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Aus: Ausgabe vom 20.05.2022, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Der Schein trügt

Jetzt auch als Comic: Über die Aktualität von Aldous Huxleys Roman »Schöne neue Welt«
Von Marc Hieronimus
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»O wack’re neue Welt, die solche Bürger trägt« (Shakespeare)

Erzählungen werden kulturelles Allgemeingut, wenn sie ihrer Zeit etwas zu sagen haben. Von den unzähligen literarischen Dystopien des vergangenen Jahrhunderts werden zwei immer wieder genannt. Jetzt, da Krieg Frieden ist und (Meinungs-)Freiheit Sklaverei, wird die Aktualität des Romans von George Orwell überdeutlich: Zwiedenk, Neusprech, Kontrolle der Vergangenheit, (digitale) Überwachung und die omnipräsente Propaganda des vereinheitlichten Nachrichtenstroms müssen jeden, der es sehen will, an »1984« erinnern. Die Schmerz- und Sinnfreiheit des globalisierten Westens, die permanente Suche nach Zerstreuung hat Aldous Huxley einen Weltkrieg vor seinem Landsmann in »Brave New World« beschrieben.

»Schöne neue Welt« ist ein ­Shakespeare-Zitat aus »Der Sturm«. Die unschuldige, gewissermaßen als Wilde auf einer Insel aufgewachsene Miranda kennt nur ihren Vater und den Sklaven ­Caliban, als sie auf den italienischen Königssohn Ferdinand trifft und sich spontan in ihn verliebt. Beim Anblick weiterer Menschen in Akt 5, Szene 1 ruft sie : »O brave new world, / That has such people in't«, auf Deutsch »O wack're neue Welt, die solche Bürger trägt« (Schlegel) bzw. »die solche Leute hat« (Fried); gemeint ist also die europäische Zivilisation. Mirandas Vater Prospero weiß, wie durchtrieben und verkommen diese Menschen sind und antwortet nur lakonisch: »Dir sind sie neu.«

Der Schein trügt also, und das tut er auch bei Aldous Huxleys Klassiker. Auf den ersten Blick ist die Welt im Jahre 632 nach Ford eine durchweg verlockende: Alle Menschen sind mit ihrem Los zufrieden, weil sie genetisch und durch Schlafdrill darauf konditioniert sind. Sie sind jung, schön und gesund, Sex, Drogen und eine Art sanfter Rock ’n’ Roll immer zu haben. Freilich gibt es noch abgeriegelte Reservate, die ziemlich genau das Gegenteil darstellen. Die »Wilden« hier werden alt und krank, sie haben grausame Rituale, Religion und Literatur. John Savage, Sohn einer versehentlich im Reservat zurückgelassenen Schönweltbürgerin, darf ins Glitzerparadies, und bringt es nicht zum Wanken, sondern vielmehr sich selbst am Ende um.

»Schöne neue Welt« ist zur Floskel geworden, die immer dann verwendet wird, wenn Technologie und Gesellschaft mal wieder einen gewaltigen Fort-Schritt in die falsche Richtung gehen. Sie steht aber auch für das debile Sich-zu-Tode-Amüsieren (Neil Postman), den Verlust jeglicher Vorstellungskraft, jedes Gestaltungswillens – Hauptsache Fun, und Vergnügtsein heißt Einverstandensein (Horkheimer/Adorno). Bei so viel Zeitbezug ist es erstaunlich, mit welch geringem Erfolg das Buch bislang adaptiert wurde. Es gibt »Brave New World« nur als wenig kostenintensive Hörspiele, Theater- und Fernsehstücke. Die ästhetisch sehr ansprechende, als Flaggschiff gedachte Serienumsetzung von 2020 für den Streamingdienst Peacock wurde nach der ersten Staffel abgesetzt.

Nun gibt es die offenbar erste Comicadaptation. Der Umsetzer Fred Fordham – ein Name wie von Huxley ersonnen – hat sehr solide Arbeit geleistet. Die Zerrissenheit der wenigen zu starken Gefühlen fähigen Protagonisten, die technische Glätte, die zugedröhnte Geilheit, das Barbarische der ausgegrenzten Wilden kommt nicht zuletzt farblich sehr gut zum Ausdruck, ohne die Leserin visuell zu überfallen. Angesichts der Bedeutung der Romanvorlage wünschte man sich allerdings einen Anhang zur Einordnung.

Huxley selbst äußerte sich im Rückblick nämlich sehr kritisch über sein Werk. Sollte er das Buch neu schreiben, heißt es in seinem knapp dreißig Jahre später erschienenen Essay »Brave New World Revisited«, würde er dem Wilden John als dritte Alternative einen dezentralen Staat bieten, der nach den Vorstellungen Pjotr Kropotkins und Henry Georges gestaltet wäre. Der Mensch müsste sich nicht Wissenschaft und Technik unterwerfen, vielmehr stünden sie in seinem Dienste. Die Menschheit würde nach dem Sinn ihrer Existenz fragen statt nach dem neusten Fühlfilm und anderen Amüsements. Im übrigen zeigte er sich 1958 erstaunt, wie schnell sich die Welt in Richtung seiner Vorhersage entwickelt.

Fred Fordham, Aldous Huxley: Schöne neue Welt. Aus dem Englischen von Anu Katariina Lindemann. Knesebeck-Verlag, München 2022, 234 Seiten, 28 Euro

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