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Aus: Ausgabe vom 10.05.2022, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Folgen der Armut

»Deswegen müssen wir Kinder und Jugendliche arbeiten«

Guatemala: Ausbeutung auch von jungen Menschen an der Tagesordnung. Ein Gespräch mit Jennifer Arevalo und Hector de Leon
Interview: Thorben Austen, Quetzaltenango
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Mädchen in Guatemala bei der Arbeit in der Landwirtschaft (2011)

In Guatemala ist Kinderarbeit ein großes Problem. Die katholische Organisation Ceipa, für die Sie beide tätig sind, betreibt Schulen für arbeitende Kinder und Jugendliche im Südwesten des Landes. Am 1. Mai wurde von Ihnen ein Demonstrationsblock organisiert. Was wollten Sie mit Ihrer Teilnahme erreichen?

Jennifer Arevalo: Wir wollen der Gesellschaft zeigen, wie die Bedingungen für arbeitende Kinder und Jugendliche sind. Es ist uns wichtig zu zeigen, dass wir eine Stimme haben, unsere Probleme darstellen können und Lösungen einfordern, auch gegenüber der Regierung.

Auf den Plakaten forderten Sie bessere Bildung sowie eine würdevolle Zukunft für alle Kinder in Guatemala. Was muss sich ändern, damit dies erfüllt wird?

J. A.: Die wirtschaftliche Situation muss sich verbessern. Weil das Geld für das Überleben unserer Familien nicht reicht, müssen wir Kinder und Jugendliche arbeiten. Das kann nicht so weitergehen.

Hector de Leon: In Guatemala existieren viele Gesetze, die die Beschäftigung von Minderjährigen regeln. Nur halten sich viele nicht daran. In der Realität arbeiten viele der Kinder, die wir betreuen, mehr als acht Stunden am Tag, manche bis zu 16 Stunden. Wir fordern von der Politik eine gute Bildung, dass Kinder und Jugendliche über ihre Rechte informiert und dass Gesetze zu ihrem Schutz eingehalten werden.

Angesichts der aktuellen Wirtschaftslage in Guatemala ist es leider nicht realistisch, die Kinderarbeit zeitnah komplett zu unterbinden. Der Mindestlohn liegt bei knapp über 3.000 Quetzales (etwa 370 Euro, jW). Schon der reicht nicht zum Leben. Viele Eltern oder alleinerziehende Mütter haben nur prekäre Jobs und verdienen zwischen 1.000 oder 1.500 Quetzales im Monat. Da müssen die Kinder mitarbeiten.

In welchen Bereichen arbeiten Kinder und Jugendliche?

H. L.: Viele Mädchen arbeiten in der Produktion und im Verkauf von Tortillas (Grundnahrungsmittel in Guatemala, jW). Die Mädchen im Bereich der häuslichen Arbeit wiederum sind oft am stärksten ausgebeutet. Niemand sieht, was im Haus passiert, auch die Behörden und die Eltern nicht. Häufig sind die Arbeitszeiten von früh morgens bis spät abends, die Mädchen haben keine Möglichkeit der Schulbildung, der Lohn ist gering, zum Teil kommt es zu Fällen von sexuellem Missbrauch.

Darüber hinaus arbeiten zahlreiche Kinder in der Landwirtschaft mit. Auch dort gibt es viel Ausbeutung. In einem Steinbruch am Rande der Stadt Quetzaltenango arbeiten etliche Kinder, ebenso wie in der Herstellung von Baumaterial, was sehr schwere Arbeit ist. Hier auf dem zentralen Markt in Quetzaltenango arbeiten viele von ihnen als Lastenträger, von früh morgens um zwei Uhr bis 13 oder 14 Uhr. Das ist schwere Arbeit, die körperliche Schädigungen zur Folge hat. Ein weiterer Bereich, in dem Kinderarbeit wegen der Gefahren eigentlich untersagt ist, ist die Herstellung von Feuerwerkskörpern. Wir wissen, das viele Kinder dort illegal arbeiten, hier in einem Nachbarort von Quetzaltenango beispielsweise. Und dann gibt es auch noch die Kinderprostitution, über die nicht viel bekannt ist.

Auch in Guatemala sind Lebensmittel zuletzt deutlich teurer geworden. Wie wirkt sich das für die Menschen aus?

H. L.: Das ist gravierend. Die Pandemie hatte die wirtschaftliche Lage ohnehin sehr verschlechtert, jetzt kommen die Preissteigerungen der letzten Monaten im Zuge des Ukraine-Krieges. Die Preise für Tortillas sind um etwa 25 Prozent gestiegen, ebenso die für Gas etc. Das zeigt sich auch in der Zunahme von Migrationsbewegungen in Richtung USA. Viele unserer Schüler aus armen Gemeinden verschwinden über Nacht. Von den meisten hören wir nie wieder etwas. Wir wissen nicht, ob sie in den USA angekommen, ob sie inhaftiert, auf dem Weg Opfer von kriminellen Banden geworden oder zu Tode gekommen sind.

Die 16jährige Jennifer Jimena Arevalo Velásquez macht derzeit einen Schulabschluss beim »Centro Ecuménico de Integración Pastoral« (Ceipa) und ist dort aktiv in einem Projekt, bei dem Jugendlichen eine Perspektive von würdevoller Arbeit ohne Ausbeutung eröffnet werden soll.

Hector de Leon arbeitet bei Ceipa als Koordinator für die Schulbildung von arbeitenden Kindern

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