebenskampf der spanischen Republik maßgeblich geprägt wurde. Kari ist tot, seit sieben Jahren, gefallen 1937 in Teruel. Die nachgetragene Liebe zu ihm, mehr noch die Treue zu seinen von Leni geteilten Idealen erweist sich nicht nur daran, dass die Frau in Hendriks Begleitung die Blockhütte irgendwo in der kanadischen Einöde aufsucht, für die Kari ihr seinerzeit in Paris, ehe er zurück nach Spanien gegangen war, den Schlüssel anvertraut hatte, damit sie die dort aufbewahrte Fahne seines Freiwilligenbataillons an sich nehmen könne, sondern auch an ihrem jähen Entschluss, der gemeinsamen Zukunft in Montreal mit Hendrik zu entsagen.

Trauer und Zuversicht

Am Morgen nach der Nacht, die Hendrik und sie in Karis Blockhütte verbringen, am 6. Juni 1944 nämlich, hört Leni im Radio von der Landung britischer und US-amerikanischer Truppen in der Normandie. Es ist diese Meldung, die ihren Sinneswandel bewirkt. Plötzlich wird ihr klar, dass ihr Leben »nicht mir allein gehört«. Mehr als von der Hoffnung darauf, nach dem militärischen Sieg über den Faschismus etwas Bedeutendes zur gesellschaftlichen »Gesundung« – so lautete der Titel einer anderen Erzählung Freundlichs – ihres Herkunftslandes beitragen zu können, lässt sie sich bei ihrer Entscheidung von der tiefen Sehnsucht nach Geborgenheit leiten, die sich für sie dort einstellt, wo das Leben »am stärksten, am brennendsten« ist: bei den jung gebliebenen Toten. Heimgehen also, weg aus Amerika, weg aus Kanada, zurück in das zerstörte, ausgeblutete, von Tätern, Irren und Irre­geleiteten bevölkerte Europa. Leni ist frei von Illusionen, aber voll gedämpfter Erwartung, ihre Pflicht tun zu können »für die einfachen Freuden des Lebens, nicht zur Erfüllung eines brennenden Ehrgeizes«. Die Fahne, die sie sich um den Leib wickelt, um sie später einmal, wenn die Demokratie gesiegt haben würde, Karis spanischen Genossen auszuhändigen, ist das Dingsymbol dieser bei aller emotionalen Zurückhaltung verheißungsvollen Novelle, deren Lektüre einen mit Trauer wie Zuversicht erfüllt. In diesen sich verfinsternden Zeiten haben wir sie nötig wie ein Stück Brot.

Elisabeth Freundlich: Wir waren ja wahnsinnig, damals. Erzählung. Hrsg. und mit einem Nachwort von Andreas F. Kelletat. Persona Verlag, Mannheim 2022, 126 Seiten, 16 Euro

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