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Aus: Ausgabe vom 12.05.2022, Seite 7 / Ausland
Krieg in der Ukraine

Gefangene offenbar kastriert

Hodenamputation an Soldaten: Ukrainische Hetze gegen Russen zeigt Wirkung. Weitere Grausamkeiten wahrscheinlich
Von Reinhard Lauterbach
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Ein russischer Soldat wird von der ukrainischen Armee in einem örtlichen Krankenhaus in Charkiw, Ukraine, festgehalten

Die Sache ging Mitte März durch den ukrainischen und russischen Blätterwald. Im nationalen Infosender Ukraina-24 hatte der Arzt und Leiter des Projekts »Mobiles Lazarett«, Gennadij Drusenko, mitgeteilt, er habe seine nachgeordneten Militärärzte angewiesen, russische Kriegsgefangene, die ihnen auf den OP-Tisch gerieten, bei der Gelegenheit gleich zu kastrieren. Früher, so Drusenko, sei er ein großer Humanist gewesen und habe den Standpunkt vertreten, Verwundete seien keine Feinde mehr, sondern Patienten – aber dieser habe sich mit dem ukrainisch-russischen Krieg verändert. Heute betrachte er die Russen nicht mehr als Menschen, sondern als Küchenschaben, und er wolle dazu beitragen, dass möglichst viele von ihnen auf ukrainischem Boden »krepierten, wie die Deutschen bei Stalingrad«.

Die Aussage stand nicht allein da, auch wenn sich Drusenko wenige Tage später davon halbherzig distanzierte und sagte, er habe sich von seinen Emotionen hinreißen lassen. In seinem Projekt sei niemand kastriert worden und werde auch künftig niemand so behandelt. Kurz zuvor aber hatte auf demselben Sender ein Moderator namens Fahruddin Scharafmal ein Porträt von Adolf Eichmann in voller SS-Uniform eingeblendet und erklärt, wenn Russland die Ukrainer als Nazis bezeichne, dann verdienten sie es nicht anders, als auf nazistische Weise behandelt zu werden: Insbesondere habe Eichmann auf die Notwendigkeit hingewiesen, Kinder einer Nation zu töten, um diese am Überleben zu hindern. Er, so Scharafmal, sei persönlich bereit, hieran mitzuwirken.

Es sah nach dem – vielleicht auf Anweisung von oben nachgeschobenen – Dementi Drusenkos so aus, als seien diese Aufrufe eine widerliche Momentaufnahme des Hasses in Kriegszeiten, aber doch im Kern folgenlos geblieben. Aber es ist vermutlich schlimmer. Zu den von Drusenko erst geforderten und dann abgestrittenen Kastrationen ist es vermutlich tatsächlich gekommen. Darauf deutet eine Nachricht aus dem Donbass an eine in Deutschland lebende Ukrainerin hin, die jW in Kopie vorliegt.

Autorin ist eine in Donezk tätige Ärztin – der Name ist der Redaktion bekannt, die Übermittlerin der Nachricht eine seriöse Person. Diese Ärztin schrieb Anfang dieser Woche, sie sei völlig schockiert, weil sie entsprechende Nachrichten bisher immer für Greuelpropaganda gehalten habe. Doch der Sohn ihrer Kollegin sei jetzt nach einem Gefangenenaustausch nach Donezk zurückgekehrt – nachdem ihm in der Gefangenschaft die Hoden amputiert worden seien. Der private und nicht zur Veröffentlichung vorgesehene Kontext der Aussage verleiht ihr weitere Glaubwürdigkeit.

Kastrationsdrohungen von ukrainischer Seite haben ausgetauschte russische Gefangene nach ihrer Befreiung auch an anderer Stelle bezeugt. Ebenso wie ständige Schläge auf Wunden und Todesdrohungen, »um mit ihnen weiter keinen Ärger zu haben«. Ebenfalls im März wurden Videos bekannt, die zeigten, wie ukrainische Spezialkräfte russischen Gefangenen bewusst in die Beine schossen. Sie waren so eindeutig, dass sogar die Kiewer Präsidialkanzlei Ermittlungen ankündigte. Von dieser war aber seitdem nichts mehr zu hören. Auch auf russischer Seite wurden Ermittlungen gegen ukrainische Hetzer wie Drusenko und Scharafmal eingeleitet, wenn auch mit wenig Aussichten auf Erfolg.

Anfang April ging ein weiteres Video um die Welt, in dem Russen, die während des Rückzugs aus dem Gebiet Kiew von ihren Kameraden verwundet zurückgelassen wurden, von ukrainischen Soldaten gezielt erschossen wurden. Auch die US-Tageszeitung New York Times kam nicht umhin, den Film als »mutmaßlich authentisch« zu bezeichnen.

Es steht leider zu erwarten, dass dies keine Einzelfälle bleiben, auch wenn nach offizieller Lesart allein russische Soldaten zu allen denkbaren Grausamkeiten fähig sind. Denn in dem Maße, wie sich die ukrainische Seite siegessicherer fühlt und spürt, dass sie auf die »bedingungslose Solidarität« ihrer westlichen Sponsoren zählen kann, wächst zwangsläufig auch das Gefühl der Straflosigkeit, wenn gegen bestehende Regeln des Kriegsrechts verstoßen wird.

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  • Leserbrief von M. Sachse aus Berlin (14. Mai 2022 um 08:23 Uhr)
    Wenn sich diese Verbrechen bestätigen sollten, handelt es sich eindeutig um Kriegsverbrechen. In den deutschen Medien wird das nicht thematisiert, weil es nichts ins Propagandaschema passt. Dankenswerte Ausnahme ist hier die junge Welt. Nach einem Ende des Russland-Ukraine-Krieges wird viel aufzuklären sein. Durch die Vereitelung der Verhandlungen und die Eskalation durch Waffenlieferungen sieht es derzeit aber nicht nach eine Befriedung aus. Leider.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Martin M. aus Paris (12. Mai 2022 um 21:19 Uhr)
    Sollten diese Videos sich tatsächlich als echt heraustellen, handelt es sich ganz klar um Verbrechen und einen Verstoß der Genfer Konvention resp. des humanitären Völkerrechts, welches Verwundeten und Kranken der bewaffneten Kräfte im Felde einen Schutz garantiert. Sollten die russische Armee tatsächlich verwundete Soldaten zurückgelassen haben, wäre dies ein Zeichen der Schwäche: normalerweise lässt eine Armee – besonders in diesem Krieg – keine Verwundeten zurück, sondern versucht diese im Rückzug mitzunehmen. Oder die spez. russischen Einheiten sind völlig ungeordnet – quasi in Panik – geflüchtet und habne die Kameraden im Stich gelassen. Egal, welches Szenario zutrifft, es schwächt nur die Moral der kämpfenden Truppen.
  • Leserbrief von C. Hoffmann (12. Mai 2022 um 12:09 Uhr)
    Danke, Reinhard Lauterbach, für diese traurige Bestätigung, was schon seit Wochen durch diverse Internetkanäle geistert. Was ist denn das anderes als Faschismus? Aber es gibt keinen Faschismus in der Ukraine, sagte einst die Alphafeder Claus Kleber. Unsere politische Führung macht sich mit diesem faschistischen Gesindel gemein. Mir fällt nur der Ausspruch, der Max Liebermann zugeschrieben wird, ein: »Ick kann janich so viel fressen, wie ick kotzen möchte!«
  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude Russland (12. Mai 2022 um 09:28 Uhr)
    Dank an R. Lauterbach für die Zusammenfassung und vor allem für die Nennung von Beweisen dieser in der Öffentlichkeit bekannt gewordenen und bewiesenen Greueltaten der ukrainischen Neonazis. Wer so etwas tut, der schießt auch Raketen auf seine eigenen Bürger in vielen Städten des Donbass, z. B. am Bahnhof von Kramatorsk oder auf das Theater von Mariupol, nämlich auf Bürger, die ohnehin vor acht Jahren mit großer Mehrheit für die Separatisten gestimmt hatten. Die Anzahl solcher »Verräter« soll sich ja nicht vermehren, sondern verringern. Nun schreibt der Autor des Artikels aber auch: »Es steht leider zu erwarten, dass dies keine Einzelfälle bleiben, auch wenn nach offizieller Lesart allein russische Soldaten zu allen denkbaren Grausamkeiten fähig sind.« Grausamkeiten sind auf keiner Seite in einem Krieg völlig auszuschließen. Sie müssen aber bewiesen werden. Bloße Behauptungen sind Kriegspropaganda. Die russische Seite sammelt alle Fakten über Kriegsverbrechen der ukrainischen Seite für ein neues »Nürnberg«, wozu auch die Behandlung von Kriegsgefangenen gehört. Die Ukraine kann das ihrerseits ja auch tun, falls es solche Fakten auf russischer Seite gibt. Die deutsche Öffentlichkeit wartet jedoch schon nicht mehr auf tragbare Beweise dafür, dass es stimmt, was die Ukraine und die deutschen Massenmedien täglich über russische Greuel behaupten. Sie wartet leider nicht mehr auf eine Erklärung, warum man die Hauptzeugen namens Skripal verschwinden ließ, warum diese niemals vor einem Gericht aussagen durften. Die Öffentlichkeit wartet ebenfalls nicht mehr auf Beweise für die Vergiftung von Nawalny durch Nowitschok. Dass diese Fragen in Deutschland, einem angeblichen Rechtsstaat, weder von den Behörden noch vom Großteil der Bevölkerung gestellt werden von den Gerichten garantiert nicht, dass also der unaufhörliche Rufmord an Russland seit Jahren vollkommen normal und unwidersprochen worden ist, erinnert an die Jahre von 1933 bis 45.
  • Leserbrief von Holger K. (12. Mai 2022 um 01:00 Uhr)
    Je rassistischer bzw. faschistischer das Kiewer Regime in seiner Grausamkeit wird, desto mehr bescheinigt die Ukraine Russland genau dies. Der Spieß wird ganz einfach umgedreht, dabei gilt das Motto: Frechheit siegt. Die hiesigen westlichen Medien der sogenannten Wertestaaten greifen dabei begierig die ukrainischen Schauermärchen und Einzelfälle auf, die sie dann gewaltig aufblasen, während Grausamkeiten, begangen an russischen Soldaten und Zivilbürgern, ganz einfach verschwiegen werden. Die hierbei steinalte und extrem abgedroschene Version ist stets gleich: Wir und unsere Verbündeten sind natürlich die Guten, der Gegner indes ist notorisch barbarisch, ganz so wie es in den Hollywood Schinken (Western, Krimis, Landserfilme usw.) stets uns vorgeführt wird.
  • Leserbrief von Wladimir (11. Mai 2022 um 21:58 Uhr)
    Vielen Dank für Ihren Beitrag, Herr Lauterbach. Ich möchte diesbezüglich etwas einwenden und halte mich relativ kurz. Die vermeintlichen Brüdervölker bekämpfen sich seit Jahren auf Geheiß eines imperialistisch denkenden Despoten. Soldaten und Involvierte beider Seiten werden durch diese Kriegssituation bei Gelegenheit schlimmste Dinge angetan, wie es in allen Kriegen passiert, weil jeder Involvierte sich in einem extremen Ausnahmezustand befindet! Da könnt ihr Außenseiter euer Zeug quatschen, aber die derzeitige Realität gebiert einfach solche Grausamkeiten. Wirklich interessant zu lesen wären mal ernsthafte Lösungsansätze zur Beseitigung des Konfliktes, aber da sieht es wohl auf allen Seiten eher nach Eskalation aus. Schade.

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