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Aus: Ausgabe vom 04.05.2022, Seite 7 / Ausland
Wenige Wochen vor der Wahl

Mordpläne gegen Petro

Kolumbien: Linker Präsidentschaftskandidat sagt wegen Sicherheitsbedenken Wahlkampfauftritte ab
Von Frederic Schnatterer
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Sorgt in rechten Kreisen teils für Panik: Gustavo Petro am 22. März in Bogotá

Wenige Wochen vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahl in Kolumbien scheinen Teile der Rechten zu drastischeren Mitteln zu greifen. Das verkündete zumindest am Montag (Ortszeit) das Team von Gustavo Petro, Kandidat des Linksbündnisses »Historischer Pakt«. In einer Mitteilung, die via Twitter verbreitet wurde, heißt es, Petro werde seine geplanten öffentlichen Auftritte in den Departamentos des sogenannten Eje Cafetero, der Kaffeeanbauregion des Landes, am Dienstag und Mittwoch nicht wahrnehmen. Grund seien ernste Sicherheitsbedenken.

So habe Petros Team »aus erster Hand von Quellen aus der Region« Informationen darüber erhalten, dass die »kriminelle Gruppe ›La Cordillera‹« einen Mordanschlag auf den linken Kandidaten plane. Laut der Mitteilung handelt es sich bei »La Cordillera« um eine paramilitärische Gruppe, die sich vor allem im Drogenhandel und dem Geschäft mit Auftragsmorden betätigt. Weiter heißt es, die Organisation habe »weitreichende Kontrolle über die zivilen, regionalen und politischen Behörden im Eje Cafetero erlangt«, ebenso »über einen Teil der Polizei und der Armee«.

Die kolumbianische Polizei erklärte, sie verfüge »bisher über keine nachrichtendienstlichen oder gerichtsrelevanten Informationen«, die auf einen »kriminellen Plan« gegen den Kandidaten des »Historischen Pakts« schließen ließen. Trotzdem werde die Generalstaatsanwaltschaft die Vorwürfe, »einschließlich der angeblichen Bedrohung durch die kriminelle Vereinigung La Cordillera« überprüfen. Gleichzeitig betonte die Polizei, Petro verfüge über »einen der solidesten Sicherheitsapparate des Landes«. Darüber hinaus stellten die kolumbianischen Einsatzkräfte »alle notwendige Unterstützung zur Verfügung«, »um sein Leben, seine Unversehrtheit und seine politische Tätigkeit zu gewährleisten«.

Wie das Nachrichtenportal La Silla Vacía berichtete, ist La Cordillera für einen Großteil des Kokain- und Marihuanahandels im Eje Cafetero verantwortlich. Hinzu kommen Entführungen und Auftragsmorde. Hervorgegangen sei die Gruppe nach der »Demobilisierung« der berüchtigten Paramilitärs der »Autodefensas Unidas de Colombia« 2003, deren Chef für die Region, Carlos Mario Jiménez, 2008 in die USA ausgeliefert wurde. Laut der Tageszeitung El Espectador konnte La Cordillera, deren Zentrale in Risaralda liegt, in den vergangenen Jahren erhebliche Machtgewinne verzeichnen.

Auch Morde an Linken und sozialen Aktivisten gehören allem Anschein nach zum Tätigkeitsfeld der Paramilitärs. Bekanntheit erlangte im vergangenen Jahr – inmitten der großen Protestwelle in Kolumbien – der Fall von Lucas Villa, dessen Tötung die Staatsanwaltschaft Mitgliedern von La Cordillera zuschreibt. Der Aktivist Villa war im Mai 2021 in Pereira, der Hauptstadt des Departamento Risaralda im Eje Cafetero am Rande einer Demonstration erschossen worden.

Die monatelangen Proteste gegen die Regierung des Ultrarechten Iván Duque, deren einjähriges Jubiläum vergangene Woche gefeiert wurde, dürften einen erheblichen Anteil daran haben, dass bei der Präsidentschaftswahl erstmals der Sieg eines linken Kandidaten möglich ist. Laut Umfragen liegt Petro in der Wählergunst weit vor seinem wichtigsten Konkurrenten, dem von allen wichtigen Teilen der Rechten unterstützten Federico Gutiérrez. Das jüngste veröffentlichte Ergebnis einer Befragung des Instituts Invamer sagt Petro in der ersten Runde am 29. Mai 43,6 Prozent der Stimmen voraus, während nur 26,7 Prozent der Befragten angaben, für Gutiérrez stimmen zu wollen. Trotz des Vorsprungs von 16,9 Punkten käme es so am 19. Juni zu einer Stichwahl zwischen den beiden Kandidaten.

Auch in der Vergangenheit setzten ultrarechte Teile in Zusammenarbeit mit dem organisierten Verbrechen auf die physische Ausschaltung oppositioneller Kandidaten. Daran erinnerte am Montag auch María José Pizarro, Senatorin des »Historischen Pakts«, die auf Twitter erklärte: »Die Tragödie der Wahlen von 1990 darf sich nicht wiederholen.« Ihr Vater Carlos Pizarro war am 16. April 1990 als Kandidat der »Demokratischen Allianz M-19« einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. Die »Demokratische Allianz« war aus der Stadtguerilla M-19, der auch Petro angehörte, hervorgegangen. Im selben Wahlkampf wurden auch zwei weitere Kandidaten ermordet.

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