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Aus: Ausgabe vom 14.05.2022, Seite 4 (Beilage) / Feuilleton
ABC-Waffen

So viel Glück

Von Katharina Bendixen
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Ich sah den Unfall auf dem Nachhauseweg. Im Wald hatte Mio mir noch von Ben erzählt, der ihn heute angeblich wieder gebissen hatte. Wirklich?, fragte ich. Ben hat dich schon wieder gebissen? Ich glaubte ihm kein Wort. Es ging mir eher darum, dass er in seinem Fahrradsitz nicht einschlief. Seine Erzieherin hatte gesagt, dass er wieder in der Wachgruppe gewesen war, und wenn er jetzt wegnicken und ich ihn gleich im Hof wecken würde, hätte er den Rest des Nachmittags schlechte Laune, würde Schubladen aufreißen, unser Bücherregal hochklettern oder mit seinem Spielzeug nach Ralf werfen, und ich müsste schneller sein, als es mir nach acht Stunden im Projektraum möglich war, und durfte vor allem nicht schimpfen, denn Schimpfen machte die Sache noch schlimmer. Lieber hielt ich Mio wach, indem ich meine kleinen Nachfragen stellte, in diesem munteren Ton, in dem die meisten Eltern mit ihren Kindern sprachen und der mir immer falsch vorkam, aber wenn ich mit Mio wie mit einem Erwachsenen sprach, dann kam mir das genauso falsch vor: Und dann? Hat das Spaß gemacht? Wie fandest du das? Um diese Fragen zu stellen, musste ich ihm nicht einmal richtig zuhören, ich konnte gleichzeitig in Gedanken den Antrag für das Septemberprogramm durchgehen. Vielleicht sollte ich in die Projektskizze noch zwei oder drei Archivfilme aufnehmen, sie genehmigten gern möglichst wenig Geld für möglichst viele Vorführungen.

Eigentlich sah ich den Unfall gar nicht. Mio und ich hatten gerade den Wald verlassen und fuhren auf die Kreuzung mit dem Supermarkt und dem syrischen Bistro zu, da hörte ich den Knall und danach einen Schrei, und ich bremste so abrupt, dass mir fast das Vorderrad wegrutschte. Auf der Straße lag ein Fahrrad, darunter eine andere Mutter, die Lehne des Kindersitzes hinter ihr war zerbrochen. Das Kind darin war still, es war deutlich jünger als Mio, anderthalb vielleicht oder zwei. »Wer kann Pappröhren mitbringen?« hatte ich noch vor einer Viertelstunde an der Wandzeitung im Kindergarten gelesen, »Länger als Küchenrolle!!!« Natürlich mussten die Röhren länger als Küchenrollen sein, alles andere wäre zu einfach gewesen. Der Fahrer des Wagens, der halb auf und halb vor dem Fahrrad zum Stehen gekommen war, umklammerte das Lenkrad, eine Ampel schaltete auf Rot, eine andere Ampel schaltete auf Grün, und da war kein Blut auf der Straße, auch das Fahrrad schien unversehrt, nur der Kindersitz war kaputt. Schon schob sich die andere Mutter unter ihrem Fahrrad hervor, sie schüttelte sich, als könnte sie auf diese Weise das Geschehene loswerden, dann kniete sie sich neben ihr Kind und befreite es aus seinem Sitz, setzte es auf die Straße und nahm ihm den Helm ab, untersuchte seinen Kopf, bewegte seine Arme und Beine. Es war eines dieser Kinder in selbstgenähten Pumphosen und teurer, unpraktischer Jacke, und erst als sie es an sich drückte, fing es an zu weinen.

Ich wollte wieder aufsteigen, aus dem Supermarkt kamen Leute, die ihre Einkäufe bereits erledigt, die sämtliche Pflichten des Tages bereits hinter sich gebracht hatten und die vor allem ohne Kinder unterwegs waren, vielleicht waren sie sogar froh über die Abwechslung, kann ich Ihnen helfen, das gibt’s ja nicht, ist Ihnen wirklich nichts passiert, aber die andere Mutter rief nach mir: Entschuldigung? Warten Sie mal!

Alles in Ordnung?, rief ich zurück. Kann ich Ihnen helfen?

Sie haben doch alles gesehen, Sie müssen hierbleiben. Sie zeigte auf den Baum vor dem Bistro, dessen Besitzer gerade die Tür abschloss, vielleicht stellen Sie Ihr Fahrrad im Schatten ab, dort wird ihr Sohn bestimmt nicht wach.

Erst jetzt fiel mir auf, dass es hinter mir verdächtig still geworden war. Nach dem Knall hatte ich aufgehört, Mio meine kleinen, falschen Fragen zu stellen, und als ich mich umdrehte, sah ich, dass ihm tatsächlich die Augen zugefallen waren. Ich wollte an ihm rütteln, bevor er vollends in Tiefschlaf versank, aber das käme der anderen Mutter sicher seltsam vor. Leise redete sie auf ihr Kind ein, ihr kam dieser Tonfall ganz selbstverständlich von den Lippen.

Wenn es Ihnen gut geht, würde ich lieber nach Hause, sagte ich. Ich habe sowieso nichts gesehen.

Inzwischen war auch der Autofahrer ausgestiegen. Er war groß und schlank und sicher über siebzig, und er bewegte sich so langsam auf uns zu, als wäre er in Wirklichkeit derjenige, der gerade angefahren worden war.

Die Sonne hat mich geblendet, ich habe Sie überhaupt nicht gesehen, sagte er. Sie wissen gar nicht, wie leid mir das tut. Ist alles in Ordnung?

Überhaupt nichts ist in Ordnung!

Die Ampel stand aber auf Rot, sagte er leise.

Stand sie nicht, sagte die andere Mutter.

Und Sie sind auf der falschen Seite gefahren.

Und deswegen fahren Sie mich um?

Es tut mir wirklich leid, sagte der Autofahrer. Am besten rufen wir die Polizei.

Das sollten Sie unbedingt tun, ich hielt den Lenker meines Fahrrads immer noch in der Hand, ich musste so schnell wie möglich weiter und Mio wecken, je länger er schlief, um so schlechter wäre seine Laune, ich konnte das heute nicht schon wieder aushalten, konnte nicht schon wieder schlichten, mich nicht schon wieder zwischen ihn und Ralf stellen, nicht schon wieder Ralfs schlechte Laune von ihm fernhalten, konnte nicht schon wieder mit meiner sanften Stimme sprechen und gleichzeitig die Formulierungen im Kopf behalten, die ich unbedingt in die Projektskizze aufnehmen musste, dieser Film könnte den intergenerationalen Dialog im Stadtviertel vertiefen, jener Film wirft interkulturelle Fragestellungen auf, tut mir sehr leid, aber ich muss wirklich nach Hause.

Sie sind die einzige Zeugin, sagte der Autofahrer.

Ich habe wirklich nichts gesehen.

Kommt ihr aus dem Kindergarten?, sagte die andere Mutter. Bestimmt hast du dir euren Nachmittag anders vorgestellt.

Es irritierte mich, wie geschickt sie zum Du wechselte, und fast noch mehr irritierte mich, dass das Du seine Wirkung nicht verfehlte, sie brauchte nur noch ein Stück an mich heranzutreten, und ich schob mein Fahrrad tatsächlich in den Schattenfleck, den sie mir gezeigt hatte. Sie war mir plötzlich sehr nahe, fast näher als Mio, und im nächsten Moment fand ich mich in einem dieser Gespräche wieder, die ich in unzähligen Varianten seit knapp vier Jahren führte und die so trocken waren wie die Blätter, die in wenigen Wochen von den Bäumen fallen würden, trockener noch als das Brot vom Heidebäcker, das mir im Gegensatz zu Ralf überhaupt nicht schmeckte, ich wusste genau, worauf dieses Gespräch hinauslaufen würde, und da war sie auch schon, die Frage, wenn ihr um diese Zeit aus dem Wald kommt, seid ihr bestimmt im Käferhaus, das soll ein toller Kindergarten sein, dort versuchen wir auch unterzukommen, wie habt ihr das geschafft? Ich zuckte zusammen, als hinter uns die Rollläden des Bistros herunterfielen. Es war laut wie Schüsse, und Mio schlief weiter.

Letztes Jahr ist mir das auch fast passiert, sagte ich. Eigentlich wollte ich mir danach einen Helm kaufen, aber dann habe ich es aus den Augen verloren.

Man hat immer etwas zu tun, oder?

Ich habe wirklich nichts gesehen, sagte ich.

Aber du warst dabei, als der Typ zugegeben hat, dass die Sonne ihn geblendet hat, sagte die andere Mutter. Wenn der nichts mehr sieht, dann muss er seinen Führerschein eben abgeben. Es kann doch nicht sein, dass er rumfährt und Mütter umnietet. Ich bin jedenfalls froh, dass du noch bleibst. Dein Sohn schläft ja auch gerade so schön.

Auch als der Streifenwagen eintraf, schlief Mio noch. Der Autofahrer hatte ein Stück entfernt von uns gewartet, ich war mir nicht sicher, ob er das Gespräch zwischen der anderen Mutter und mir gehört hatte, ob er vielleicht sogar dachte, dass wir uns kannten, und im Grunde kannten wir uns ja auch, ich hätte die andere Mutter sein können, die andere Mutter hätte ich sein können, nur dass sie Pumphosen nähte und wahrscheinlich höchstens halbtags arbeitete. Aus dem Streifenwagen stiegen ein Polizist und eine Polizistin, der Polizist fing sofort an zu fotografieren, die Polizistin zückte ein Klemmbrett und befragte erst den Autofahrer und anschließend die andere Mutter, es war wie in diesem Youtube-Clip, den Mio lieber als den Sandmann sah, Polizeiunfall!, rief er jeden Abend voller Begeisterung, bitte Polizeiunfall!, vielleicht sollte ich ihn jetzt wecken, vielleicht durfte er sich kurz in den Streifenwagen setzen, das könnte den Nachmittag eventuell retten. Ich musste an den Bechdel-Test denken, direkt neben mir redeten zwei Frauen miteinander, und zwar nicht über einen Mann, wenn Alison Bechdel Kinder hätte, hätte sie den Bechdel-Test anders formuliert, die zwei Frauen durften miteinander auch nicht über Fremdbetreuung und Rabattaktionen und die Konsistenz von Ausscheidungen reden, aber was blieb da noch übrig, nur Filme und Bücher, von denen neunzig Prozent den Bechdel-Test nicht bestanden, und das Wetter und Unfälle vielleicht. Vor dem Supermarkt hielt der Bus. Dort war mir während der Elternzeit mein Portemonnaie geklaut worden, und Ralf hatte sich über meine Entrüstung amüsiert, darüber, dass ich ein Baby im Tragetuch für einen Schutz vor Taschendieben hielt.

Sie sind also die Zeugin, jetzt kam die Polizistin auf mich zu, stand die Ampel wirklich auf Rot?

Ihre Fragestellung erschien mir ziemlich suggestiv, und ich sagte: Ich habe eigentlich gar nichts gesehen.

Was heißt »eigentlich«?

Ich bin mit meinem Sohn unterwegs, sagte ich, er schläft dort im Schatten, schon wieder wollte ich mit ihm irgend etwas erklären. Tatsächlich war mir Mio gerade erst wieder eingefallen, ich hatte so lange nicht nach ihm gesehen, dass, wenn ihn jemand mitgenommen hätte, er längst über alle Berge wäre, und das wäre nicht mal schlimm, denn die Polizei war schon vor Ort, ich könnte Mios Verschwinden sofort zur Anzeige bringen, und bei dieser Gelegenheit würde ich endlich erfahren, ob die Einsatzkräfte ihren Auftrag immer erst beendeten, ehe sie einen neuen begannen, das wollte Mio seit ein paar Wochen fast täglich von mir wissen, wenn die Feuerwehr auf dem Weg zum Feuer ein anderes Feuer sieht, fragte er gleich nach dem Aufstehen, löscht sie das dann, oder fährt sie vorher zu dem ersten Feuer? Aus der Apotheke kamen zwei lachende Jungen, worüber lachten sie, was machten sie überhaupt in der Apotheke, eines Tages würde auch Mio mit seinen Freunden im Viertel unterwegs sein, Ralf sagte, wir müssen diese Zeit genießen, in ein paar Jahren werden wir uns danach sehnen.

Und Sie haben wirklich gar nichts gesehen?, fragte die Polizistin.

Doch, hörte ich mich sagen, ich sprach sehr leise, dass die Ampel auf Rot stand, das habe ich gesehen.

Die andere Mutter schien meine Aussage nicht gehört zu haben, sie winkte mir zum Abschied, und ich schob mein Fahrrad auf dem Bürgersteig, jetzt zitterte ich doch. Vor dem Spielzeugladen schwebten Seifenblasen, zwei Kinder sprangen in die Luft, sie lachten, wenn sie eine Blase zum Platzen brachten, und rannten denen, die sie nicht erwischten, hinterher, und trotz ihrer Ausgelassenheit kamen sie doch immer an der Bordsteinkante zum Stehen. Als wir an ihnen vorübergingen, schreckte Mio hoch.

Schau mal, Mama!, rief er. Seifenblasen!

Ich zog mein Handy heraus, Mio hatte über eine Stunde geschlafen, und Ralf hatte mir in dieser Stunde vier Nachrichten geschickt, wo wir blieben, ob wir auf dem Spielplatz seien, ob er auch auf den Spielplatz kommen solle, ob er die Pizza schon in den Ofen schieben könne. Mit einer Hand hielt ich das Fahrrad, mit der anderen Hand tippte ich hastig, dass wir in einen Unfall geraten seien, aber gleich eintreffen würden, eine Sekunde später rief Ralf an, ich steckte mein Handy weg, meine Nachricht war eindeutig, wenn wir gleich zu Hause wären, konnte uns ja nichts passiert sein, wir mussten jetzt wirklich nicht telefonieren. Mio wollte wissen, ob wir noch Seifenblasen zu Hause hatten, und Ralf hatte neulich von mir wissen wollen, warum ich in letzter Zeit alles wie auf Autopilot erledigte, Vesperdose, Arbeit, Kindergarten, Bett, warum ich nur noch darauf wartete, dass Mio endlich schlief, aber bitte nur in den Zeiten, die ich dafür vorgesehen hatte. Dass in dem Kästchen im Flur eine angefangene Flasche Seifenblasen war, das wusste ich, alles andere wusste ich nicht, ich war ja nicht einmal alleinerziehend, ich war gesund und gut genug gebildet, um zu wissen, dass das alles überhaupt nicht an mir lag, aber was half mir das, wenn ich nicht aufhören konnte, um etwas zu kämpfen, was für mich nicht vorgesehen war.

Nach dem langen Schläfchen hatte Mio nun doch gute Laune, er hüpfte in seinem Sitz herum und erzählte mir wieder von Ben, mit dem er, obwohl er von ihm gebissen worden war, später einen Laubhaufen für die Igel aufgeschichtet hatte, und auch Ben war in der Wachgruppe gewesen. Heute abend würde Mio frühestens um zehn Uhr einschlafen, vielleicht auch erst um elf Uhr. Wir würden ihn trotzdem um neun Uhr in sein Bettchen legen, in der absurden Hoffnung, dass ihm die Augen doch schon eher zufielen und wir noch etwas von diesem Abend hätten. Unser Kind schläft allein ein, unser Kind besteht darauf, dass wir drinbleiben, der Kleine schläft durch, aber die Große kriecht immer noch jede zweite Nacht in unser Bett, das alles war nicht der Rede wert, in ein paar Jahren würde ich mich danach sehnen, von neun bis elf neben Mios Bett zu liegen und seine kleine Hand zu halten, und statt dessen würde ich mit einem Buch in der Hand auf der Couch sitzen und bei jedem Geräusch im Treppenhaus hoffen, dass es sich um Mios Schritte handelte, dass Mio gleich den Schlüssel im Türschloss drehte und sich dann in sein Bett legte, und es wäre mir egal, ob er sich vorher seine Zähne putzte, er sollte nur endlich in der Wohnung sein. Aber wen interessierte das schon, bei diesem quasidokumentarischen Film über drei junge Elternpaare und die verschiedenen Konstellationen, in denen sie lebten, Kleinfamilie, Großfamilie, Hausprojekt, hatte meine Kollegin nur abgewinkt, klar, in Berlin oder Köln läuft der vielleicht, aber hier, bei uns, wer soll denn da kommen, die Eltern etwa? Die können abends doch gar nicht von zu Hause weg.

Ralf wartete im Hof.

Was ist passiert?, rief er. Ist alles in Ordnung?

Er wollte Mio aus seinem Sitz heben, aber der fing sofort an, um sich zu schlagen, und schrie dabei: Mama! Mama! Das darf nur Mama!

Gleich, mein Süßer, sagte ich.

Aus dem Augenwinkel hatte ich etwas wahrgenommen, ich ging zur Papiermülltonne und schlug den Deckel nach hinten, jemand aus dem Haus musste neue Rolläden bekommen haben oder Schienen für die Eisenbahn oder was auch immer in langen Pappröhren geliefert wurde, die Ampel stand auf Rot, warum hatte ich das zu der Polizistin gesagt, warum beneidete ich die andere Mutter um die Art, wie sie mit ihrem Kind sprach, warum war ich der Meinung, etwas durchschaut zu haben, was ihr verborgen war? Die Papiermülltonne roch trocken, wie Herbstlaub, wie Brot, Mio schrie immer noch nach mir, Ralf sagte, dass er wieder nach oben müsse, zur Pizza, du machst das gut, sagte er immer, aber alle beobachten mich, sagte ich, das ist Unsinn, sagte er, du bist die einzige, die dich beobachtet. Ich berührte die Röhren, es waren vier Stück, allesamt zwei Meter lang, so viel Glück hatte ich schon lange nicht mehr gehabt. Vielleicht sollte ich in die Projektskizze noch zwei oder drei Publikumsgespräche aufnehmen, die letzte Förderung hatten wir auch für Publikumsgespräche bekommen, obwohl diese Gespräche meist schnell endeten, weil niemand eine Frage hatte oder sich niemand traute, eine Frage zu stellen. Vielleicht sollten wir, wenn wir die Förderung tatsächlich bekämen, länger warten, sollten die Zuschauer erst gehen lassen, wenn jeder etwas gesagt hatte, am besten schrieb ich in die Projektskizze, dass wir die Tür abschließen würden, dass bei uns die Zuschauer an den Sitzen festgebunden wurden, es war wichtig, miteinander zu reden, und am Montag würde nicht Ralf, sondern ich Mio in den Kindergarten bringen, ich würde die Pappröhren wie Schwerter die Treppen nach oben tragen und erst an Mios Erzieherin übergeben, wenn möglichst viele andere Mütter in der Garderobe waren. Kannst du deine Jacke bitte aufhängen, hier sind deine Hausschuhe, wieso ziehst du nicht endlich deine Hausschuhe an, und wenn Mio am Morgen kooperativ gewesen wäre, und ich danach noch genügend Zeit hätte, würde ich zur Polizei gehen und meine Aussage widerrufen, ich war so müde, würde ich sagen, so erschöpft, dass ich mich geirrt habe, kennen Sie das, sind Sie auch manchmal erschöpft? Eine nach der anderen hob ich die Röhren aus der Papiermülltonne, mir traten die Tränen in die Augen, so wunderbar glatt waren sie.

Katharina Bendixen, geboren 1981 in Leipzig, studierte Buchwissenschaft und Hispanistik in Leipzig und Alicante und lebt als freie Autorin mit ihrer Familie in Leipzig. Sie schreibt Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Zuletzt erschienen der Erzählband »Mein weißer Fuchs« (poetenladen, 2019) und das Jugendbuch »Taras Augen« (mixtvision, 2022). An dieser Stelle veröffentlichte sie zuletzt die Erzählung »Was Cara weiß«

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