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Aus: Ausgabe vom 02.05.2022, Seite 12 / Thema
Politische Ökonomie

Fressen und gefressen werden

Vorabdruck. Ökonomischer Kannibalismus in Vergangenheit und Gegenwart
Von Thomas Kuczynski
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Während sich die seit der Frühen Neuzeit verbreitete Vorstellung des Kannibalismus oft als rassistische Projektion europäischer Kolonisatoren entpuppt hat, gehört das »Fressen und gefressen werden« im kapitalistischen Wirtschaftsleben tatsächlich zur Normalität (Kupferstich von Theodor de Bry, 1562)

In diesen Tagen erscheint im Kölner Papyrossa-Verlag der Sammelband »Fortschritt in neuen Farben? Umbrüche, Machtverschiebungen und ungelöste Krisen der Gegenwart«. Wir veröffentlichen daraus leicht gekürzt und mit freundicher Genehmigung von Verlag, Herausgebern und Autor den Aufsatz von Thomas Kuczynski. (jW)

Wer in ein altes Lexikon schaut – z. B. den Meyer von 1896 –, findet das Wort Kannibalismus nur innerhalb des Stichworts Kannibalen: »… ursprünglich die Menschen fressenden Bewohner der Karibischen Inseln; daher überhaupt soviel wie Menschenfresser, wilde, grausame Menschen. Daraus entstand kannibalisch und Kannibalismus«. Wer dagegen eine moderne Enzyklopädie wie Wikipedia konsultiert, findet unter dem Stichwort Kannibalismus sehr verschiedenartige Vorgänge benannt, und auch der dem alten Meyer nächststehende ist breiter gefasst: »Als Kannibalismus wird das Verzehren von Artgenossen oder Teilen derselben bezeichnet. Insbesondere versteht man darunter den Verzehr von Menschenfleisch durch Menschen (Anthropophagie), aber auch im Tierreich gibt es Kannibalismus.« Gleichen Sinnes benennt der Terminus in der Astronomie das »Verschlucken« kleinerer Galaxien durch größere und im Bereich der Technik das »Ausschlachten« von Geräten und Anlagen zum Zwecke der Ersatzteilgewinnung.

Zur Wirtschaft findet sich hier lediglich der Verweis auf den sinnverwandten Terminus Kannibalisierung, mit dem die Verdrängung eines Produkts durch ein qualitativ gleichartiges, aber billigeres desselben (!) Anbieters bezeichnet wird.¹ Analog bezeichnet der Terminus Kannibalismuseffekt die Tatsache, dass Marktanteilsgewinne einer Marke (z. B. eines neuen Produktes) zu Lasten anderer Marken gehen, insbesondere wenn »differenziert geplante Produktangebote vom Verbraucher als identisch erlebt werden und sich entsprechend die Angebote auf dem gleichen Teilmarkt gegenseitig Konkurrenz machen (›eine Marke frisst eine andere auf‹).«² Die in Klammern gesetzte Erläuterung macht den Zusammenhang ganz deutlich, auch wenn das Phänomen selbst viel älter ist, als offenbar von den Autoren angenommen.

Greshams Gesetz

Ein berühmtes Beispiel, dass eine bessere »Marke« durch eine schlechtere »aufgefressen« wird, liefert das sogenannte Greshamsche Gesetz, wonach das schlechtere das bessere Geld aus der Zirkulationssphäre verdrängt. Thomas ­Gresham (1519–1579), weiland Finanzberater der englischen Königin und Begründer der Londoner Börse, hatte ein solches Gesetz zwar nie formuliert, aber der schottische Ökonom Henry Dunning Macleod (1821–1902) schrieb ihm 1858 die Entdeckung zu, dass gutes und schlechtes Geld nicht gleichzeitig nebeneinander zirkulieren können, dass schlechtes Geld mit geringem Edelmetallgehalt gutes Geld mit hohem Edelmetallgehalt verdrängt.³ Auf dem Kontinent waren jedoch, wie wenige Jahre später Louis Wolowski (1810–1876) festgestellt hat, schon der französische Theologe und Philosoph Nicole Oresme (ca. 1330–1382) und der vor allem als Astronom berühmte Nikolaus Kopernikus (1473–1543) zu ganz ähnlichen Einsichten gelangt.⁴ Realhistorisch zeigte sich das Wirken des Greshamschen Gesetzes in den Münzverschlechterungen vor allem des 16. und 17. Jahrhunderts, von denen die Periode der Kipper und Wipper zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland eine herausragende, geradezu sprichwörtlich gewordene Rolle spielte, ebenso aber auch in den Papiergeldinflationen des 20. Jahrhunderts, von denen die deutsche Hyperinflation von 1923 nur ein, allerdings ein besonders prägnantes Beispiel darstellt.

Obwohl Marx das Greshamsche Gesetz als solches offenbar nicht gekannt hat,⁵ finden sich auch in seinem Werk Hinweise sowohl auf die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Münzfälschungen⁶ als auch auf das Ersetzen von Gold- und Silbermünzen durch »relativ wertlose Dinge wie Papierzettel«,⁷ also Banknoten, das ja erst die Möglichkeit von Papiergeldinflationen schuf. Darüber hinaus zitiert und analysiert er Beispiele für Kannibalismus im weiteren Sinne des Wortes, im Zusammenhang mit der ursprünglichen Akkumulation in England, der Expropriation des Landvolks von Grund und Boden und der Verwandlung von Ackerland in Viehweide: »In seiner Utopia spricht Thomas Morus von dem sonderbaren Land, wo ›Schafe die Menschen auffressen‹.«⁸ – Im Zusammenhang mit der im 19. Jahrhundert fortgeführten Praxis der Vertreibung des Landvolks: »Manchmal erweicht sich irgendein ausnahmsweis schwachherziger Grundherr über die von ihm geschaffene Einöde. ›Es ist ein traurig Ding, allein in seinem Land zu sein‹, sagte der Graf von Leicester, als man ihm zum Fertigbau von Holkham gratulierte; ›ich schaue um mich und sehe kein Haus außer meinem eignen. Ich bin der Riese vom Riesenturm und habe alle meine Nachbarn aufgegessen.‹«⁹

Im Unterkapitel über die »geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation« hat Marx die Expropriation vieler kleinerer Kapitalisten durch einige wenige kurz und bündig in dem Satz zusammengefasst: »Je ein Kapitalist schlägt viele tot.«¹⁰ Dieser Satz stellt die Quintessenz dessen dar, was Marx später in seiner Unterscheidung von Konzentration und Zentralisation des Kapitals herausgearbeitet hat: »Er [der Prozess der Zentralisation] unterscheidet sich von dem ersten [dem Prozess der Konzentration] dadurch, dass er nur veränderte Verteilung der bereits vorhandnen und funktionierenden Kapitale voraussetzt. (…) Das Kapital schwillt hier in einer Hand zu großen Massen, weil es dort in vielen Händen verlorengeht. Es ist Konzentration bereits gebildeter Kapitale, Aufhebung ihrer individuellen Selbständigkeit, Expropriation von Kapitalist durch Kapitalist, Verschmelzung einer größren Anzahl kleinrer Kapitale zu einer kleinren Anzahl größrer Kapitale, mit einem Wort die eigentliche Zentralisation im Unterschied zur Akkumulation.«¹¹ Allerdings subsumiert Marx darunter zwei sehr verschiedenartige Prozesse: Ob die Zentralisation »sich auf dem gewaltsamen Wege der Annexion vollzieht – gewisse Kapitale werden zu so mächtigen Gravitationszentren gegenüber andren Kapitalen, dass sie deren inneren Zusammenhalt zerstören und sich um deren zerfallene Elemente erweitern – oder ob die Verschmelzung einer Masse von schon vorhandenen resp. in Bildung begriffnen Kapitalen auf dem versüßteren Wege der Aktiengesellschaften usw. stattfindet – die ökonomische Wirkung wird ganz dieselbe bleiben.«¹²

»Ein Kapitalist schlägt viele tot«

Mag das Resultat auch dasselbe sein, so sind die Wege zu dessen Erzielung grundverschieden: Beim Beschreiten des erstgenannten findet in der Tat das kannibalische »ein Kapitalist schlägt viele tot« statt, wogegen bei der Bildung von Aktiengesellschaften aus vielen kleinen Kapitalen ein neues, größeres entsteht, und zwar zumeist ohne »Totschlag« der zu Aktionären gewordenen Kapitalisten. Aber beide Wege setzen nicht nur das Vorhandensein größerer und kleinerer Kapitale voraus, sondern auch die Konkurrenz: »Der Konkurrenzkampf wird durch Verwohlfeilerung der Waren geführt. Die Wohlfeilheit der Waren hängt, ceteris paribus (unter sonst gleichen Bedingungen, jW), von der Produktivität der Arbeit, diese aber von der Stufenleiter der Produktion ab. Die größeren Kapitale schlagen daher die kleineren.« Hinzu kommt, »dass mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise der Minimalumfang der notwendigen Vorschüsse wächst, der erheischt ist, um ein Geschäft unter seinen normalen Bedingungen zu betreiben. Die kleineren Kapitale drängen sich daher in Produktionssphären, deren sich die große Industrie nur noch sporadisch oder unvollkommen bemächtigt hat. Die Konkurrenz rast hier im direkten Verhältnis zur Anzahl und im umgekehrten Verhältnis zur Größe der rivalisierenden Kapitale. Sie endet stets mit dem Untergang einer großen Zahl kleiner Kapitalisten, deren Kapitale teils in die Hand des Siegers übergehn, teils untergehn.«¹³

Konnten die bei Marx aus früheren Zeiten angeführten Beispiele noch als von den historischen Akteuren mehr oder minder bewusst herbeigeführte Resultate von Kannibalismus bzw. Kannibalisierung interpretiert werden, ist der Zentralisationsprozess des Kapitals ein objektiver Prozess, der von den Akteuren allenfalls modifiziert, also beschleunigt oder verlangsamt werden kann, aber prinzipiell unabhängig von ihrem Willen und Wollen abläuft. Er setzt daher die Existenz einer kapitalistischen Produktionsweise voraus, die sich auf ihrer eigenen technologischen Grundlage entwickelt und ihren eigenen ökonomischen Gesetzen folgt. In diesem sozialökonomisch determinierten Sinne sind Kannibalismus und Kannibalisierung zu einem essentiellen Bestandteil kapitalistischer Entwicklung geworden.¹⁵

Die Tendenz des Zentralisationsprozesses hatte Marx noch gesehen: »Das Kapital kann hier zu gewaltigen Massen in einer einzigen Hand anwachsen, weil es dort einer großen Zahl von Händen entgleitet. In einem einzelnen Geschäftszweig hätte die Zentralisation ihre äußerste Grenze erreicht in dem Augenblick, wo alle dort angelegten Kapitale nur noch ein einziges individuelles Kapital bildeten. In einer gegebnen Gesellschaft wäre diese äußerste Grenze erreicht erst in dem Augenblick, wo das gesamte nationale Kapital nur noch ein einziges Kapital bilden würde in der Hand, sei es eines einzigen Kapitalisten, sei es einer einzigen Kapitalistenvereinigung.«¹⁴ Was er nicht mehr wahrnehmen konnte, war die Tatsache, dass der Zentralisationsprozess, lange vor Erreichung seiner äußersten Grenze, umschlagen würde in einen neuartigen, in einen Monopolisierungsprozess, in dessen Ergebnis auch ein neues Stadium des Kapitalismus, der Monopolkapitalismus, erreicht wurde.¹⁶

Lauter Trusts

Sicherlich, im strengen Sinne des Wortes gibt es selbst heute kaum Monopole, sondern nur Oligopole: Einige wenige Anbieter beherrschen einen gegebenen Markt und befinden sich zumeist in »monopolistischer (!) Konkurrenz«, beispielsweise heutzutage Microsoft und Apple. Aber diese mehr philologische Kritik ändert nichts an der Grundtatsache, dass das Wirtschaftsleben in den kapitalistischen Ländern zumeist von einigen wenigen beherrscht wird, die ihre vormaligen Konkurrenten »gefressen« haben.

Als im Frühjahr 1914 die älteste deutsche Aktienbank, der A. Schaaffhausen’sche Bankverein, von der Disconto-Gesellschaft »geschluckt« wurde, fiel, wie der Bankexperte Alfred Lansburgh (1872–1937) schrieb, »zum ersten Male eine wirkliche deutsche Großbank dem Konzentrationsprozess zum Opfer«, und er schloss seinen Artikel über »Die Bank mit den 300 Millionen« mit der Prognose: »Weitere Banken werden auf dem beschrittenen Wege nachfolgen (…) und aus den 300 Personen, die heute Deutschland wirtschaftlich regieren, werden mit der Zeit 50, 25 oder noch weniger werden. Es ist auch nicht zu erwarten, dass die neueste Konzentrationsbewegung sich auf das Bankwesen beschränken wird (…), und eines Tages werden wir aufwachen und uns die Augen reiben: Neben uns lauter Trusts, vor uns die Notwendigkeit, die Privatmonopole durch Staatsmonopole abzulösen. Und doch haben wir uns im Grunde nichts anderes vorzuwerfen, als dass wir der Entwicklung der Dinge ihren freien, durch die Aktie ein wenig beschleunigten Gang gelassen haben.«¹⁷

Die Privatmonopole durch Staatsmonopole abzulösen, dieser von Lansburgh sogar als Notwendigkeit prognostizierte Vorgang, wurde zwar für einige Jahrzehnte in der Sowjetunion und in Osteuropa realisiert, konnte aber im Ergebnis eines »kalten Krieges« vom Privatkapital wieder rückgängig gemacht werden. Der imperialistische Kannibalismus konnte einen riesigen Triumph feiern – von wenigen, deshalb besonders verhassten Ausnahmen wie China und Kuba abgesehen, beherrschen die Privatmonopole das Wirtschaftsleben im globalen Maßstab, und auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts war »das große Fressen«¹⁸ weitergegangen.

Neue Form der Kannibalisierung

Jedoch hat sich seit dem Ausbruch der Finanzkrise von 2007/08 im kapitalistischen Wirtschaftsleben eine neue Form von Kannibalisierung entwickelt. Die im Gefolge der Krise seither von den Zentralbanken geübte Praxis des billigen Geldes hat, entgegen ihrer Zielsetzung, keineswegs zu einem dauerhaften Aufschwung der Realwirtschaft geführt, weil eine Erhöhung der Investitionen in der produzierenden Wirtschaft ausgeblieben ist; die aber wäre wesentliche Voraussetzung dafür, mehr zu produzieren, auf diese Weise das Angebot zu erhöhen und so die Nachfrage zu befriedigen. Das Gegenteil ist der Fall, weshalb die Neue Zürcher Zeitung am 9. Dezember 2019 (also Wochen vor den ersten Nachrichten über die Coronapandemie) sehr treffend über eine »Kannibalisierung der realen Investitionen« durch die zwar schuldenfinanzierten, aber viel renditeträchtigeren Finanzinvestitionen berichtet hat. Wenn jedoch durch Spekulationen in der Finanzsphäre viel höhere Profite viel leichter und viel schneller zu erlangen sind als durch langfristige Anlagen in der Produktionssphäre, sind die unmittelbaren Folgen für Produktion und Akkumulation dann absehbar, wenn eine von Engels im Kapital-Band III getroffene Feststellung auf die gegenwärtigen Verhältnisse angewendet wird. Sie lautet: »Und sobald die Kapitalbildung ausschließlich in die Hände einiger wenigen, fertigen Großkapitale fiele, für die die Masse des Profits die Rate aufwiegt, wäre überhaupt das belebende Feuer der Produktion erloschen. Sie würde einschlummern.«¹⁹

Engels’ Feststellung erklärt einiges. Sie erklärt, warum Infrastrukturen mehr und mehr verrotten, deren Wiederherstellung, selbst auf dem alten Niveau, hierzulande weit über hundert Milliarden kosten würde – Investitionen, die sich unter dem Blickwinkel des Profits »nicht rechnen«. Sie erklärt, warum Konzerne per »Outsourcing« ihre produzierenden Bereiche mehr und mehr in Billiglohnländer ausgelagert haben, mit dem nunmehr ganz offensichtlich gewordenen Resultat, dass »die Lieferketten reißen«. Sie erklärt, warum über Jahre als Ideal eine vorratslose Produktion (»Just-in-time-production«) angestrebt worden ist, deren Resultate heute in Form »neoliberaler Mangelwirtschaft«²⁰ zu besichtigen sind. Sie erklärt auch, warum die für das Gesundheitswesen Zuständigen in Politik und Wirtschaft der vierten Coronawelle genauso hilflos gegenüberstanden wie der ersten, weil sie immer noch nicht begriffen haben, dass weder Privatisierungen noch die allein unter betriebswirtschaftlichem Aspekt hochprofitablen Sparprogramme geeignete Mittel zur Bekämpfung der Pandemie sind; die ist allein durch Investitionen in den Griff zu bekommen, und zwar sowohl beim variablen Kapital (durch erhöhten Personalbestand und bessere Bezahlung) als auch beim konstanten Kapital (dessen Struktur zu vielfältig ist, um deren Elemente hier aufzulisten).

In all diesen Bereichen sind die Folgen der Kannibalisierung der Realinvestitionen offenkundig. Und dabei ist noch nicht einmal jener Bereich genannt, über den zwar ständig geredet wird, in dem aber, gemessen an der Aufgabenstellung, bislang kaum etwas getan worden ist – die zwar noch nicht eingetretene, aber immer wahrscheinlicher werdende Klimakatastrophe, die die Fortexistenz der Menschheit bedroht. Die Aussichten auf Veränderung sind jedoch schlechter als je zuvor – angesichts der weiter fortgesetzten neoliberalen Wirtschaftspolitik, der Nicht-Ergebnisse diverser Weltklimakonferenzen (die der im November 2021 in Glasgow zu Ende gegangenen hat Greta Thunberg zu Recht als »Blabla« charakterisiert) und bislang ziemlich erfolglos gebliebener Aktionen wie »Fridays for Future« und ähnlicher Proteste.

Gibt es im Rahmen kapitalistischer Eigentumsverhältnisse realistische Möglichkeiten, die drohende Katastrophe abzuwenden? Eine mögliche Variante ist, dass alles beim Alten bleibt: Die Kapitaleigentümer treiben weiter ihre Spiele an der Börse und kümmern sich nicht um neue, profitable Anlagesphären in der Realwirtschaft. Dann könnte die von Engels angedeutete Möglichkeit verwirklicht werden: Das »belebende Feuer der Produktion« erlischt, so dass die Produktion »einschlummert«, – auf diese Weise könnten sich Klima, Ozeane, die belebte Natur usw. erholen, und die natürlichen Selbstreinigungsprozesse würden wieder in Gang kommen. Angesichts des in weiten Teilen dieser Welt herrschenden Elends wäre dies eine Lösung für die »Happy Few«, nicht auszuschließen, aber zumindest für sozial denkende Menschen nicht erstrebenswert.

Steuern für Reiche

Eine andere Variante ist, dass die notwendigen Investitionen von Staats wegen getätigt werden.²¹ Dazu benötigt der Staat allerdings eines – Geld. Das ist auch massenhaft vorhanden, nämlich bei den an der Börse spielenden, aber ansonsten investitionsabstinenten Kapitaleigentümern. So titelte beispielsweise Focus online am 9. November 2021: »Warren Buffett sitzt auf 143 Milliarden Dollar Cash – doch kauft fast nur eigene Aktien«; derselbe Buffett beschwert sich seit zehn Jahren, dass er weniger Steuern zu zahlen habe als seine Sekretärin (vgl. Handelsblatt vom 25.1.2012), und verlangt mehr Steuern für die Superreichen: »Meine Freunde und ich sind lange genug von einem Milliardär-freundlichen Kongress verhätschelt worden« (vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.8.2011). Dem Manne könnte geholfen werden – nicht etwa durch einen revolutionären Akt, sondern durch eine Steuerreform, mit der nur zu den Zuständen zurückgekehrt werden würde, wie sie in den USA vor der neoliberalen Konterrevolution herrschten, als der Präsident der Ford Company, Lee Iacocca, sich »in der Steuerklasse von 90 Prozent« befand, »das heißt, um zwei Dollar ausgeben zu können, mussten wir zwanzig Dollar verdienen.«²² Aber das würde voraussetzen, dass die Politik sich von der neoliberalen Ideologie verabschiedet, die die Wirtschaftspolitik seit Ronald Reagan und Margaret Thatcher, also seit vierzig Jahren beherrscht, und die Herrschaft des neoliberalen Kannibalismus gebrochen wird. Auf der Basis derart erhöhter Steuereinnahmen könnten sukzessive die notwendigen Realinvestitionen in Billionenhöhe getätigt werden, und demzufolge könnten sich Klima, Ozeane, die belebte Natur usw. langsam erholen und die natürlichen Selbstreinigungsprozesse wieder in Gang kommen.

Das ist kein revolutionäres Programm. Aber vorschnelle Kritiker sollten bedenken, was Marx in vergleichbarer Lage schrieb. Die andauernde Arbeitszeitverlängerung während der industriellen Revolution, der dadurch hervorgerufene Raubbau an der menschlichen Arbeitskraft, führte seiner Ansicht nach damals nicht nur »eine Reaktion der in ihrer Lebenswurzel bedrohten Gesellschaft herbei und damit einen gesetzlich beschränkten Normal-Arbeitstag«²³, sondern: Die von den gesetzlich verordneten Arbeitszeitverkürzungen initiierte »wundervolle Entwicklung von 1853 bis 1860, Hand in Hand mit der physischen und moralischen Wiedergeburt der Fabrikarbeiter, schlug das blödeste Auge. Die Fabrikanten selbst (…) wiesen prahlend auf den Kontrast mit den noch ›freien‹ Exploitationsgebieten hin.«²⁴ Vergleichbares heute zu erreichen, wäre wohl nicht die schlechteste Variante.

Anmerkungen

1 Vgl. wirtschaftslexikon.gabler.de, Definition: Kannibalisierung (abgerufen am 8.10.2021)

2 wirtschaftslexikon.gabler.de, Definition: Kannibalismus-Effekt (abgerufen am 8.10.2021)

3 Vgl. Henry Dunning Macleod: The Elements of Political Economy, London 1858, S. 475–477

4 Vgl. L[ouis] Wolowski: Traictie de la première invention des monnoies de Nicole Oresme … et Traité de monnoie de Copernic, Paris 1876 (Reprint Genève 1976). Zu Kopernikus vgl. auch Erich Sommerfeld: Die Geldlehre des Nicolaus Copernicus, Berlin 1978

5 Vielleicht hatte er wegen seiner vernichtenden Kritik an den »kreuzverwirrten Vorstellungen« Macleods über das englische Bankwesen dessen »Elements of Political Economy« gar nicht erst zur Kenntnis genommen. Vgl. Karl Marx: Das Kapital, Bd. I. Neue Textausgabe, bearb. u. hg. v. Thomas Kuczynski, Hamburg 2017 (im Folgenden: NTA), S. 37. Diejenigen, denen NTA nicht zur Verfügung steht, seien verwiesen auf die originalen Texte in Marx/Engels: Gesamtausgabe (im Folgenden: MEGA), bzw. in Marx/Engels: Werke (im Folgenden: MEW); vgl. MEW 23, 75 bzw. MEGA II/6, 93

6 Vgl. NTA 72, bzw. MEW 23, 114/115 bzw. MEGA II/6, 126

7 Vgl. NTA 96, bzw. MEW 23, 140 bzw. MEGA II/6, 149

8 NTA 649; vgl. MEW 23, 747 bzw. MEGA II/6, 648; Marx zitiert nach Thomas More: Utopia. Originally printed in Latin, 1516. Transl. into English by R. Robinson … Carefully ed. by E. Arber, London 1869, S. 41

9 NTA 625; vgl. MEW 23, 721 bzw. MEGA II/6, 629; Marx zitiert aus: Public health. Seventh Report of the Medical Officer of the Privy Council, London 1864, S. 135

10 NTA 693; vgl. MEW 23, 790 bzw. MEGA II/6, 682

11 NTA 560; vgl. MEW 23, 654 bzw. MEGA II/7, 547

12 NTA 562; vgl. MEW 23, 656 bzw. MEGA II/7, 548

13 NTA 560/561; vgl. MEW 23, 654/655 bzw. MEGA II/7, 547

14 NTA 562; vgl. MEW 23, 655/656 bzw. MEGA II/7, 548

15 Der indigene US-Historiker Jack D. Forbes (1934–2011) war der Auffassung, »dass Imperialismus und Ausbeutung Formen des Kannibalismus sind und wirklich die teuflischsten und bösesten Formen des Kannibalismus« (vgl. sein Buch: Columbus und andere Kannibalen. Die indianische Sicht der Dinge. Übers. aus d. Englischen, Wuppertal 1992, S. 40; in der Neuausgabe Columbus and other cannibals. The wétiko disease of exploitation, imperialism, and terrorism. Rev. ed., New York 2008, S. 24). Der große Nachteil seiner Untersuchung ist, dass er den Kannibalismus als eine ansteckende Krankheit ansieht, die als »Wétiko-Seuche« (vom angolquinischen Wendigo, zu deutsch Menschenfresser; vgl. den Artikel in Wikipedia English, abgerufen am 4.11.2021), von den ersten Zivilisationen im Nahen Osten ausgehend, nach und nach alle zivilisierten Völker »infizierte« (S. 60 bzw. 44), so dass »die Weltgeschichte der vergangenen 2000 Jahre zum größten Teil die Geschichte der Verbreitung der Wétiko-Seuche« sei (S. 62 bzw. 46); die gegen die Wétiko-Psychose gerichteten Bemühungen seien seiner Ansicht nach vor allem daran gescheitert, dass »sie den Wétiko nicht als kranken Menschen verstanden haben« (S. 150 bzw. 171); das einzige Gegenmittel sei daher die »Suche nach geistiger Gesundheit – die Umkehrung des Brutalisierungsprozesses« (ebd.).

16 Monopole als solche gab es schon wesentlich früher, zu Martin Luthers Zeiten die »Gesellschaft Monopolia« (vgl. NTA 267 sowie im historisch-kritischen Apparat die Anm. 9668 bzw. MEW 23, 328 bzw. MEGA II/6, 308), sie waren aber nicht, wie dann zu Lenins Zeiten, das sozialökonomisch bestimmende Moment eines Stadiums kapitalistischer Entwicklung.

17 Die Bank. Monatshefte für Finanz- und Bankwesen, Berlin 1914, H. 5, S. 415 u. 426, hier zit. n. Wladimir I. Lenin: Hefte zum Imperialismus = Werke, Bd. 39, Berlin 1970, S. 57 f.

18 Vgl. Winfried Wolf: Fusionsfieber oder: das große Fressen. Globalisierungsmythos – Nationalstaat – Wirtschaftsblöcke, Köln 2000

19 Vgl. MEW 25, 269 bzw. MEGA II/15, 255 (Hervorhebung Th. K.)

20 Hierzu vgl. meinen Artikel gleichen Titels in: lunapark21 – zeitschrift zur kritik der globalen ökonomie, H. 55 (Herbst 2021), S. 78 f.

21 Auf diese Variante hat mich Georg Fülberth aufmerksam gemacht; vgl. auch meinen Aufsatz »Steuern zum Umsteuern? Ein reformistischer Vorschlag zur Abwendung einer Katastrophe«, in: lunapark21, H. 56

22 Lee Iacocca/William Novak: Iacocca. Eine amerikanische Karriere, Düsseldorf/Wien 1986, S. 131

23 Vgl. NTA 359; vgl. MEW 23, 431 bzw. MEGA II/6, 397

24 Vgl. NTA 252; vgl. MEW 23, 312/313 bzw. MEGA II/6, 296/297

Frank Deppe/Georg Fülberth/André Leisewitz (Hg.): Fortschritt in neuen Farben? Umbrüche, Machtverschiebungen und ungelöste Krisen der Gegenwart. Papyrossa-Verlag, Köln 2022, 260 Seiten, 16,90 Euro

Thomas Kuczynski ist Wirtschaftshistoriker und lebt in Berlin. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 9. September 2017 über die Unterordnung der Arbeit unter das Kapital.

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