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Aus: Ausgabe vom 07.05.2022, Seite 11 / Feuilleton
Sachbuch

Männer auf einem Hügel

Erratische Situationen: Peter Geimers Buch »Die Farben der Vergangenheit« erklärt, wie Geschichte zu Bildern wird
Von Michael Wolf
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Jean Louis Ernest Meissonier: »Der französische Feldzug von 1814 Napoleon und seine Armee«, Öl auf Leinwand, 1864

Wenn in der Tagesschau ein schwarzweißes Foto hinter dem Sprecher erscheint, folgt eine Todesmeldung. Automatisch erkennt das Publikum, dass der Abgelichtete bereits Teil der Geschichte ist. Dieser Mechanismus wird weniger durch das Farbschema selbst gesteuert, sondern eher dadurch, dass es längst auch andere gibt. Während wir unsere Gegenwart, zumindest annähernd, technisch in den Farben abbilden können, die wir vor uns sehen, assoziieren wir mit Schwarzweiß etwas, das nicht (mehr) unserer Zeit angehört.

In »Die Farben der Vergangenheit – Wie Geschichte zu Bildern wird« geht der Kunsthistoriker Peter Geimer solchen Eigenschaften von Bildern nach. Der FU-Professor ist ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Fotografietheorie, sein Buch beginnt aber mit einer Analyse von Werken des Malers Ernest Meissonier (1815–1891). Der Franzose schloss mit einigen seiner Gemälde an die Historienmalerei an, allerdings mit ganz anderen Zielen. Er orientierte sich nicht am fruchtbaren Augenblick, verewigte also nicht jene großen Momente, an denen das Schlachtenglück sich wendete, sondern malte seltsam banale Situationen. Da erkunden Offiziere vor den Kampfhandlungen das Schlachtfeld, da reitet Napoleon nachdenklich über ein Feld.

Meissonier verdichtete Geschichte nicht, statt dessen zeigte er sie in all ihren Details. Akribisch recherchierte er die Kleidung und Ausrüstung längst verstorbener Feldherren. Bei ihm glänzt jeder Knopf wie vor zweihundert Jahren, ist jeder Soldatenstiefel so gealtert, wie es ein Kriegseinsatz mit sich bringt. Als »malerische Inszenierung einer Tatsächlichkeit« beschreibt Geimer das Programm des Malers, schweigt sich jedoch über die Gründe dieser Entwicklung weitgehend aus. Musste die narrative Historienmalerei an ihr Ende kommen, weil sie in Konkurrenz mit der Fotografie geriet, ein Medium, das erstmalig unbezweifelbar glaubwürdige Bilder lieferte?

Geimer lässt das offen. Wenngleich er sich im Laufe des Buches kontinuierlich der Gegenwart nähert, liefert er keine kunst- oder mediengeschichtliche Genealogie. Man kann den Band statt dessen als Katalog einer fiktiven Ausstellung verstehen, die schlaglichtartig das Verhältnis von Geschichte und ihrer Bildwerdung behandelt. Es lohnt allemal, sich seiner Führung anzuschließen, auch weil man die Effekte, die Geimer beschreibt, an über hundert abgedruckten Bildern selbst nachvollziehen kann. Irritierend wirken etwa die Fotografien der Künstler Larry Sultan und Mike Mandel. 1977 brachten sie unter dem Titel »Evi­dence« einen Band heraus mit Fotos, die sie in Archiven zusammengesucht hatten. Sie alle dokumentieren Versuche, Tests oder Rekonstruktionen, doch auf den Bildern selbst wird nicht klar, welches Erkenntnisinteresse die Menschen antrieb. Männer in Anzügen stehen da auf einem Hügel herum, eine Frau hebt ein Kind vor einer Holzscheibe in die Luft, drei Arbeiter hantieren mit einer Art Folie.

Erratische Situationen sind hier zu sehen, die auf ein Wesensmerkmal von Fotografien verweisen: Als Betrachter kann man sicher davon ausgehen, dass das, was auf ihnen zu sehen ist, stattgefunden hat, womit aber noch nicht notwendigerweise etwas darüber gesagt ist, um was es sich dabei handelt. Das Weglassen des Kontextes hat diese Bilder als Dokumente weitgehend nutzlos gemacht, ihren Status als Kunstwerke aber erst ermöglicht.

Am Schluss geht Geimer ausführlich auf den Trend ein, historisches Foto- und Filmmaterial nachzukolorieren, ein prominentes Beispiel ist der Film »They shall not grow old« vom »Herr-der-Ringe«-Regisseur Peter Jackson. Befürworter argumentieren, die Menschen früherer Generationen hätten nicht in einer schwarzweißen Umwelt gelebt, weshalb die Farbe einer späten Befreiung gleichkomme. Geimer widerspricht dem mit einem Plädoyer für Dezenz im Umgang mit den Spuren der Vergangenheit und formuliert einen ethischen Anspruch. Man solle die Bilder vorsichtig behandeln, ihre Differenz zur Gegenwart bewahren, statt sie heutigen Sehgewohnheiten anzupassen.

Peter Geimer: Die Farben der Vergangenheit. Wie Geschichte zu Bildern wird. Mit 101 Abbildungen. Verlag C. H. Beck, München 2022, 304 Seiten, 38 Euro

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