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Aus: Ausgabe vom 20.05.2022, Seite 5 / Inland
Sozialer Abstieg

Trostpflaster für Arme

Studie: Krisenfolgen treffen Geringverdiener und Rentner weiterhin überproportional stark. Linke fordert Energie- und Mobilitätsgeld
Von Oliver Rast
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Einkäufe von Ruheständlern werden immer karger (Magdeburg, 13.9.2016)

Folgenlos bleiben Krisen nie, vor allem nicht für Geringverdiener und von Altersarmut Betroffene. Einen weiteren Beleg dafür lieferte am Donnerstag das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung in seinem aktuellen Inflationsmonitor. Die Kerndiagnose wenig überraschend: Familien mit niedrigem Einkommen sind am stärksten von der Teuerungswelle betroffen, Singlehaushalte mit hohem Entgelt am wenigsten, schreiben die IMK-Studienautoren Sebastian Dullien und Silke Tober. Konkret: »Gemessen an den für diese Haushaltstypen repräsentativen Warenkörben sind die Preise im April 2022 um 8,0 Prozent bzw. 6,2 Prozent gestiegen, während der Wert über alle Haushalte hinweg bei 7,4 Prozent lag.«

Und die Gegenmittel? Die Entlastungspakete der Bundesregierung hätten nach IMK-Analyse eine soziale Komponente, lindern indes nur die krisenbedingten Einbußen für »Erwerbs­tätigenhaushalte mit niedrigen bis mittleren Einkommen und insbesondere Familien«, so das Autorenduo. Schwächer falle die »Entlastungswirkung« bei Alleinerziehenden und Familien aus, in denen nur ein Elternteil erwerbstätig ist.

Gravierend ist die soziale Lage bei Ruheständlern mit kleiner Rente. Deren Belastung durch horrend gestiegene Energie- und Nahrungsmittelpreise war bereits im Viermonatszeitraum von Januar bis April mehr als dreimal so hoch wie die für das Gesamtjahr vorgesehene Entlastung (151 Euro gegenüber 46 Euro), weisen die Forschenden nach. »Hier muss nachgesteuert werden, um soziale Härten und eine weitere Spreizung der sozialen Schere zu verhindern«, fordern Dullien und Tober. Ferner: »Je nach Verlauf der Pandemie und des ­Ukraine-Krieges muss zudem insgesamt bei der Unterstützung von Haushalten mit geringem Einkommen nachgelegt werden.«

Das scheint bereits jetzt dringend geboten. Die Verbraucherpreise sind für alle Haushalte im April so stark wie seit rund 40 Jahren nicht mehr in die Höhe geschnellt. Dabei seien die Unterschiede je nach Haushaltskonstellation und Einkommen erheblich, zeigt der IMK-Inflationsmonitor.

Neben Deklassierten und Rentnern trifft das Armutsrisiko Kinder, deren Situation durch die Krise nochmals zusätzlich verschärft werde, erklärte Susanne Ferschl, stellvertretende Fraktionsvorsitzende sowie Leiterin des Arbeitskreises Arbeit, Soziales, Gesundheit und Familie der Bundestagsfraktion von Die Linke, am Donnerstag gegenüber jW. »Statt einmaliger Trostpflaster, wie sie die Bundesregierung in ihrem Hilfspaket verteilt hat, sind dauerhaft höhere und ehrlich berechnete Regelsätze für Grundsicherungsbeziehende, eine staatliche Regulierung der Energiepreise statt ministerialer Energiespartipps und ein Sofortprogramm gegen Kinderarmut samt Kindergrundsicherung nötig.« Darüber hinaus würden mit einem monatlichen Energiegeld und mit der Überführung der Entfernungspauschale in ein einkommensunabhängiges Mobilitätsgeld gezielt Familien mit geringem Einkommen entlastet.

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