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Aus: Ausgabe vom 06.05.2022, Seite 2 / Inland
Schläger in Uniform

»Die erlauben sich immer mehr«

Mannheim: Nach tödlicher Polizeigewalt sprechen Zeugen und Angehörige. Hemmschwelle von Beamten sinkt. Ein Gespräch mit Yusuf As
Interview: Kristian Stemmler
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Blumen und Kerzen am Ort, an dem am Montag ein Mann nach Polizeigewalt starb (Mannheim, 3.5.2022)

Der Fall von Polizeigewalt in Mannheim am Montag, bei der ein 47 Jahre alter, psychisch erkrankter Mensch starb, sorgt für Empörung im ganzen Land. Sie und Ihre Mitstreiter waren in Mannheim und haben mit vielen Zeugen und Verwandten des Opfers gesprochen. Was konnten Sie in Erfahrung bringen?

Nach übereinstimmenden Aussagen ist der Mann von den zwei beteiligten Polizeibeamten regelrecht durch die belebte Einkaufsstraße im Zentrum gejagt worden. Er wurde mit Pfefferspray besprüht. Vor der Metzgerei wurde er in die Zange genommen, es gab eine Rangelei zwischen ihm und der Polizei, und da haben die Beamten schon angefangen, ihm Schläge gegen den Kopf zu verpassen. Er hat sich gewehrt, und dann haben sie ihn zu Boden gebracht. Dann kommt die Szene, die wir alle aus dem Video kennen.

Das heißt, es gab mehr als die zwei Schläge, die auf dem Video zu sehen sind.

Definitiv. Die Festnahme ist ja direkt vor einer türkischen Metzgerei passiert. Nebenan ist eine Bäckerei, vor der Leute saßen und ihren Kaffee tranken. Wir haben mit den Angestellten der Metzgerei gesprochen. Die haben uns bestätigt, dass der 47jährige schon vor der Szene, die dieses Video zeigt, geschlagen worden ist. Was aber für besondere Empörung bei vielen Menschen sorgt, ist die Tatsache, dass der Mann da bäuchlings auf dem Bürgersteig liegt, fixiert und völlig wehrlos. Und in dem Moment, in dem er sich in Panik aufbäumt, verpasst der jüngere der Beamten ihm zwei Hiebe mit voller Wucht gegen den Kopf.

Es gibt Vermutungen, dass der 47jährige bereits am Tatort, also dort auf dem Bürgersteig vor der Metzgerei, verstarb. Was sagen Sie dazu?

Also, alle, wirklich alle Zeugen, die wir gesprochen haben, sagen: Der war schon vor Ort tot. Der Rettungswagen ist gekommen, stand aber erst mal 20 Minuten da. Wenn man einen Menschen retten will, dann fährt man mit dem doch sofort in die Klinik.

Er ist noch nicht mal sofort in den Rettungswagen gebracht worden, um zumindest da behandelt zu werden?

Nein. Er lag erst mal relativ lange da, dann haben sie ihn erst in den Wagen reingenommen. Es wurden wohl Reanimationsmaßnahmen eingeleitet. Aber ich habe mit zehn, 15 Leuten gesprochen, die sind sicher keine Mediziner, aber die sagten mir alle: Der war tot, und die haben das zum Schein gemacht. Nach einer Weile wurde der Bereich mit einem Sichtschutz vor den Blicken der Passanten abgeschirmt.

Der Verstorbene, war zu lesen, hatte das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit gegen ärztlichen Rat verlassen. Das kann aber nur heißen, dass er nicht untergebracht war, sondern gehen durfte.

Das könnte so gewesen sein. Ich habe gestern mit der Familie des Opfers gesprochen, die vorerst anonym bleiben wollen. Ihr Angehöriger litt wohl unter Schizophrenie. Aber dann frage ich mich, wieso man so einfach einen seelisch Kranken weggehen lassen kann. Der Arzt hat die Polizei dann benachrichtigt und hat dann gemeinsam mit den beiden Beamten den Mann gesucht. Kurz vor der Tat haben sie ihn gesehen, auf jeden Fall haben sie ihn vor der Metzgerei in die Zange genommen, er wollte nicht mitgehen. Dann gab es eine Rangelei zwischen ihm und der Polizei, und da haben die Polizisten schon angefangen, ihm Schläge zu verpassen.

Die Tat geschah am hellichten Tag in einer belebten Innenstadt. Wie war die Atmosphäre dort am Tag darauf?

Es war den ganzen Tag viel los dort. Am Tatort haben ständig Menschen Blumen niedergelegt und Kerzen entzündet, vielen hatten Redebedarf.

Es sind bereits Parallelen zur Ermordung des US-Amerikaners George Floyd durch einen Polizeibeamten am 25. Mai 2020 in Minneapolis gezogen worden. Auch wenn der Fall sicher etwas anders gelagert ist – sehen Sie die auch?

Wir ordnen den Vorfall nicht als rassistische Polizeigewalt ein. Aber man muss den Vergleich ziehen – weil es sich um Polizeigewalt gegen einen völlig wehrlosen Menschen handelte, der dabei zu Tode kam, einen Mann, der absolut nichts getan hatte. Die Hemmschwelle der Polizei sinkt immer weiter ab. Die erlauben sich immer mehr. Polizeibeamte müssten doch schon in der Ausbildung lernen, wie sie mit psychisch kranken Menschen umzugehen haben. Das muss doch zur Grundausbildung gehören – und nicht nur die Griffe und Schläge, mit denen man jemanden außer Gefecht setzt.

Yusuf As ist Mitglied im Bundesvorstand der Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF)

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred G. aus Hamburg Altona ( 5. Mai 2022 um 20:55 Uhr)
    Er wurde durch Schläge auf den Kopf bzw. an die Schläfe getötet. Die Frage aber ist, warum hat sich niemand eingemischt von den Menschen, die das vom Café aus gesehen haben und dabei noch ihren Kaffee schlürften? Für mich ist das das wahre Gesicht kapitalistischer Kultur und Lebensweise. Der Kapitalismus hat die Mehrheit der Menschen entmenschlicht. Sie nennen es modern und cool und überdecken damit ihre eigene Ohnmacht und Hilflosigkeit bzw. Sprachlosigkeit. Es ist einfacher im Kapitalismus den eigenen Egoismus auszuleben, als hilfsbereit und solidarisch zu sein – das widerspricht der kapitalistischen Kultur. Damit das so bleibt, werden wir pausenlos mit Gewaltorgien, Lügen und Halbwahrheiten in Film- und TV gefüttert – das ist der Hauptinhalt kapitalistischer Kultur. Das geschieht so lange, bis wir selbst zu kapitalistischen Dreck werden – so funktioniert Propaganda. Der entmenschlichte und faschistische Dreck, den der Kapitalismus täglich mit seinen Propagandamedien absondert, hat zur Folge, dass normale Menschen ihren natürlichen Instinkt verlieren, anderen zu helfen.

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