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Aus: Ausgabe vom 17.05.2022, Seite 5 / Inland
Lebensmittelindustrie

Saustall in Aufruhr

Sinkender Preis für Schlachtschweine bringt Höfe in Not. »Weckruf« an Bundeslandwirtschaftsminister
Von Oliver Rast
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Futter, Energie, alles verteuert sich; nur der Preis des Vorprodukts für Schnitzel nicht (Bergen, 13.4.2022)

Die Nerven liegen blank, sind bis zum Zerreißen angespannt. Und dann auch das noch: Der deutsch-niederländische Fleischwarenkonzern Vion hatte am vergangenen Freitag einen Brief an seine Lieferanten von Schlachtschweinen verschickt, der jW vorliegt. Darin kündigen die Einkaufschefs der Vion-Standorte in Crailsheim, Landshut und Vilshofen an, ab Montag für ein Kilogramm Schlachtschwein statt 1,80 Euro nur noch ein 1,60 Euro zahlen zu wollen. Bereits Tage zuvor war der Preis um 15 Cent auf 1,80 Euro je Kilogramm Schwein gerutscht.

Die Reaktion kam prompt. »Ich bin geschockt und habe Angst!« schrieb Agrarblogger Bernhard Barkmann am Freitag auf seinem Twitter-Account. Falls die nochmalige Preissenkung wahr würde, »implodiert die Schweinehaltung in Deutschland«, betonte der kleinbäuerliche Massentierhalter aus dem Emsland am Montag gegenüber jW. Ähnlich alarmiert äußerte sich der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) gleichentags in einem Statement. Deren Präsident Hubertus Beringmeier bezeichnete das Vion-Vorgehen als »unverantwortlich und unverschämt« gegenüber Ferkelzüchtern und Schweinemästern. Ein Preis von 1,60 Euro/Kilogramm treibe angesichts steigender Kosten für Energie und Futter »Bauern in den Ruin«.

Nur, wer bestimmt die Preispolitik? Die Vereinigung der Erzeugergemeinschaften Vieh und Fleisch (VEZG). Im Wochentakt, immer mittwochs, veröffentlicht die VEZG ihre Preis­empfehlung zum Schlachtschweine- und Ferkelmarkt. Diese gilt als eine Art Mindesteinkaufspreis für Schlachtereien. Der aber sanktionslos unterlaufen werden kann – wie im Falle der Vion-Ankündigung.

Umgesetzt wurde sie indes nicht, der Proteststurm der Erzeuger wirkte. Nach kurzem Verwirrspiel lenkte Vion ein, distanzierte sich vom Rundbrief an die Schweinehalter – und behauptete, dieser sei nicht mit der Geschäftsführung des Unternehmens abgesprochen gewesen. Kein Hauspreis also, Vion werde nicht vom VZEG-Preis abrücken, erklärte der Fleischkonzern am Sonnabend. Eine Rolle für die Rolle rückwärts mag ferner die Zusage der Konkurrenten Tönnies und Westfleisch gespielt haben, beim Ankaufspreis von 1,80 Euro zu bleiben.

Und es liegt weiterer Stunk in der Luft. Bereits am Montag voriger Woche hatte der Arbeitskreis Sauenhalter Norddeutschland (AKS) einen »Weckruf« an Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) gerichtet. In dem Appell fordern Sauenhalter aus den Landesbauernverbänden Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Westfalen-Lippe und Rheinland seitens des Ministers »ein Gesamtpaket – mit einer Haltungs- und Herkunftskennzeichnung, einer Finanzierung der Tierwohlmaßnahmen auf den Betrieben und mit einer Anpassung des Bau- und Immissionsschutzrechts«. Und die Zeit drängt. Seit zwei Jahren – von einem kurzen Aufschwung abgesehen – hätten Sauenhalter versucht, »die Verluste zu kompensieren«. Wegen der tiefroten Zahlen ging zahlreichen Schweinezüchtern »mittlerweile die Luft aus. Viele Betriebe fahren im Moment vor die Wand«, heißt es im »Weckruf«-Papier des AKS.

Das weiß auch Heike Müller. Die Landwirtin und Vizepräsidentin des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern beklagte am Montag gegenüber jW das zögerliche Handeln verantwortlicher Landwirtschaftspolitiker. »Unser Eindruck ist, dass sie den Abbau der Schweinebestände billigend in Kauf nehmen.« Eine Situation, die so nicht mehr weitergehen könne, schon gar nicht über Jahre hinweg. Deshalb brauche es einen Krisengipfel, forderte Agrarblogger Barkmann. Zuständige Bundes- und Landesminister, Vertreter von Bauernverbänden, von Schlachtereien, aus dem Handel und Verbraucherschützer müssten an einen Tisch. Barkmann: »Schnell!«

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