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Aus: Ausgabe vom 14.05.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Wo jetzt noch Städte stehn

Von der Motor City nach Bochum: Der Dokumentarfilm »We Are All Detroit«
Von Holger Römers
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»Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein. Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden«, Andreas Gryphius, »Es ist alles eitel«

Der Filmtitel klingt wie ein Menetekel: »We Are All Detroit« handelt vom industriellen Niedergang, für den die einstige Motor City weltweit zum Synonym geworden ist. Dabei nehmen Ulrike Franke und Michael Loeken den Abriss des im Dezember 2014 geschlossenen Bochumer Opel-Werks zum Anlass, einen Bezug zur gegenwärtigen Lage der US-Metropole herzustellen, in der General Motors, der langjährige Mutterkonzern des deutschen Automobilherstellers, seinen Stammsitz hat.

Indem sie gleich zu Beginn deutsche und US-amerikanische Gesprächspartner nacheinander die Verszeilen eines Sonetts von Andreas Gryphius vorlesen lassen, werfen die beiden Dokumentarfilmer die Frage auf, ob der abgebildete wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel jenem Gesetz irdischer Vergänglichkeit folgt, das der Barockdichter einst lyrisch beschwor: »Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden. / Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein: / Wo jetzt noch Städte stehn, wird eine Wiese sein / Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.«

Im Laufe von zwei Stunden lernen wir ein knappes Dutzend Detroiter kennen, deren hemdsärmelige Unverwüstlichkeit die barocke Weltverneinung der Dichterworte vordergründig widerlegt: Da ist zum Beispiel der kauzige Betreiber einer Eisenwarenhandlung, die sich seit 99 Jahren in Familienbesitz befindet. Oder die resolute Kellnerin eines Imbissrestaurants, das sich in vergangenen Jahrzehnten täglich mit den Arbeitermassen der damals noch umliegenden Autofabriken füllte.

Auf dieser Seite des Atlantiks wiederum tritt ein Ehepaar auf, das vorm einstigen Opel-Werkstor eine florierende Kneipe betrieb, sowie ein Architekturprofessor, der Fabrikhallen so erhaltenswert findet wie Athener Tempel. Allerdings fällt auf, dass die Kölner Filme­macher während der sechsjährigen Drehzeit in Bochum offenbar weniger enge Kontakte knüpfen mochten als in Detroit. Während sich die Eindrücke aus beiden Städten abwechseln, bleibt der Blick, den der Film auf den fortschreitenden Abriss des Opel-Werkes wirft, distanziert-impressionistisch.

Indem sie früh ein paar Sätze aus einem beiläufig eingefangenen Tagungsreferat einstreuen, schaffen Franke und Loeken einen fruchtbaren Interpretationsrahmen für die in ihrem neunten gemeinsamen Langfilm abgebildete Entwicklung: Laut Vortrag ist die Misere Detroits schlichter Ausdruck eines erfolgreichen Kapitalismus. Die verantwortlichen Konzerne haben es geschafft, Riesengewinne einzustreichen, um dann das Aufräumen der hinterlassenen urbanen und sozialen Verheerungen anderen aufzubürden. So liegt die ironische Lehre, die dieser Film bereithält, denn auch in der Erkenntnis, dass Bochums nahe Zukunft sich immerhin deshalb von De­troits jüngerer Vergangenheit unterscheiden wird, weil hierzulande früh und umfangreich staatliche Fördermillionen an private Projektentwickler fließen.

So begleitet der Film den Bau eines DHL-Logistikzentrums, dessen 600 Arbeitsplätze vom (damaligen) NRW-Ministerpräsidenten Laschet prompt für »zukunftssicher« erklärt werden. Um so dankenswerter ist freilich, dass Loeken einmal seine sonstige Diskretion aufgibt und einen DHL-Sprecher mit einer Frage aus dem Off zu dem Eingeständnis bewegt, dass seine Branche längst die volle Automatisierung der entsprechenden Prozesse betreibe.

Gleichzeitig bietet der Film Beispiele dafür, dass in der größten Stadt Michigans rührende urbane Landwirtschaft und braves Kleinunternehmertum zwischen Industriebrachen und »Crack Houses« vereinzelt ebenso gedeihen wie – zumindest partiell und phasenweise – Hipstergentrifizierung und Bauspekulation. Trotzdem bleibt kein Zweifel, dass sich in Detroit gewiss reichlich Gelegenheit fände, die schmissige Botschaft eines Werbeplakates so drastisch mit unmittelbar daneben existierendem Straßenelend zu kontrastieren, wie Franke und Loeken es nur einmal in der klassischen Manier sozialdokumentarischer FSA-Fotografie der späten 1930er tun.

»We Are All Detroit – Vom Bleiben und Verschwinden«, Regie: Ulrike Franke, Michael Loeken, BRD 2021, 118 Min., bereits angelaufen

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