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Aus: Ausgabe vom 09.05.2022, Seite 4 / Inland
Schläger in Uniform

Aus Trauer wird Wut

Mannheim: Protest gegen Polizeigewalt. Polizist in Berlin wegen rassistischen Überfalls verurteilt
Von Nick Brauns
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Nach Tod bei Festnahme: Kämpferische Demonstration gegen Polizeigewalt (Mannheim, 7.5.2022)

Fünf Tage nach dem Tod eines Mannes bei seiner Festnahme sind am Sonnabend in Mannheim rund tausend Demonstrantinnen und Demonstranten gegen Polizeigewalt auf die Straße gegangen. Gefordert wurde die lückenlose Aufklärung der Todesumstände des 47jährigen. Dieser war – wie auf Filmaufnahmen zu sehen ist und von Zeugen bestätigt wurde – von Polizisten durch die Straße gehetzt, mit Pfefferspray traktiert und schließlich bereits am Boden liegend und fixiert mehrfach mit der Faust ins Gesicht geschlagen worden. Der kroatischstämmige Mann kollabierte daraufhin und verstarb nach Polizeiangaben wenig später in einer Klinik. Zuvor war der psychisch kranke Mann aus dem Zentralinstitut für seelische Gesundheit verschwunden. Sein behandelnder Arzt hatte deswegen die Polizei alarmiert, da der Mann möglicherweise Hilfe brauchte. Gegen die inzwischen vom Dienst suspendierten Beamten wird wegen des Verdachts der Körperverletzung im Amt mit Todesfolge ermittelt. Die Bodycams der beiden Polizisten waren während des Einsatzes übrigens ausgeschaltet.

Unter lautstarken Parolen wie »No Justice No Peace« zog die Demonstration unter roten und Antifafahnen hinter einem Banner mit der Aufschrift »Trauer – Wut – Widerstand. Wer schützt uns vor der Polizei« vom Mannheimer Marktplatz, wo der Kroate zu Tode gekommen war, durch die Innenstadt. Immer wieder wurden bengalische Fackeln abgebrannt und Böller gezündet. Eine Polizeiwache, das Stadthaus, das Landgericht, eine Bank und weitere Gebäude wurden von wütenden Demonstranten mit Beuteln roter Farbe beworfen. Auch Parolen gegen die Polizei wurden dort gesprüht. Diese war zwar mit mehreren Hundertschaften in den Nebenstraßen präsent, hielt sich während der Demonstration aber sichtlich zurück.

Auch am Kottbusser Tor in Berlin gab es am Sonnabend unter dem Motto »Mannheim war kein Einzelfall« eine Kundgebung gegen Polizeigewalt. Hier im Herzen des als alternativ geltenden Stadtteils Kreuzberg will Innensenatorin Iris Spranger (SPD) auf einer den Platz überragenden Häuserbrücke eine Polizeiwache errichten lassen. Anwohner, Gewerbetreibende und Kiez­initiativen befürchten dann eine weitere Zunahme von rassistischen Kontrollen, Schikanen und Gewalt der Polizei gegen gesellschaftlich ausgegrenzte Menschen.

Bereits am Freitag hatte das Amtsgericht Tiergarten in Berlin fünf Jahre nach einem rassistischen Überfall auf einen afghanischen Asylsuchenden den Polizisten Stefan K. und einen Mitangeklagte zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 80 Euro verurteilt. Ein weiterer Mittäter erhielt eine zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafe von sechs Monaten. Die drei Männer hatten nach einem Fußballspiel des 1. FC Union Berlin im April 2017 den Asylsuchenden Jamil Amadi* am S-Bahn­hof Karlshorst zusammengeschlagen und schwer verletzt. Das Gericht bestätigte nun die rassistische Motivation des Angriffs. Der daran beteiligte Polizist K., der an diesem Abend nicht im Dienst gewesen war, hatte bis 2016 ausgerechnet einer Emittlergruppe zu einer faschistischen Anschlagsserie in Berlin-Neukölln angehört. Trotz des laufenden Verfahrens gegen die Schläger hatte der damalige Innensenator Andreas Geisel (SPD) Amadi im März 2020 nach Afghanistan abschieben lassen. »Tief enttäuscht über die Milde des Urteils«, zeigten sich die Kampagne für die Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP), die Initiative »Reach Out«, der Flüchtlingsrat Berlin und Pro Asyl in einer gemeinsamen Presseerklärung. »Die Berliner Innensenatorin Iris Spranger muss jetzt den Fehler ihres Vorgängers korrigieren und durch eine Rückholung von Jamil Amadi ein klares Signal gegen Hasskriminalität und für den Opferschutz senden«, forderte KOP-Sprecher Biplab Basu am Freitag.

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