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Aus: Ausgabe vom 10.05.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Umweltschäden

Sauerei in Zwijndrecht

Bodenvergiftung in Belgien: US-Konzern 3M hinterlässt bei Antwerpen kontaminierte Erde. Landesregierung und Behörden waren informiert
Von Gerrit Hoekman
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Bei Menschen aus unmittelbarer Nachbarschaft des Werks wurden extrem hohe Giftbelastungen festgestellt

Alarmierende Ergebnisse, unabsehbare Folgen. Über die Hälfte der Teilnehmer einer medizinischen Studie in Antwerpen und Umgebung hat einen zu hohen Anteil hochgiftiger Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) im Blut. Die flämische Bürgerbewegung »Grondrecht« hatte die Untersuchung in Auftrag gegeben, die am Wochenende veröffentlicht wurde.

Das Gift geht auf eine Fabrik des US-Chemieriesen 3M in Zwijndrecht zurück, einige Kilometer von Antwerpens Zentrum entfernt. Obwohl das Unternehmen den Stoff seit gut 20 Jahren nicht mehr produziert, befindet er sich bis heute im Boden. PFOS gehört zu den »forever chemicals«: Es ist biologisch nicht abbaubar.

Bei Bauarbeiten am Oosterweeltunnel in Antwerpen stellte sich im Juni 2021 heraus, dass der Abraum erheblich belastet war. 3M hatte dort vor vielen Jahren kontaminierte Erde unsachgemäß abgeladen. Die Bauarbeiten an dem Tunnel mussten wegen der vergifteten Erde mehrmals unterbrochen werden, um den Boden zu sanieren.

Behörden und flämische Landesregierung wussten wohl seit 2017 von der Sauerei und kehrten sie unter den Teppich, berichtete die öffentlich-rechtliche VRT Nieuws im April. Die flämische Regierung und der Chemiekonzern sehen sich nun Klagen gegenüber. 3M hat angekündigt 150 Millionen Euro in die Sanierung des Bodens zu stecken. Ob die Summe reichen wird, ist mehr als zweifelhaft.

Frühere Untersuchungen bei Menschen, die in unmittelbarer Nachbarschaft des Werks wohnen, hatten zum Teil extrem hohe Belastungen des Bluts festgestellt. Doch nicht nur die direkte Umgebung, auch Antwerpen mit seinen 520.000 Einwohnern ist bedroht. Der aktuellen Studie zufolge liegen die Werte dort deutlich über dem europäischen Grenzwert von 6,9 Mikrogramm PFOS pro Liter Blut. Selbst im rund neun Kilometer Luftlinie entfernten Antwerpen-Noord.

»Die Ergebnisse sind nicht gut, auch wenn diese Menschen weiter weg wohnen und weniger Gemüse und Eier aus dem Garten essen als die Menschen in Zwijndrecht«, sagte Jacob de Boer von der Freien Universität Amsterdam, der für die Studie verantwortlich zeichnet. Die Bürgerbewegung »Grondrecht« verlangt nun eine breitere Untersuchung. Die aktuelle Stichprobe bezieht sich lediglich auf 25 zufällig ausgesuchte Personen.

Eine im April von der Partei der Arbeit (PVDA) in Auftrag gegebene Untersuchung bei Kindern von zwei bis zwölf Jahren am 3M-Standort in Zwijndrecht stellte bei sechs von 20 Kindern einen zu hohen PFOS-Wert fest. Am höchsten war der Wert bei denen, die regelmäßig Eier von Hühnern aus dem eigenen Garten aßen. Eine Anwohnerin berichtete am 28. April gegenüber VTM Nieuws, ihre Kinder ebenfalls getestet zu haben. Das Ergebnis: Im Blut des elfjährigen Sohns fanden sich elf Mikrogramm PFOS, bei der sechs Jahre alten Tochter sogar 20 Mikrogramm – ein Wert, der bei Erwachsenen als alarmierend gilt.

PFOS kann das Hormonsystem von Kindern und Jugendlichen erheblich stören, was die sexuelle Entwicklung verzögern und das Kurzzeitgedächtnis verschlechtern kann. Oft leiden Kinder auch an Müdigkeit. Ist der Stoff erst einmal im Blut, kann ihn nichts mehr senken. Die dem flämischen Gesundheitsministerium unterstellte Agentur für Pflege und Gesundheit rät den Einwohnern im Umkreis des Chemiekonzerns unter anderem, kein Grundwasser mehr zu trinken und keine Eier von eigenen Hühnern zu essen.

Anwohner aus einem Umkreis von fünf Kilometern um die Fabrik, gut 70.000 Menschen, können sich ab kommendem Herbst kostenlos testen lassen. Eine Untersuchung aller Proben dürfte Jahre dauern. Vorerst können das Angebot nur Menschen aus unmittelbarer Nachbarschaft des Werks annehmen. Bislang sind es 2.750, berichtete Het Laatste Nieuws am Freitag. Wer nur in Zwijndrecht arbeitet oder früher dort wohnte, wird sich gedulden müssen. Die ganze Tragweite des Umweltskandals wird sich erst dann herausstellen.

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