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Aus: Ausgabe vom 09.05.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Der große Scherbenhaufen

Wahn der Wiederholung: Doctor Strange irrt durchs Multiversum
Von Peer Schmitt
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Geht denn schon wieder die Welt unter? Keine Pause für Dr. Stephen Strange

In einem sogenannten Weltraum – eine dunkle Fläche, von der sich Trümmer und lichte Aktionswirbel abheben – kämpfen eine junge Frau und ein älterer Herr gegen ein Etwas. Es sei sehr mächtig das Etwas, sagt der ältere Herr. Er kann es nicht mehr bändigen, es sei denn, er würde die junge Frau und ihre Kraft, ihr spezielles Vermögen, auf die es das Etwas unter anderem wohl abgesehen hat, zum Opfer bringen. Das Etwas ist ein Monster. Als ein solches besteht es aus Schnauze, aus Maul. Es ist ein Etwas, das etwas zu schlucken hat. Im Laufe des Kampfes wird dann jedoch weder geschluckt noch geopfert. Die junge Frau öffnet ein Portal und verschwindet vorerst. Der ältere Herr erwacht in seinem Bett in seinem Schlafzimmer, augenscheinlich in New York City. Der alte, inzwischen vielleicht allzu billige Trick der Traumsequenz, die Maschinerie zu zeigen, die etwas zeigt, so als ob man deutlich davon wissen könnte, was sie zeigt, hat mal wieder seinen Effekt gezeitigt.

Der ältere Herr zeigt sich im Erwachen. Mutmaßlich hat er im Traum etwas gesehen: das Verschwinden der jungen Frau, das Monstermaul und seinen eigenen Tod. Er schaut auf die Uhr.

Wird er denn den Traum, wie es so schön heißt, deuten? Schließlich ist der ältere Herr ein Doktor, sogar einer der Medizin, wenn auch ein seltsamer. Wir erkennen ihn wieder: Doctor Strange. Im Marvel Cinematic Universe (MCU) hat er für uns die vertraute Gestalt von Benedict Cumberbatch angenommen. Der erwachten Figur ist es überlassen, sich als ihre eigene Deutung zu zeigen. Das genügt erst mal.

Doctor Strange lebt in einer distinguierten Welt der extravaganten Objekte – Uhren, Umhang, Krawatten, die sich von Zauberhand, d. h. wie von selbst, formvollendet knoten. Er geht auf eine Hochzeitsgesellschaft. Sein altes »Love interest« Dr. Christine Palmer (Rachel McAdams) heiratet (natürlich nicht ihn). Die Hochzeitsgesellschaft wirkt ein wenig wie eine Trauergesellschaft. Noch ist die große Auslöschung des »Avengers: Endgame« nicht völlig verwunden. Kaum hat Doctor Strange seinen Martini bis zur Zitronenschale an der Neige des Glases ausgetutscht, sorgt das Etwas für Aufheiterung. Ein Oktopus mit einem einzigen Riesenauge fällt vom Himmel, ebenso die junge Frau aus der Traumsequenz.

Das Auge wird ausgestochen, der Augapfel aus seiner Höhle gerissen. Danach darf die junge Frau sich endlich vorstellen. Sie heißt America … America Chavez (Xochitl Gomez), trägt eine alte Jeansjacke, die wie eine verblichene US-Flagge aussieht, hat die verdächtige Eigenschaft, nicht träumen zu können, und die Fähigkeit, die ansonsten unmöglichen Übergänge zwischen den parallelen Welten des Multiversums zu schaffen. Die Traumlosigkeit ist ihr Symptom. In den Träumen zeigt sich das Etwas des Multiversums. Sie hingegen ist einmalig, der Übergang selbst. Das alles wird zu Beginn von »Doctor ­Strange in the Multiverse of Madness« denkbar beiläufig ausgeplappert, bevor man dann zur Traummaschinerie des Multiversums übergehen kann. Dort geht es dann freilich ein wenig hektischer zu, und alles gibt es mindestens zweimal.

Das Multiversum ist nun die Realität der »Phase IV« des MCU. Endlosschleife der verwickelnden Wiederholungen: Das Multiversum ist nichts anderes als »Disney plus«. Dort gab es die TV-Miniserie »Wanda-Vision« zu sehen. Die bislang erfolgreichste Serie der genannten Plattform, eine der erfolgreichsten in der Geschichte überhaupt. Eine ungefähre Kenntnis der Geschehnisse in »Wanda-Vision« ist beinahe unerlässlich, um zumindest das Grundmotiv des Films halbwegs zu vestehen. In »Wanda-Vision« schuf sich die Titelfigur – Wanda Maximoff (Elizabeth Olsen) – dank ihrer magischen Kräfte als Scarlet Witch die Illusionswelt einer Kleinstadt-Sitcom, um über den Verlust ihrer Familie hinwegzukommen. Magie steht also für Trauerarbeit.

Scarlet Witch kann mit einem Wimpernzucken einen blütenweißen Apfelgarten in ein blutrotes wüstes Land verwandeln. Magie steht also für traumwandlerische Allmacht (militärisch, produktionstechnisch usw.). In diesem Film nun hat Scarlet Witch die Absicht, ihre Illusionswelt in die Realität des Multiversums zu verwandeln.

Beinahe geht dabei die ganze Welt schon wieder vor die Hunde, nur weil eine vor Trauer wahnsinnig gewordene verwitwete Frau in Frieden allabendlich ihre beiden Söhne zu Bett bringen will, obwohl diese Söhne leider schon mausetot sind, zumindest in einem der vielen Universen. Trauerarbeit ist heikel.

Für den Übergang in das Multiversum hat man Sam Raimi als Regisseur engagiert. Er hat in grauer Vorzeit den fiesen Humor der Toten in den Träumen genauso inszeniert wie auch schon das große Liebesdilemma von Spiderman und steht noch für das alte Handwerk von Maske und Schminke und Literarizität ein. Dem stehen die extravaganten Objekte und der formlose Scherbenhaufen der »Magie« digitaler Animation gegenüber. Sam Raimi ist eine Integrationsfigur.

Für das Multiversum ist der Scherbenhaufen wiederholt das tatsächlich adäquate Bild, nicht nur in diesem Film. Das Kaleidoskop ist längst zersprungen. Denn sobald zu Beginn eines Films ein gewaltiger Augapfel – ein Augapfel so groß wie eine Hochzeitsgesellschaft – aus seiner Höhle gerissen wird, darf man sich sicher sein das, dass dieses Auge an anderer Stelle wieder auftauchen wird, eine andere Stirn sich bietet.

Dem Auge steht ja nicht auf die Stirn geschrieben, was es sieht: die Scherbe, die es aussticht. Doch wenn man nicht genau weiß, was man sieht, ist das schon einmal ein ganz gutes Anzeichen dafür, dass man noch nicht völlig verrückt ist.

»Doctor Strange in the Multiverse of Madness«, Regie: Sam Raimi, USA 2022, 126 Min, bereits angelaufen

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